| I91. IM HAUSE DES ZEBEDÄUS. SALOME ANGENOMMEN ALS JÜNGERIN Jesus befindet sich im Haus des Jakobus und des Johannes, wie ich den Gesprächen der Anwesenden entnehme. Mit Jesus sind, außer den beiden Aposteln Petrus und Andreas auch Simon der Zelote, Judas Iskariot und Matthäus. Die anderen sehe ich nicht. Jakobus und Johannes sind selig. Sie kommen und gehen von der Mutter zu Jesus und umgekehrt wie Schmetterlinge, die nicht wissen, welche 176 Blume unter zwei gleich geliebten sie vorziehen sollen, und Maria Salome liebkost jedesmal glücklich ihre großen Söhne, während Jesus dazu lächelt. Sie müssen soeben gespeist haben, denn die Tafel ist noch gedeckt. Doch die beiden wollen unbedingt, daß Jesus auch von den weißen Trauben esse, die die Mutter eingemacht hat und die süß wie Honig sein müssen. Was würden sie Jesus nicht alles geben! Salome aber möchte etwas mehr geben und erhalten als Weintrauben und Liebkosungen. Nachdem sie Jesus und Zebedäus eine Zeitlang nachdenklich betrachtet hat, beschließt sie zu handeln. Sie geht zum Meister, der mit dem Rücken an den Tisch gelehnt sitzt, und kniet vor ihm nieder. << Was willst du, Frau? >> << Meister, du hast beschlossen, daß deine Mutter und die Mutter des Jakobus und des Judas mit dir kommen werden, auch Susanna und natürlich die große Johanna des Chuza werden dir folgen. Alle Frauen, die dich verehren, werden kommen, wenn vorerst eine gekommen ist. Auch ich möchte dabei sein. Nimm mich, Jesus. Ich werde dir in Liebe dienen. >> << Du mußt dich um Zebedäus kümmern. Liebst du ihn nicht mehr? >> << Oh, und wie ich ihn liebe! Doch noch mehr liebe ich dich! Oh, ich will nicht sagen, daß ich dich als Mann liebe. Ich bin sechzig Jahre alt und seit fast vierzig Jahren Gattin, und ich habe nie einen anderen Mann als den meinen angesehen. Nun, da ich eine alte Frau bin, werde ich nicht töricht, noch wird meines Alters wegen die Liebe für meinen Zebedäus sterben. Aber du... Ich habe nicht reden gelernt. Ich bin eine arme Frau. Ich sage es, wie ich kann. Also: Zebedäus liebe ich mit all dem, was zuvor in mir war. Dich liebe ich mit all dem, was du in mir mit deinen Worten und mit denen, die mir Jakobus und Johannes gesagt haben, gewirkt hast. Es ist etwas ganz anderes... aber etwas so Schönes. >> << Es wird niemals gleich schön sein wie die Liebe eines vortrefflichen Gatten. >> << Oh! Nein! Viel mehr wird es sein!... Oh, sei mir nicht böse, Zebedäus! Ich liebe dich noch mit all meinem Wesen. Doch ihn liebe ich mit etwas, das zwar auch Maria ist, aber nicht mehr Maria, jene erbärmliche Maria, deine Frau, sondern viel mehr... Oh, ich kann es gar nicht ausdrücken! >> Jesus lächelt der Frau zu, die ihren Gatten nicht beleidigen will und dennoch ihre große, neue Liebe nicht verschweigen kann. Auch Zebedäus lächelt würdevoll und nähert sich seiner Frau, die immer noch kniet und sich abwechselnd zum Gatten und zu Jesus wendet. << Aber bist du dir bewußt, Maria, daß du dein Haus verlassen müßtest? Du, die du so sehr an ihm hängst! Deine Tauben... deine Blumen... jener Weinstock, der die süßen Trauben hervorbringt, auf die du so stolz bist... deine Bienenstöcke, die ertragreichsten des Ortes... und der Webstuhl, auf dem du so viel Linnen und Wolle gewoben hast für deine Lieben... und I77 erst deine Enkelkinder? Wie wirst du ohne deine kleinen Enkelkinder leben können? >> << Oh, mein Herr! Was sind schon Mauern, Tauben, Blumen, Reben, Bienenstöcke und ein Webstuhl - alles gute und teure Dinge - aber im Vergleich zu dir und zur Liebe zu dir sind sie unendlich klein! Die Enkelkinder... ja, es wird schmerzlich sein, sie nicht mehr auf dem Schoß in den Schlaf wiegen zu können und sie nicht mehr rufen zu hören... Doch du bedeutest mir mehr! Oh, du bist mehr als alle diese Dinge, die du mir aufgezählt hast! Und auch, wenn sie mir in meiner Schwäche alle zusammengenommen so lieb oder lieber wären als dir zu dienen und nachzufolgen, so würde ich sie unter Tränen, den Tränen einer Frau, von mir schieben, um dir mit lächelnder Seele nachzufolgen. Nimm mich, Meister! Sagt es ihm, Johannes, Jakobus... und du, mein Gemahl! Seid gut zu mir und helft mir alle. >> << Also gut, auch du wirst mit den anderen kommen. Ich wollte, daß du gut über die Vergangenheit und die Gegenwart nachdenkst; über das, was du zurückläßt, und das, was du auf dich nimmst. Doch komm, Salome. Du bist reif, in meine Familie aufgenommen zu werden. >> << Oh! Reif! Weniger reif als ein Kind bin ich. Doch wirst du mir meine Fehler verzeihen und mich an der Hand führen. Du... denn, ungebildet wie ich bin, werde ich mich vor deiner Mutter und Johanna sehr schämen müssen. Vor allen werde ich mich schämen, nur nicht vor dir, denn du bist der Gütige, alles verstehst du, alles entschuldigst du, alles verzeihst du. >> I92. JESUS SPRICHT ZU DEN SEINEN VOM APOSTOLAT DER FRAU << Was hast du, Petrus? Du scheinst mir unzufrieden >>, sagt Jesus, der auf einem kleinen Feldweg unter blühenden Mandelbäumen daherkommt, die den Menschen künden, daß die schlimmste Jahreszeit vorüber ist. << Ich denke nach, Meister. >> << Du denkst nach, ich sehe es. Doch dein Ausdruck sagt mir, daß du nicht über erfreuliche Dinge nachdenkst. >> << Aber du, der du alles von uns weißt, weißt auch, worüber ich nachdenke. >> << Ja, ich weiß es bereits. Auch Gott Vater kennt die Bedürfnisse des Menschen, doch er verlangt vom Menschen das Vertrauen, das die eigenen Nöte darlegt und ihn um Hilfe bittet. Ich kann dir nur sagen, daß du unrecht hast, wenn du dir darüber Kummer machst. >> << Dann ist also meine Frau dir nicht weniger lieb? >> I78 << Aber nein, Petrus! Warum sollte sie mir weniger lieb sein? Im Himmel hat mein Vater viele Wohnungen. Es gibt viele Aufgaben für die Menschen auf Erden, und wenn sie in heiliger Weise erfüllt werden, sind sie alle segensreich. Sollte ich dir vielleicht sagen, daß alle Frauen, die nicht dem Beispiel Marias und Susannas folgen, von Gott nicht geliebt sind? >> << O nein! Auch meine Frau glaubt an den Meister, aber sie folgt doch nicht dem Beispiel der anderen >>, sagt Bartholomäus. << Auch die meine mit ihren Töchtern nicht. Sie bleiben zu Hause und sind immer bereit, Gastfreundschaft zu gewähren, wie sie es gestern getan haben >>, sagt Philippus. << Ich glaube, auch meine Mutter wird so handeln. Sie kann nicht alles verlassen... sie ist allein >>, sagt Judas. << Es ist wahr! Es ist wahr! Ich war so betrübt, weil mir schien, die meine wäre... so wenig... Oh, ich weiß es nicht auszudrücken! >> << Kritisiere sie nicht, Petrus! Sie ist eine rechtschaffene Frau >>, sagt Jesus. << Sie ist sehr schüchtern. Ihre Mutter hat alle, Töchter und Schwiegertöchter, wie dünne Ruten gebogen >>, sagt Andreas. << Doch nach einem so langen Zusammenleben mit mir hätte sie sich ändern dürfen! >> << Oh, Bruder! Du bist nicht sehr sanft, weißt du? Auf einen Schüchternen wirkst du wie ein Klotz zwischen den Beinen. Meine Schwägerin ist eine sehr gute Frau, und das ist dadurch bewiesen, daß sie die Mutter mit ihrer Bosheit und dich mit deiner Überheblichkeit stets mit Geduld ertragen hat. >> Alle lachen über die unverschleierte Folgerung des Andreas und über das erstaunte Gesicht des Petrus, der sich einen Überheblichen nennen hört. Auch Jesus muß herzlich lachen. Dann sagt er: << Die treuen Frauen, die sich nicht dazu berufen fühlen, ihr Heim zu verlassen, um mir nachzufolgen, dienen mir ebenso durch ihr Zuhausebleiben. Hätten alle mit mir kommen wollen, hätte ich einigen gebieten müssen, zu Hause zu bleiben. Jetzt, da die Frauen sich uns anschließen, werde ich auch an sie denken müssen. Es wäre weder anständig noch klug, wenn die Frauen, die uns hierhin und dorthin begleiten werden, auf einmal keine Unterkunft hätten. Wir können uns überall ausruhen. Die Frau hat andere Bedürfnisse und braucht eine Unterkunft. Uns genügt ein Schlafraum für uns alle, sie jedoch könnten nicht unter uns sein, einmal aus Achtung und zum anderen aus Rücksicht auf ihre zartere Beschaffenheit. Man darf die Vorsehung Gottes nie herausfordern und die menschliche Natur nie über die gegebenen Grenzen hinaus versuchen. Nun mache ich aus jedem befreundeten Haus, wo sich eine eurer Frauen befindet, eine Raststätte für ihre Schwestern. Aus deinem, Petrus, aus deinem, Philippus, aus deinem, 179 Bartholomäus, und aus deinem, Judas. Wir werden den Frauen unser rastloses Wandern nicht zumuten können. Wir werden sie am Ort zurücklassen, von dem wir jeweils am Morgen aufbrechen und zu dem wir am Abend zurückkehren. Wir werden sie in unseren Ruhestunden unterweisen, so werden die Leute nicht mehr murren können, wenn andere unglückliche Geschöpfe zu mir kommen, und mir wird es nicht mehr verwehrt sein, sie anzuhören. Die Mütter und Ehefrauen, die uns folgen, werden bestimmt sein zur Verteidigung ihrer Schwestern und meiner selbst gegen die Verleumdungen der Welt. Ihr seht, daß ich eilige Besuche machen will an Orten, wo ich Freunde habe oder haben werde. Dies geschieht nicht meinetwegen, sondern um der Schwächsten unter den Jüngern willen, die mit ihrer Schwäche unsere Kraft unterstützen und sie für viele, viele Geschöpfe nützlich werden lassen. >> << Doch jetzt wollen wir nach Caesarea gehen, wie du gesagt hast. Wer ist denn dort? >> << Geschöpfe, die sich nach dem wahren Gott sehnen, gibt es überall. Der Frühling kündet sich schon an mit diesem rosa Schleier von blühenden Mandelbäumen. Die Tage des Frostes sind vorüber. In wenigen Tagen werde ich die Orte für den Aufenthalt und die Unterkunft unserer Jüngerinnen festgelegt haben, worauf wir unsere Wanderungen wieder aufnehmen werden, um das Wort Gottes zu verbreiten, ohne uns um die Schwestern sorgen und ohne Verleumdungen befürchten zu müssen. Ihre Geduld und ihre Sanftmut wird euch eine Lehre sein. Auch für die Frau wird bald die Stunde der Wiedererlangung ihrer Würde kommen. Ein großes Blumenbeet von Jungfrauen, Bräuten und Müttern wird in meiner Kirche sein. >> 193. JESUS IN CAESAREA AM MEER ER SPRICHT ZU DEN GALEERENSKLAVEN Jesus befindet sich in der Mitte eines weiten und recht schönen Platzes, der in eine sehr breite Straße ausläuft, die fast eine Verlängerung des Platzes zu sein scheint und bis zum Meeresufer führt. Eine Galeere hat gerade den Hafen verlassen und wird vom Wind und den Ruderschlägen ins offene Meer getrieben. Eine andere dreht bei, um in den Hafen zu gelangen, denn die Segel werden eingezogen und die Ruder nur von einer Gruppe bewegt, um das Schiff zu wenden und in die gewünschte Stellung zu bringen. Der Hafen ist vom Platz aus nicht sichtbar, doch kann er nicht weit entfernt sein. Der Platz ist von großen Gebäuden umgeben mit den charakteristischen Außenmauern, welche kaum eine Öffnung aufweisen. Nirgends ein Laden. I 80 << Wohin gehen wir nun? Du hast hierher kommen wollen, statt in den östlichen Teil der Stadt zu gehen, und hier wohnen die Heiden. Wer will dir hier schon zuhören? >> rügt Petrus. << Gehen wir zu jenem Winkel am Meer. Dort werde ich sprechen. >> << Zu den Wellen? >> << Auch die Wellen sind von Gott erschaffen worden. >> Sie gehen. Nun sind sie an der Bucht angelangt und können von dort aus den Hafen überblicken, in den die Galeere, die sie vorher gesehen hatten, langsam einläuft und dann anlegt. Einige Seeleute schlendern müßig den Kai entlang. Obstverkäufer wagen es, sich dem römischen Schiff zu nähern, um ihre Ware anzubieten. Das ist alles. Jesus, der mit dem Rücken zur Mauer steht, scheint tatsächlich zu den Wellen zu sprechen. Die Apostel sind nicht besonders zufrieden mit dieser ganzen Lage; sie umringen ihn, teils stehend, teils auf den Felsbrocken sitzend, die da und dort herumliegen und ihnen als Bank dienen. << Töricht ist der Mensch, der sich mächtig, gesund und glücklich fühlt und sagt: "Was brauche ich schon mehr? Wen brauche ich? Niemanden! Nichts fehlt mir, ich genüge mir selbst, daher gelten für mich die Gebote und die Vorschriften Gottes oder die Sittengesetze nichts. Mein Gesetz ist, das zu tun, wozu ich fähig bin, ohne darüber nachzudenken, ob es nun gut oder schlecht für die anderen sei.'' >> Ein Händler, der die klangvolle Stimme hört, wendet sich um und geht auf Jesus zu, der fortfährt: << So spricht der Mann und die Frau ohne Weisheit und Glauben. Aber wenn sie damit auch zeigen, daß sie eine mehr oder weniger hohe Stellung in der Gesellschaft einnehmen, so beweist dies ebenfalls eine Verwandtschaft mit dem Bösen. >> Männer verlassen die Galeere und andere Boote und kommen zu Jesus. << Der Mensch zeigt nicht durch Worte, sondern durch Taten, daß er mit Gott und der Tugend verwandt ist, wenn er darüber nachdenkt, daß das Leben noch wechselhafter ist als die Meereswelle, die sich heute ruhig zeigt und morgen tobt. Ebenso können sich Wohlstand und Macht von heute auf morgen in Elend und Ohnmacht verwandeln. Was wird dann der Mensch tun, der ohne Bindung an Gott lebt? Wie viele auf dieser Galeere waren einst glücklich und mächtig, und nun sind sie Sklaven und werden als Schuldige angesehen! Schuldig sein heißt, Sklave sein: Sklave des menschlichen Gesetzes, das im Leichtsinn verhöhnt wird, denn es besteht und bestraft seine Übertreter, und Sklaven Satans, der sich auf ewig den Schuldigen aneignet, der nicht dazu kommt, seine Schuld zu verabscheuen. >> << Sei gegrüßt, Meister! Wie kommt es, daß du hier bist? Erkennst du mich wieder? >> << Gott möge zu dir kommen, Publius Quintilianus. Du siehst, ich bin gekommen! >> I81 << Gerade hierher, in das römische Viertel. Ich hoffte nicht mehr, dich je wiederzusehen. Aber es freut mich, dich zu hören. >> << Auch ich freue mich, dich zu sehen. Sind auf der Galeere dort viele an den Rudern? >> << Viele! Hauptsächlich Kriegsgefangene. Interessieren sie dich? >> << Ich würde gerne zu diesem Schiff hingehen. >> << Komm. Macht Platz, ihr! >> befiehlt er den wenigen, die sich ihnen genähert haben. Sie treten zur Seite und stoßen Verwünschungen aus. << Laß sie nur. Ich bin es gewohnt, von Menschen umringt zu sein. >> << Bis hierher kann ich dich führen, weiter nicht. Es ist eine Militärgaleere. >> << Es genügt mir. Gott vergelte es dir. >> Jesus beginnt wieder zu reden, während der Römer an seiner Seite in der prächtigen Uniform sein Leibwächter zu sein scheint. << Sklave kann man auch infolge eines schmerzlichen Ereignisses geworden sein. Doch jede Träne, die auf ihre Ketten fällt, jeder Peitschenhieb, der niedersaust und schmerzhafte Spuren auf ihrem Körper zurückläßt, läßt ihre Fesseln leichter werden, veredelt in ihnen das Unsterbliche, und bringt ihnen schließlich den Frieden Gottes, denn Gott liebt seine armen, unglücklichen Kinder und wird ihnen ebensoviel Freude schenken, wie sie hier Schmerzen zu ertragen hatten. >> An den Bordwänden der Galeere zeigen sich Männer der Besatzung und hören zu. Die Galeerensträflinge kann man natürlich nicht sehen. Doch sicher dringt durch alle Öffnungen für die Ruder die mächtige Stimme Jesu zu ihnen, die in dieser ruhigen Stunde der Ebbe weithin hörbar ist. Publius Quintilianus, der von einem Soldaten gerufen worden ist, hat sich entfernt. << Ich möchte diesen Unglücklichen, die von Gott geliebt werden, sagen, daß sie ihren Schmerz ergeben tragen und aus ihm nichts anderes machen sollen als eine Flamme, die bald die Ketten der Galeere und des Lebens lösen wird. Verbringt diesen armseligen Tag, diese dunkle, stürmische Zeit voller Ängste und Nöte, wie sie das Leben ist, im Verlangen nach Gott, damit ihr in das Licht Gottes eingehen könnt, in das strahlende Licht, wo es keine Angst und keine Qualen mehr geben wird. Ihr werdet in den großen Frieden, in die unendliche Freiheit des Paradieses eingehen, ihr Märtyrer eines bitteren Loses, wenn ihr nur in eurem Leiden gute Menschen zu sein versucht und nach Gott strebt. >> Publius Quintilianus kehrt mit anderen Soldaten zurück. Es folgen Sklaven mit einer Sänfte, der die Soldaten Platz schaffen. << Wer ist Gott? Ich spreche zu Heiden, die nicht wissen, wer Gott ist. Ich spreche zu Kindern unterdrückter Völker, die nicht wissen, wer Gott ist. In euren Wäldern, ihr Gallier, ihr Iberer, ihr Thrazier, ihr Germanen und ihr Kelten, habt ihr etwas, was euch Gott offenbart. Die Seele fühlt 182 sich von selbst zur Anbetung gezogen, weil sie sich an den Himmel erinnert. Doch ihr versteht es nicht, den wahren Gott zu finden, der eine Seele in euren Körper gelegt hat; eine Seele, die der der Israeliten gleich ist, und gleich wie jene der mächtigen Römer, die euch unterjocht haben; eine Seele, welche dieselben Pflichten und dieselben Rechte dem Guten gegenüber hat, und der gegenüber der Gute, das heißt, der wahre Gott, treu sein wird. Seid auch ihr dem Guten treu. Der Gott oder die Götter, dessen oder deren Namen ihr auf den Knien der Mutter gelernt und den ihr angebetet habt, der Gott, an den ihr vielleicht nicht mehr denkt, weil ihr keinen Trost von ihm in eurem Leid empfangt, und den ihr in eurer Verzweiflung vielleicht sogar zu hassen und zu verfluchen beginnt, ist nicht der wahre Gott. Der wahre Gott ist Liebe und Barmherzigkeit. Waren vielleicht eure Götter so? Nein. Auch sie waren Härte, Grausamkeit, Lüge, Scheinheiligkeit, Laster und Raub. Nun haben sie euch ohne den Trost gelassen, der in der Hoffnung besteht, geliebt zu sein und nach so viel Leiden die Gewißheit der Ruhe zu haben. So ist es, weil eure Götter keine Götter sind. Gott, der wahre Gott, der Liebe und Barmherzigkeit ist und von dem ich euch versichere, daß er existiert, ist auch der, der den Himmel, die Meere, die Berge, die Wälder, die Pflanzen, die Blumen, die Tiere und den Menschen erschaffen hat. Er flößt dem siegreichen Menschen Barmherzigkeit und Liebe ein, wie er sie selbst den Geringen der Erde entgegenbringt. O ihr Mächtigen, ihr Gebieter, bedenkt, daß ihr alle aus demselben Stamme hervorgegangen seid. Geht nicht grausam gegen jene vor, die ein unglückliches Schicksal euch in die Hände gegeben hat, und seid auch gegen die menschlich, die ein Vergehen an die Ruderbank der Galeere gekettet hat. Der Mensch sündigt oft. Niemand ist ohne mehr oder weniger geheime Sünden. Wenn ihr das bedenken würdet, wäret ihr bestimmt gut zu euren Brüdern, die weniger Glück als ihr gehabt haben und für Fehler bestraft worden sind, die ihr vielleicht auch begangen habt, ohne dafür bestraft worden zu sein. Die menschliche Gerechtigkeit ist in ihrem Urteil äußerst fragwürdig, daß es schlimm wäre, wenn die göttliche Gerechtigkeit auch so wäre. Es gibt Schuldige, die unschuldig zu sein scheinen, und Unschuldige, die für schuldig befunden werden. Ich will hier nicht die Ursachen dieser Ungerechtigkeiten untersuchen. Es ergäbe sich daraus eine zu schwere Anklage gegen den ungerechten Menschen, der voll Haß gegen seinen Nächsten ist! Es gibt Schuldige, die zwar solche sind, die aber unter dem Drang übermächtiger Kräfte zum Verbrechen neigen, was ihre Schuld teilweise vermindert. Seid also menschlich, ihr, die ihr in den Galeeren gebietet. Über der menschlichen Gerechtigkeit steht eine weit erhabenere, göttliche Gerechtigkeit, jene des wahren Gottes, des Schöpfers des Königs und des Sklaven, des Felsens und des Sandkorns. Er sieht euch, euch, die ihr rudert, und euch, die ihr der Rudermannschaft vorsteht, und 183 wehe, wenn ihr ohne Grund grausam seid! Ich, Jesus Christus, der Messias des wahren Gottes, versichere euch: Gott wird euch bei eurem Tod an eine ewige Galeere ketten und den Dämonen die blutbeschmierte Peitsche überlassen, und ihr werdet geschlagen und gequält werden, wie ihr selber geschlagen und gequält habt. Denn wenn es auch ein menschliches Gesetz gibt, daß der Schuldige bestraft werde, so darf man in der Strafe doch nicht das Maß überschreiten. Vergeßt dies nicht, denn der Mächtige von heute kann der Elende von morgen sein. Gott allein ist ewig. Ich möchte euer Herz umwandeln und vor allem eure Ketten lösen, euch die verlorene Freiheit und Heimat wiedergeben. Aber, ihr Galeerensträflinge, die ihr meine Brüder seid, und die ihr mein Antlitz nicht sehen könnt, während ich euer Herz mit all seinen Wunden und seiner Sehnsucht nach der irdischen Freiheit und Heimat, die ich euch nicht geben kann, kenne, ihr armen Sklaven der Mächtigen, ich werde euch eine weit wertvollere Freiheit und Heimat schenken. Euretwegen bin ich zum Gefangenen und Heimatlosen geworden, und um euch loszukaufen werde ich mich selbst hingeben, und für euch, auch für euch, die ihr nicht der Auswurf der Menschheit seid, wie ihr genannt werdet, sondern eine Schande seid für den, der das Maß in der Härte des Krieges und der Gerechtigkeit verliert: für euch werde ich ein neues Gesetz auf Erden geben und eine herrliche Wohnstätte im Himmel bereiten. Erinnert euch meines Namens, Kinder Gottes, die ihr jetzt weint! Es ist der Name eures Freundes. Sprecht ihn aus in euren Qualen. Seid versichert, daß ihr mich durch eure Liebe zu mir besitzen werdet, auch wenn wir uns auf Erden nie sehen werden. Ich bin Jesus Christus, der Retter, euer Freund. Im Namen des wahren Gottes schenke ich euch Trost. Möge der Friede bald über euch kommen. >> Die Menge, die großenteils aus Römern besteht, hat sich um Jesus geschart, dessen neue Gedanken alle in Erstaunen versetzt haben. << Beim Jupiter! Du hast mich an Dinge denken lassen, die mir nie in den Sinn gekommen wären, von denen ich aber fühle, daß sie wahr sind... >> Publius Quintilianus betrachtet Jesus nachdenklich und ergriffen zugleich. << So ist es, Freund. Wenn der Mensch den Verstand gebrauchte, dann würde er nicht soweit kommen und Verbrechen begehen. >> << Beim Jupiter! Beim Jupiter! Welch ein Wort! Ich muß es mir merken. Du hast gesagt: ''Wenn der Mensch seinen Verstand gebrauchte...'' >> <<... dann käme er nicht so weit, Verbrechen zu begehen. >> << Das ist wahr, beim Jupiter! Weißt du, du bist wirklich großartig. >> << Jeder Mensch könnte wie ich sein, wenn er es wollte und mit Gott eins wäre. >> Der Römer wiederholt immer aufs neue und mit wachsender Bewunderung seinen Ausruf: << Beim Jupiter! >>; doch Jesus fragt ihn: << Könnte ich 184 den Galeerensträflingen etwas Trost spenden? Ich habe Geld... eine Frucht, eine Erleichterung, damit sie wissen, daß ich sie liebe. >> << Gib her! Ich kann es tun, und übrigens ist dort eine sehr einflußreiche Dame, die viel vermag; ich werde sie fragen. >> Publius geht zur Sänfte und spricht durch den ein wenig beiseite geschobenen Vorhang. Dann kehrt er zurück. << Ich habe volle Befugnis und werde selbst die Verteilung vornehmen, damit die Galeerenaufseher nicht mit deiner Güte Mißbrauch treiben. Es wird das einzige Mal sein, daß ein kaiserlicher Soldat Kriegsgefangenen Barmherzigkeit erweist. >> << Das erste, nicht das einzige Mal. Es wird der Tag kommen, an dem es keine Sklaven mehr geben wird, und zuvor werden meine Jünger unter die Galeerensträflinge und übrigen Sklaven gegangen sein, um sie Brüder zu nennen. >> Publius stößt wieder eine Reihe von << Beim Jupiter! >> aus, während er darauf wartet, daß ihm genügend Obst und Wein für die Sträflinge gebracht wird. Bevor er dann die Galeere besteigt, nähert er sich Jesus und flüstert ihm ins Ohr: << Dort drinnen sitzt Claudia Procula. Sie möchte dich noch sprechen hören. Doch vorerst möchte sie dich etwas fragen. Geh zu ihr. >> Jesus geht zur Sänfte. << Sei gegrüßt, Meister! >> Der Vorhang wird ein wenig beiseite geschoben, und eine schöne Frau um die dreißig wird sichtbar. << Es möge in dir der Wunsch nach Weisheit erwachen! >> << Du hast gesagt, daß sich die Seele des Himmels erinnert. Ist das, von dem ihr sagt, daß es in uns ist, also ewig? >> << Es ist ewig, unsterblich, und deshalb erinnert es sich an Gott, an Gott, der es erschaffen hat. >>1 << Was ist die Seele? >> << Die Seele ist der wahre Adel des Menschen. Du bist ruhmreich, weil du aus dem Geschlecht der Claudier bist. Der Mensch ist es in noch höherem Maße, weil sein Ursprung in Gott ist. Es handelt sich um eine mächtige Familie, die jedoch einen Anfang nahm und ein Ende haben wird. Im Menschen fließt, seiner Seele wegen, das Blut Gottes, denn die Seele ist da Gott reinster Geist ist - das geistige Blut des Schöpfers des Menschen: des ewigen, mächtigen und heiligen Gottes. Der Mensch ist also ewig, mächtig und heilig durch die Seele, die in ihm ist und die lebt, solange sie mit Gott vereint ist. >> << Ich bin Heidin. Somit habe ich keine Seele... >> << Du hast sie, doch sie ist in einen tiefen Schlaf gefallen. Erwecke sie zur Wahrheit und zum Leben... >> 1 ln seiner unendlichen Vatergüte bewirkt Gott, daß in jeder Menschenseele ein Drang zum Urquell hin besteht, aus dem sie hervorgeht, was die Grundlage des Naturgesetzes bildet, welches auch im Wilden vorhanden ist. 185 << Leb wohl, Meister! >> << Die Gerechtigkeit möge dich für sich gewinnen. Leb wohl! >> << Wie ihr seht, habe ich auch hier Zuhörer gefunden >>, sagt Jesus zu den Jüngern. << Ja, aber wer wird dich außer den Römern verstanden haben? Es sind doch Barbaren! >> << Wer? Alle. Der Friede ist in ihnen eingekehrt, und sie werden sich mehr als viele in Israel meiner erinnern. Laßt uns zu dem Haus gehen, wo man uns zur Mahlzeit einlädt. >> << Meister, die Frau ist dieselbe, die am Tag, als du den Kranken geheilt hast, mit mir gesprochen hat. Ich habe sie gesehen und wiedererkannt >>, sagt Johannes. << So seht ihr also, daß auch jemand hier war, der auf uns gewartet hat. Doch scheint ihr mir nicht sehr glücklich darüber zu sein. Viel habe ich an jenem Tag erreicht, an dem ich euch zu überzeugen vermag, daß ich nicht nur für die Juden, sondern für alle Völker gekommen bin, und daß ich euch für sie alle vorbereitet habe. Ich sage euch jedoch, erinnert euch an alles, was euer Meister sagt und tut. Nichts davon ist so unbedeutend, daß es nicht eines Tages zur Regel für euer Apostolat werden müßte. >> Niemand antwortet, und Jesus lächelt traurig und voller Mitleid. 194. HEILUNG DER KLEINEN RÖMERIN IN CAESAREA Jesus sagt: << Kleiner Johannes, komm mit mir, denn ich will dich eine Belehrung für die Gottgeweihten von heute schreiben lassen. Bereite dich vor und schreibe. >> Jesus ist noch in Caesarea am Meere. Er befindet sich nicht mehr auf jenem Platz von gestern, sondern mehr im Innern der Stadt, von wo aus man jedoch ebenfalls den Hafen und die Schiffe sehen kann. Hier gibt es viele Warenlager und Geschäfte, und auch auf der Straße liegen Matten, auf denen verschiedene Waren zu Schau gestellt werden. Ich nehme an, daß es in der Nähe des Marktes sein muß, der zur Bequemlichkeit der Schiffsleute und der Käufer der auf dem Wasserwege transportierten Waren nicht weit vom Hafen und von den Lagerhäusern gelegen ist. Hier herrscht viel Lärm, der von einem andauernden Kommen und Gehen von Leuten begleitet wird. Jesus wartet mit Simon und den Vettern darauf, daß die andern Jünger die nötigen Lebensmittel gekauft haben. Kinder betrachten neugierig Jesus, der sie zärtlich liebkost, während er mit seinen Aposteln spricht. Jesus sagt: << Es tut mir leid, Unzufriedenheit bemerken zu müssen, wenn 186 ich mich Heiden nähere. Aber ich kann nichts anderes als das tun, was ich tun muß, und mit allen gut sein. Bemüht auch ihr euch, gut zu sein, wenigstens ihr drei und Johannes, die anderen werden euch dann nachahmen. >> << Aber wie kann man zu allen gut sein? Schließlich verachten und unterdrücken sie uns, sie verstehen uns nicht und sind so lasterhaft... >> entschuldigt sich Jakobus des Alphäus. << Wie man zu allen gut sein soll? Du bist doch zufrieden, der Sohn des Alphäus und der Maria zu sein? >> << Ja, sicher, aber warum fragst du mich danach? >> << Wenn du von Gott vor der Empfängnis gefragt worden wärest, hättest du als ihr Kind zur Welt kommen wollen? >> << Aber ja. Ich verstehe nicht... >> << Wenn du nun aber der Sohn eines Heiden gewesen wärest und man dich angeklagt hätte, daß du der Sohn eines Heiden hast sein wollen, was hättest du dann gesagt? >> << Ich hätte gesagt... Ich hätte gesagt: ''Es ist nicht meine Schuld. Ich bin sein Sohn, doch ich hätte ebensogut der Sohn eines anderen sein können.'' Ich hätte auch gesagt: ''Ihr klagt mich ungerechterweise an. Wenn ich nichts Böses tue, warum haßt ihr mich dann?'' >> << Du hast es gesagt. Auch sie, die ihr als Heiden verachtet, könnten dasselbe sagen. Es ist nicht dein Verdienst, daß du der Sohn des Alphäus, eines wahren Israeliten, bist. Du kannst dem Ewigen für diese große Gnade nur danken und dich aus Dankbarkeit und Demut darum bemühen, andere, die diese Gnade nicht haben, zum wahren Gott zu führen. Man muß gut sein. >> << Es ist schwer zu lieben, wenn man einen Menschen nicht kennt! >> << Nein. Schau... Du, Kleiner, komm einmal her. >> Ein etwa achtjähriger Junge, der mit zwei anderen Knaben in einem Winkel gespielt hat, kommt herbei. Es ist ein kräftiges Kind mit dunkelbraunem Haar und einer sehr hellen Hautfarbe. << Wer bist du? >> << Ich bin Lucius, Chajus Lucius des Cajus Marius. Ich bin Römer, der Sohn des Hauptmanns der Wachmannschaft, der nach seiner Verletzung hier geblieben ist. >> << Wer sind diese beiden? >> << Es sind Isaak und Tobias. Aber man darf es nicht sagen, denn es ist verboten... Sie würden Schläge bekommen. >> << Warum? >> << Weil sie Juden sind, und ich bin Römer. Das ist nicht erlaubt. >> << Aber du bist doch mit ihnen zusammen. Warum? >> << Weil wir uns gern haben. Wir spielen immer zusammen, mit den Würfeln und dem Springseil. Aber so, daß man uns nicht sieht. >> 187 << Würdest du mich auch gern haben? Ich bin ebenfalls Jude, bin aber kein Kind mehr. Denk einmal, ich bin ein Lehrmeister, sozusagen ein Priester. >> << Das macht mir nichts aus. Wenn du mich liebhast, so liebe ich dich auch... und ich habe dich gern, weil du mich gern hast. >> << Woher weißt du das? >> << Weil du gut bist. Wer gut ist, der liebt. >> << Seht ihr, Freunde? Dies ist das Geheimnis der Liebe: gut sein! Wer gut ist, liebt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob der andere unsere religiöse Überzeugung hat oder nicht. >> Jesus, der den kleinen Cajus Lucius an der Hand hält, geht hin und liebkost die kleinen erschrockenen Judenknaben, die sich hinter einem Toreingang versteckt haben, und sagt: << Die guten Kinder gleichen Engeln, und Engel haben nur eine Heimat: den Himmel. Sie haben alle denselben Glauben: jenen an den einzigen Gott. Sie haben nur einen Tempel: das Herz Gottes. Liebet euch immer wie Engel. >> << Aber wenn sie uns sehen, schlagen sie uns... >> Jesus schüttelt traurig das Haupt und antwortet nicht... Eine hochgewachsene, wohlgestaltete Frau ruft Lucius, und dieser löst sich von Jesus und ruft aus: << Die Mutter! >> und dann zur Frau: << Ich habe einen großen Freund, weißt du? Er ist ein Lehrmeister... >> Die Frau entfernt sich nicht mit dem Kind, sondern geht vielmehr auf Jesus zu und fragt ihn: << Sei gegrüßt! Bist du nicht der Mann aus Galiläa, der gestern unten am Hafen gesprochen hat? >> << Ich bin es. >> << Dann warte hier auf mich, ich komme gleich zurück >>, und sie geht mit ihrem Kleinen davon. Die anderen Apostel - außer Matthäus und Johannes - sind inzwischen eingetroffen und wollen wissen: << Wer war diese Frau? >> << Eine Römerin, glaube ich >>, antworten Simon und die anderen. << Was wollte sie? >> << Sie hat gesagt, wir sollen hier auf sie warten. Wir werden es gleich erfahren... >> Andere Leute haben sich hinzugesellt und warten neugierig. Die Frau kehrt mit anderen Römern zurück. << Du bist also der Meister? >> fragt einer, der wie ein Diener aus einem herrschaftlichen Hause aussieht. Nachdem ihm dies bestätigt worden ist, fragt er weiter: << Würdest du Abscheu empfinden, die Tochter einer Freundin von Claudia zu heilen? Das Kind hat Erstickungsanfälle und liegt im Sterben, und der Arzt kennt die Ursache seines Leidens nicht. Gestern war es noch gesund. Heute morgen liegt es im Todeskampf. >> << Laßt uns zu ihm gehen. >> Sie gehen nur einige Schritte auf einer Straße, die zum Platz führt, wo 188 sie gestern waren, und kommen zum weitgeöffneten Tor eines Hauses, das von Römern bewohnt zu sein scheint. << Warte einen Augenblick. >> Der Mann geht rasch hinein und erscheint gleich wieder: << Komm! >> sagt er. Bevor Jesus jedoch eintreten kann, kommt eine junge Frau von vornehmem Aussehen aus dem Haus, die sichtlich verzweifelt ist. Sie trägt ein nur wenige Monate altes Kind auf den Armen, das blau wie ein Erstickender ist. Ich würde sagen, daß es eine tödliche Diphtherie hat und in den letzten Zügen liegt. Die Frau flüchtet sich an die Brust Jesu wie ein Schiffbrüchiger auf eine Klippe. Sie schluchzt so stark, daß sie nicht zu sprechen vermag. Jesus nimmt das Kind, dessen wächserne Händchen mit den schon ganz violetten Nägelchen verkrampft sind, und hält es hoch. Das Köpflein fällt kraftlos nach hinten. Die Mutter ist - ohne den Hochmut der Römerin gegenüber dem Juden - zu den Füßen Jesu in den Staub niedergesunken und schluchzt mit erhobenem Antlitz. Ihre Haare sind halb aufgelöst, während sie mit ausgestreckten Armen das Gewand und den Mantel des Meisters zu berühren sucht. Hinter ihr und um sie herum stehen Römer aus dem Hause und Jüdinnen aus der Stadt und schauen zu. Jesus benetzt seinen rechten Zeigefinger mit Speichel, steckt ihn in den kleinen keuchenden Mund und führt ihn tief hinein. Das Kind schüttelt sich und wird noch dunkler. Die Mutter schreit: << Nein! Nein! >> und gleicht einer sich unter einer Klinge Krümmenden, die sie verletzt. Die Menge hält den Atem an. Doch der Finger kommt mit einer Ansammlung von eitrigem Schleim wieder zum Vorschein, und das Kind schlägt nicht mehr um sich und beruhigt sich mit einem unschuldigen Lächeln. Es bewegt die Händchen und die Lippen wie ein Vöglein, das in der Erwartung des Futters piepst und mit den Flügeln schlägt. << Nimm es, Frau. Gib ihm Milch. Es ist geheilt. >> Die Mutter ist so außer sich, daß sie das Kind nimmt und es, noch im Staube kniend, ganz närrisch küßt, liebkost, ihm die Brust reicht und alles vergißt, was nicht ihr Kind ist. Ein Römer fragt Jesus: << Wie hast du das fertiggebracht? Ich bin der Arzt des Statthalters und habe studiert. Ich habe versucht, das Hindernis zu entfernen, doch es war zu tief unten... und du... einfach so... >> << Gelehrt bist du, doch der wahre Gott ist nicht mit dir. Er sei gepriesen! Leb wohl! >> Jesus will gehen. Aber da ist eine kleine Gruppe von Israeliten, die das Bedürfnis haben, sich einzumischen: << Wie kannst du dir erlauben, dich Fremden zu nähern? Sie sind verderbt und unrein, und jeder, der in ihre Nähe kommt, wird es selbst. >> Jesus blickt sie an - es sind ihrer drei - eindringlich und streng und sagt: << Bist du nicht Aggäus, der Mann aus Azot, der am letzten Tischri 189 hierher kam, um zu versuchen, mit dem Händler, der am alten Brunnen wohnt, Geschäfte zu machen? Du, bist du nicht Joseph aus Rama, der sich in diese Stadt begeben hat, um den römischen Arzt aufzusuchen? Weißt du, warum ich den Grund hierfür kenne? Also, fühlt ihr euch nicht unrein? >> << Der Arzt ist nie ein Fremder. Er sorgt sich um den Körper, und der Körper ist bei allen gleich. >> << Die Seele ist es noch mehr als der Körper. Übrigens, was habe ich denn geheilt? Den unschuldigen Körper eines Säuglings; und dadurch hoffe ich, die nicht unschuldigen Seelen der Fremden zu heilen. Folglich kann ich mich als Arzt und als Messias allen nähern. >> << Nein, das ist dir nicht erlaubt. >> << Nein, Aggäus? Warum treibst du mit einem römischen Kaufmann Handel? >> << Ich nähere mich ihm nur mit der Ware und dem Geld. >> << Da du also sein Fleisch nicht berührst, sondern nur das, was von seiner Hand berührt worden ist, glaubst du, dich nicht zu verunreinigen? O ihr Blinden und Grausamen! Hört alle zu: im Buche des Propheten (Aggäus = Haggaj ), dessen Name dieser Mann hier trägt, steht geschrieben: ''Richte an die Priester diese Gesetzes frage: 'Wenn jemand heiliges Opferfleisch im Zipfel seines Gewandes trägt und mit seinem Gewand Wein oder Speise, Brot, Öl oder andere Nahrungsmittel berührt, sind diese dann heilig? ' Die Priester antworteten: 'Nein! ' Alsdann fragte Aggäus: 'Wenn einer durch die Berührung eines Toten verunreinigt worden ist und eines dieser Dinge berührt, wird es dann unrein?' Die Priester antworteten: 'Ja.' '' Durch diese zweideutige, lügenhafte und widersprüchliche Verhaltensweise schließt ihr das Gute aus und verurteilt es. Ihr anerkennt nur, was euch selbst zum Nutzen ist. Dann schwinden Verachtung, Ekel und Abscheu. Nur solange es euch keinen persönlichen Schaden verursacht unterscheidet ihr, ob etwas unrein ist und unrein macht oder nicht. Wie könnt ihr, lügnerische Zungen, erklären, daß das, was durch die Berührung mit heiligem Fleisch oder anderen heiligen Dinge geheiligt worden ist, nicht auch heiligt, was es berührt? Wie könnt ihr behaupten, daß das, was durch die Berührung mit etwas Unreinem verunreinigt worden ist, unrein macht, was mit ihm in Berührung kommt? Seht ihr es denn nicht ein, daß ihr euch selbst widersprecht, ihr lügnerischen Hüter eines Gesetzes der Wahrheit und Nutznießer desselben? Ihr dreht es wie Hanf, wenn euch daran gelegen ist, einen Vorteil daraus zu ziehen, ihr heuchlerischen Pharisäer, die ihr unter dem Vorwand der Religion eurer menschlichen, nur rein menschlichen Gehässigkeit freien Lauf laßt. Ihr Schänder dessen, was Gottes ist, ihr Beleidiger und Feinde des Gesandten Gottes! Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, daß jede eurer 190 Handlungen, jeder eurer Beschlüsse, jede eurer Gebärden durch ein ganzes Triebwerk an Verschlagenheit zustandekommt, dem eure Selbstsucht, Leidenschaft, Unaufrichtigkeit, euer Haß, Neid und eure Herrschsucht als Räder und Federn, als Zugschnur und Gewicht dienen. Schande! Habgierig, ängstlich zitternd und mißgünstig lebt ihr in Hochmut und Furcht, daß einer euch übertreffen könnte, selbst wenn dieser nicht einmal eurer Kaste angehört. Deshalb verdient ihr, daß es euch genau so ergehe wie es jener androht, der euch in Angst und Wut versetzt. Ihr, die ihr, wie Aggäus sagt, aus einem Getreidehaufen von zwanzig Scheffel einen von zehn und aus fünfzig Fässern zwanzig macht, und den Gewinn, der sich aus der Differenz ergibt, in eure Tasche steckt, statt um den Menschen ein Beispiel zu geben und aus Liebe zu Gott zu der Anzahl der Scheffel und der Fässer noch etwas für die Hungernden hinzuzufügen. Ihr verdient, daß alle Werke eurer Hände durch einen glühend heissen Wind, durch Rost und Hagel unfruchtbar bleiben. Wer von euch kommt zu mir? Leute, die für euch Schmutz und Abfall sind, die vollkommen Unwissenden, die nicht einmal wissen, daß es einen wahren Gott gibt. Sie kommen zu dem, der ihnen Gott in Worten und Werken vor Augen führt. Aber ihr, aber ihr! Ihr habt euch eine Nische bereitet und bleibt dort wo ihr seid, teilnahmslos und kalt wie Götzen in Erwartung der Beweihräucherung und Anbetung. Da ihr euch einbildet, Götter zu sein, haltet ihr es für unnütz, euch in gebührender Weise um den wahren Gott zu kümmern; und es scheint euch gefährlich, daß andere wagen, was ihr selbst nicht wagen würdet. Ihr könnt es in der Tat nicht wagen, denn ihr seid Abbilder von Götzen und Götzendiener zugleich. Wer aber wagt, ist auch fähig, denn nicht er, sondern Gott wirkt in ihm. Geht und berichtet denen, die euch aufgetragen haben, mir auf den Fersen zu sein, daß ich empört bin über jene Händler, die es nicht als Verunreinigung betrachten, die Güter, die Heimat oder den Tempel denen zu verkaufen, die ihnen Geld geben. Sagt ihnen, daß ich Abscheu vor Unmenschen empfinde, deren Kult nur dem eigenen Fleisch und Geblüt gilt, und die es, um deren Heilung zu erlangen, nicht für eine Verunreinigung erachten, den fremden Arzt aufzusuchen. Sagt ihnen, daß es nur ein und nicht zwei Maße gibt. Sagt ihnen, daß ich, der Messias, der Gerechte, der Ratgeber, der Bewunderungswürdige bin; der über sich den Geist des Herrn mit seinen sieben Gaben hat; der nicht nach dem Anschein richtet, sondern nach dem, was Geheimnis des Herzens ist; der nicht verurteilt, weil ihm etwas zu Ohren gekommen ist, sondern der auf die Stimme des Geistes achtet, die er im Innern eines jeden Menschen vernimmt; der die Geringen in seinen Schutz nimmt und die Armen in Gerechtigkeit richten wird. Ich bin es, der bereits schon jetzt richtet und heimsucht, die auf dieser Erde nichts als Erde sind. Der Hauch meines Atems wird den Gottlosen vernichten und sein Nest zerstören, während er Leben und Licht, Freiheit 191 und Friede für jene sein wird, die von Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Glauben erfüllt, zu meinem heiligen Berg kommen, um sich an der Wissenschaft des Herrn zu sättigen. So steht es bei Isaias, nicht wahr? Mein Volk! Alle Menschen stammen von Adam ab, und Adam ist aus meinem Vater hervorgegangen. Alle sind das Werk meines Vaters, und meine Aufgabe ist es, alle vor dem Vater zu versammeln. Ich führe sie zu dir, o heiliger, ewiger, mächtiger Vater. Ich führe diese irrenden Kinder, nachdem ich sie mit der Stimme der Liebe um mich versammelt habe, vereint unter meinem Hirtenstab, gleich jenem, den Moses einst gegen die tödlichen Schlangen erhob, auf daß du dein Reich und dein Volk besitzest. Ich mache keine Unterschiede, denn im Innersten eines jeden Menschen sehe ich einen Punkt, der heller leuchtet als Feuer: die Seele, einen Funken von dir, du ewiger Glanz. O meine ewige Sehnsucht! O mein unermüdliches Verlangen! Dies will ich. Danach sehne ich mich glühend. Eine ganze Welt, die deinen Namen lobpreist. Eine Menschheit, die dich Vater nennt. Eine Erlösung, die alle rettet. Einen gestärkten Willen, der alle deinem Willen gehorsam macht. Einen ewigen Triumph, der das Paradies mit einem Hosanna ohne Ende erfüllt... O Vielzahl der Himmel!... Ja, ich sehe das Lächeln Gottes... es ist der Lohn für jede menschliche Härte. >> Die drei Israeliten sind unter dem Hagel der Vorwürfe geflohen. Die anderen, Römer wie Juden, sind mit offenem Munde stehengeblieben. Die Römerin mit dem kleinen Mädchen, das gestillt und friedlich im Schoß der Mutter schläft, kniet noch immer zu Jesu Füßen und weint aus mütterlicher Freude und seelischer Ergriffenheit. Viele weinen, gerührt durch die mitreißenden Schlußworte Jesu, der in seiner Entrückung zu lodern scheint. Jesus, der seine Augen und seinen Geist vom Himmel wieder der Erde zuwendet, sieht das Volk, sieht die Mutter... und nach einem Zeichen des Abschieds an alle, streift seine Hand die junge Römerin so, als wolle er sie für ihren Glauben segnen. Dann entfernt er sich mit den Seinen, während die Menschen immer noch voller Staunen an derselben Stelle verharren... (Die junge Römerin könnte - wenn es sich nicht um eine zufällige Ähnlichkeit handelt eine der Römerinnen sein, die mit Johanna des Chuza auf dem Weg zum Kalvarienberg waren. Da sie dort niemand beim Namen gerufen hat, bin ich aber nicht ganz sicher.) 192 195. ANNALIA LEGT DAS GELÜBDE DER JUNGFRÄULICHKEIT AB Jesus, von Petrus, Andreas und Johannes begleitet, klopft an die Tür seines Hauses in Nazareth. Seine Mutter öffnet sofort, und ihr Antlitz leuchtet in einem strahlenden Lächeln, als sie ihren Jesus sieht. << Gut, daß du kommst, mein Sohn. Seit gestern ist eine reine Taube bei mir, die auf dich wartet. Sie kommt von weither, und ihre Begleitung konnte sich hier nicht länger aufhalten. Da sie um Rat fragte, habe ich ihr so gut ich konnte geantwortet. Doch du allein, mein Sohn, bist die Weisheit. Auch ihr andern, seid willkommen. Kommt und erquickt euch gleich. >> << Ja, bleibt hier. Ich will sogleich zu diesem Geschöpf gehen, das auf mich wartet. >> Die drei sind neugierig, doch jeder auf seine Art. Petrus schielt mit Interesse in alle Ecken und würde wahrscheinlich auch gerne sehen, was jenseits der Mauern ist. Johannes scheint auf dem lächelnden Antlitz Mariens den Namen der Unbekannten lesen zu wollen. Andreas hingegen, der feurerrot geworden ist, sieht Jesus fest an, und ein stummes Flehen zittert in seinem Blicke und auf seinen Lippen. Jesus aber achtet auf niemanden. Während die drei sich schließlich in die Küche begeben, wo Maria ihnen mit Speisen und Wärme des Feuers aufwartet, hebt Jesus den Vorhang, der die Öffnung zum Garten verhüllt, und geht hinaus. Eine milde Sonne läßt die blühenden Äste des hohen Mandelbaumes noch duftiger und unwirklicher erscheinen. Der höchste Baum des Gartens ist auch der einzige, der schon in Blüte steht, und die Pracht seines rosaweißen Seidenkleides hebt sich von der Kahlheit der Birn-, Apfel-, Feigen-, Granatapfelbäume und der Weinstöcke ab. Alle sind noch unbelaubt, während er reich in seinem duftigen Schleier und lebendig im Vergleich zur grauen und eintönigen Bescheidenheit der Olivenbäume erscheint. Seine langen Äste haben wohl ein leichtes Wölkchen eingefangen, das sich am blauen Himmelszelt verirrt hatte, und sich damit geschmückt, um so allen zu verkünden: << Die Hochzeit des Frühlings naht. Frohlockt, ihr Pflanzen und Tiere. Die Zeit der Küsse mit den Winden, den Bienen und den Blumen ist gekommen. Die Zeit der Küsse unter den Dachziegeln und im dichten Gestrüpp, o ihr Vöglein Gottes, o ihr weißen Schafe! Heute die Küsse, morgen der Nachwuchs, um das Werk unseres Schöpfergottes fortzuführen. >> Jesus steht mit über der Brust gekreuzten Armen in der Sonne und lächelt der reinen, friedvollen Anmut des Gartens der Mutter zu. Die Lilienbeete künden sich bereits mit den ersten Trieben der Blätter an; die Rosenstöcke sind noch kahl, der silberne Olivenbaum ist von anderen Blumen- und Gemüsebeeten umgeben. Rein, geordnet und freundlich, 193 wie der Garten ist, scheint auch er die keusche Reinheit vollkommener Jungfräulichkeit auszuströmen. << Sohn, komm in mein Zimmer. Ich werde sie zu dir führen, denn sie hat sich dort hinten verborgen, als sie die vielen Stimmen hörte. >> Jesus betritt das Zimmer der Mutter, den keuschen Raum, der die Worte des Zwiegesprächs mit dem Engel vernommen hat, und noch mehr als der Garten den jungfräulichen, engelhaften, heiligen Duft jener ausströmt, die ihn seit Jahren bewohnt, und den des Erzengels, der hier seine Königin verehrt hat. Sind wirklich schon mehr als dreißig Jahre seit dieser Begegnung vergangen, oder hat sie erst gestern stattgefunden? Auch heute trägt der Spinnrocken sein weiches, silbrig schimmerndes Wollfaserbündel, der Spindelstock ist voller Fäden, und eine zusammengefaltete Stickerei liegt auf der Konsole bei der Tür, zwischen einer Pergamentrolle und einem kupfernen Krug, in dem ein blühender Mandelzweig steckt. Auch jetzt flattert der gestreifte Vorhang, der das Geheimnis der jungfräulichen Wohnung verhüllt, beim leisesten Windhauch, und das Ruhelager, das wohlgeordnet in seiner Ecke steht, sieht immer noch so hübsch aus, wie das eines Mädchens an der Schwelle zur Jugend. Was für Träume wurden und werden wohl auf dem flachen Kopfkissen noch geträumt?... Die Hand Mariens hebt langsam den Vorhang empor, und Jesus, der mit dem Rücken zur Tür diese Stätte der Reinheit betrachtete, wendet sich um. << Hier, mein Sohn. Ich führe sie zu dir. Ein Lamm, und du bist ihr Hirte. >> Maria, die mit einem dunkelhaarigen, schlanken, jungen Mädchen an der Hand eingetreten ist, das beim Anblick Jesu stark errötet, zieht sich behutsam zurück und läßt den Vorhang wieder zurückfallen. << Der Friede sei mit dir, Mädchen! >> << Der Friede... Herr! >> Das Mädchen, das sehr erregt scheint, ist sprachlos geworden und kniet nieder, das Haupt bis zum Boden geneigt. << Erhebe dich! Was möchtest du von mir? Hab keine Angst... >> << Ich habe keine Angst... nur... nun, da ich vor dir stehe... nachdem ich mich so sehr danach gesehnt habe..., finde ich alles, von dem ich dachte, daß es so leicht und nötig sei, dir zu sagen, nicht mehr... Es scheint mir nicht mehr dasselbe zu sein... Töricht bin ich... verzeihe, mein Herr... >> << Möchtest du Gnaden für diese Welt? Brauchst du ein Wunder? Hast du Seelen zu bekehren? Nein? Was dann? Nur Mut, sprich! So viel Mut hast du gehabt, und nun fehlt er dir? Weißt du nicht, daß ich derjenige bin, der die Tapferkeit vermehrt? Ja? Du weißt es? Also, dann sprich wie zu einem Vater. Du bist jung. Wie alt bist du? >> << Sechzehn, mein Herr.>> << Woher kommst du? >> << Von Jerusalem. >> << Wie heissest du? >> 194 << Annalia... >> << Der teure Name meiner Großmutter und vieler heiliger Frauen Israels, und - mit diesen Frauen durch den Namen vereint - der der guten, treuen, liebevollen und sanften Frau des Jakob. Er wird dir Glück bringen. Du wirst eine vorbildliche Braut und Mutter werden. Nein? Du schüttelst den Kopf? Du weinst? Bist du vielleicht zurückgewiesen worden? Auch das nicht? Ist dein Verlobter gestorben? Oder hat dich noch keiner erwählt? >> Das junge Mädchen schüttelt jedesmal den Kopf. Jesus macht einen Schritt auf es zu, streichelt und nötigt es, das Haupt zu erheben und ihn anzusehen... Das Lächeln Jesu besiegt die Aufregung des Mädchens. Es faßt Mut: << Mein Herr, ich könnte dank dir schon Braut und glücklich sein. Erkennst du mich nicht wieder, mein Herr? Ich bin die ehemals Lungenkranke, die Braut, die im Sterben lag, und die du auf die Bitte deines Johannes hin geheilt hast... Nach der mir gewährten Gnade hatte ich einen neuen, gesunden Körper anstelle des sterbenden, den ich vorher hatte, und auch eine andere Seele... Ich weiß nicht, ich hatte das Gefühl, nicht mehr ich selber zu sein... Doch die Freude, gesund zu sein und endlich heiraten zu können, - denn es war mein Schmerz im Sterben, daß ich nicht mehr heiraten konnte - hat nur wenige Stunden gedauert. Doch dann... >> Das Mädchen wird immer ungezwungener und findet die Worte und Gedanken wieder, die es in der Verwirrung, allein mit dem Meister zu sein, vergessen hatte. << Dann habe ich erkannt, daß ich nicht selbstsüchtig sein, nicht einfach denken darf: ''Nun werde ich glücklich sein'', sondern daß ich an etwas Höheres denken muß, an etwas, das von dir und von Gott stammt, der dein und mein Vater ist, an einen kleinen Beweis meiner Dankbarkeit. Ich habe viel darüber nachgedacht, und als ich dann am ersten Sabbat nach der Heilung meinen Bräutigam sah, da sagte ich zu ihm: ''Höre, Samuel! Ohne das Wunder wäre ich in einigen Monaten gestorben, und du hättest mich für immer verloren. Nun würde ich gerne mit dir zusammen Gott ein Opfer darbringen, um ihm zu sagen, daß ich ihn preise und ihm danke! '' Da Samuel mich liebt, hat er sofort gesagt: ''Laß uns zusammen zum Tempel gehen und ein Opfer darbringen.'' Doch ich wollte nicht dies. Ich bin ein armes Kind aus dem Volk, mein Herr. Ich weiß wenig und noch weniger vermag ich zu tun. Doch als du deine Hand auf meine kranke Brust gelegt hast, ist nicht nur in meine angegriffenen Lungen, sondern auch in mein Herz etwas eingedrungen: in die Lungen die Gesundheit, ins Herz Weisheit. So habe ich verstanden, daß das Opfer eines Lammes nicht das von meiner Seele gewollte Opfer sei, denn meine Seele... meine Seele liebt dich. >> Das Mädchen errötet und schweigt nach diesem Liebesbekenntnis. << Hab keine Furcht und sprich weiter. Was war es, das deine Seele wünschte? >> 195 << Dir, dem Sohn Gottes, etwas zu opfern, das deiner würdig ist. Darum... darum dachte ich, daß es, da es für Gott ist, etwas Geistiges sein sollte, nämlich das Opfer, mit unserer Hochzeit, aus Liebe zu dir, meinem Retter, zu warten. Groß ist die Vorfreude auf die Hochzeit, weißt du? Wenn man sich liebt, dann ist sie etwas Großes. Ein Wunsch, eine Sehnsucht, sie zu vollziehen!... Doch ich hatte mich in den wenigen Tagen verändert. Die Hochzeit war für mich nicht mehr das Erstrebenswerteste... Ich habe dies Samuel gesagt... und er hat mich verstanden. Auch er hat für ein Jahr lang als Nasiräer leben wollen, beginnend mit dem Tage, an dem die Hochzeit hätte stattfinden sollen, also dem Tag nach den Kalendern des Adar. Derweilen ist er auf die Suche nach dir gegangen, um den zu lieben und kennenzulernen, der ihm seine Braut wiedergegeben hat. Er hat dich nach vielen Monaten am ''Trügerischen Gewässer'' gefunden. Auch ich war mit ihm... und dein Wort hat mir mein Herz vollends umgewandelt. Nun genügt mir das Gelübde von vorher nicht mehr... So wie der Mandelbaum draußen, der nach einem monatelangen Scheintod unter der immer wärmer werdenden Sonne zu neuem Leben erwacht ist und Blüten und dann Blätter und Früchte trägt, so hat mein Wissen über das, was besser ist, zugenommen. Als ich schließlich nach langem Nachdenken meiner und meines Wollens sicher war - denn ich hatte all diese Monate hindurch nachgedacht - und das letzte Mal zum ''Trügerischen Gewässer'' kam, warst du nicht mehr dort... Sie hatten dich fortgejagt. Ich habe so viel geweint und gebetet, daß der Allerhöchste mich erhört und meine Mutter dazu bewogen hat, mich einem Verwandten anzuvertrauen, der nach Tiberias ging, um dort mit den Höflingen des Tetrarchen zu sprechen. Der Gutsverwalter hatte mir gesagt, daß ich dich hier finden würde. Ich habe deine Mutter dort gefunden... und ihre Worte und ihre Gegenwart in diesen Tagen haben die Frucht deiner Gnade zur Reife gebracht. >> Das Mädchen kniet nieder wie vor einem Altar, mit über der Brust gekreuzten Armen. << Gut, aber was möchtest du genau? Was kann ich für dich tun? >> << Herr, ich möchte... ich möchte etwas Großes, und du allein, der Spender des Lebens und der Gesundheit kannst es mir geben, denn ich glaube, daß du das, was du geben, auch wieder nehmen kannst... Ich möchte, daß du das Leben, das du mir geschenkt hast, wieder nimmst, bevor das Jahr des Gelübdes verflossen ist... >> << Aber warum? Bist du Gott für die erlangte Gesundheit nicht dankbar? >> << Doch, mein Dank kennt keine Grenzen! Aus einem einzigen Grunde wünsche ich den Tod: da ich durch Gottes Gnade und dein Wunder leben durfte, habe ich das Bessere erkannt. >> << Was ist das? >> << Als Engel zu leben. Wie deine Mutter, mein Herr... wie du lebst... wie 196 dein Johannes lebt... Die drei Lilien, die drei weißen Flammen, die drei Seligkeiten der Erde, Herr! Ja, denn ich denke, daß der selig ist, der Gott besitzt, und daß Gott den Reinen gehört. Der Reine ist, wie ich glaube, ein Himmel, mit seinem Gott in der Mitte und Engeln um ihn herum... O mein Herr! Dies möchte ich!... Wenig habe ich dich gehört, wenig deine Mutter, den Jünger und Isaak. Zu andern, die mir deine Worte hätten wiederholen können, bin ich nicht gegangen. Doch es ist mir, als ob meine Seele dich immerfort vernehmen würde und du mein Meister wärest... Nun habe ich es gesagt, mein Herr... >> << Annalia, du verlangst viel und du gibst viel... Tochter, du hast Gott und die Vollkommenheit, zu der ein Geschöpf aufsteigen kann, begriffen, um so dem Reinsten ähnlich und wohlgefällig zu sein. >> Jesus hat den braunhaarigen Kopf des vor ihm knienden Mädchens zwischen seine Hände genommen und spricht vornübergebeugt zu ihm: << Er, der aus einer Jungfrau geboren wurde - denn er konnte nur dort, wo Lilien ihn umgaben, seine Wohnung nehmen -, ist angeekelt von der drei fachen Lüsternheit der Welt, Tochter. Er würde von soviel Ekel erdrückt werden, wenn der Vater, der weiß, wovon sein Sohn lebt, seiner betrübten Seele nicht liebevoll beistehen und sie stärken würde. Die Reinen sind meine Freude. Du gibst mir das wieder, was mir die Welt mit ihrer endlosen Niederträchtigkeit versagt. Der Vater sei gepriesen, und du, Mädchen, sei gesegnet! Gehe hin und sei getrost! Es wird etwas geschehen, was dein Gelübde ewig macht. Sei eine der Lilien auf dem blutigen Wege des Christus. >> << Oh, mein Herr... ich möchte noch etwas... >> << Was? >> << Ich möchte bei deinem Tod nicht zugegen sein... Ich könnte es nicht ertragen, den sterben zu sehen, der mein Leben ist. >> Jesus lächelt sanft und trocknet mit seiner Hand zwei Tränen, die über ihr dunkelhäutiges Gesicht rinnen. << Weine nicht. Die Lilien sind nie in Trauer. Du wirst mit allen Perlen deiner Engelskrone lächeln, wenn du den gekrönten König in sein Reich eintreten siehst. Geh nun! Der Geist des Herrn möge dich belehren, zwischen diesem und dem andern Kommen Christi. Ich segne dich mit den Flammen der ewigen Liebe. >> Jesus wendet sich dem Garten zu und ruft: << Mutter! Hier ist eine kleine Tochter, ganz für dich. Nun ist sie glücklich; doch tauche sie in deine Reinheit, jetzt und jedesmal, wenn wir zur Heiligen Stadt gehen werden, damit sie als Schnee himmlischer Blüten den Thron des Lammes schmücke. >> Jesus kehrt zu den Seinen zurück, während Maria das Mädchen liebkost und bei ihm bleibt. Petrus, Andreas und Johannes blicken Jesus fragend an. Das strahlende Antlitz Jesu verrät ihnen, daß er glücklich ist. Petrus kann sich nicht der Frage enthalten: << Mit wem hast du so lange gesprochen, mein Meister, und was hast du denn gehört, daß du vor Freude strahlst? >> 197 << Mit einer Frau, am Anfang ihres Lebens, habe ich gesprochen, mit einer, die für viele, die noch kommen werden, den Anfang darstellt. >> << Für wen? >> << Für die Jungfrauen. >> Andreas murmelt leise vor sich hin: << Sie ist es nicht... >> << Nein, sie ist es nicht. Doch werde nicht müde, geduldig und gut zu beten. Jedes Wort deines Gebetes ist wie ein Ruf, wie eine Leuchte in der Nacht, die sie tröstet und führt. >> << Aber auf wen wartet denn mein Bruder? >> << Auf eine Seele, Petrus. Es handelt sich um ein großes Elend, das er in einen großen Reichtum verwandeln will. >> << Wo hat Andreas sie denn gefunden, da er sich doch nie rührt, nie spricht und nie etwas unternimmt? >> << Auf meinem Weg. Komm mit mir, Andreas! Wir wollen zu Alphäus gehen und ihn und seine vielen Enkel segnen. Ihr könnt im Hause des Jakobus und des Judas auf mich warten. Meine Mutter hat es nötig, den ganzen heutigen Tag allein zu bleiben. >> So trennen sie sich, während das Geheimnis die Freude der ersten Seele, die aus Liebe zu Christus das Gelübde der Jungfräulichkeit abgelegt hat, umhüllt. 196. DIE UNTERWEISUNG DER JÜNGERINNEN IN NAZARETH Jesus ist immer noch in seinem Haus in Nazareth. Genauer gesagt, befindet er sich in der ehemaligen Schreinerwerkstätte. Bei ihm sind die zwölf Apostel und seine Mutter sowie Maria, die Mutter des Jakobus und des Judas, Salome, Susanna und zum ersten Mal auch Martha. Eine sehr betrübte Martha mit deutlichen Tränenspuren unter den Augen. Eine scheue und verängstigte Martha, weil sie sich so allein unter fremden Menschen und vor allem bei der Mutter des Herrn befindet. Maria versucht, sie mit den anderen Frauen bekannt zu machen und sie von dem Gefühl des Unbehagens, unter dem sie leidet, zu befreien. Doch ihre zärtlichen Bemühungen lassen das Herz der armen Martha anscheinend nur noch mehr anschwellen. Immer neues Erröten und große Tränen wechseln sich ab unter dem tief herabgezogenen Schleier, der ihren Schmerz verbirgt. Johannes und Jakobus des Alphäus treten ein. << Sie ist nicht da, Herr. Die Diener haben uns mitgeteilt, daß sie mit ihrem Mann von einer Freundin eingeladen worden ist >>, sagt Johannes. << Sie wird es sicher sehr bedauern. Aber sie wird dich immer wieder sehen können, um von dir belehrt zu werden >>, beschließt Jakobus des Alphäus. << Gut! Die Gruppe der Jüngerinnen ist nicht so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Aber ihr seht: für die abwesende Johanna haben wir Martha, 198 die Tochter des Theophilus und Schwester des Lazarus. Die Jünger wissen, wer Martha ist. Auch meine Mutter weiß es. Auch du Maria, und vielleicht auch du, Salome, ihr wißt von euren Söhnen, wer Martha ist, dies nicht so sehr als Frau nach weltlichen Begriffen, sondern als Geschöpf in den Augen Gottes. Du, Martha, weißt deinerseits, wer diese Frauen hier sind, die dich als Schwester betrachten und dich als Schwester und Tochter sehr lieben werden. Du hast dies dringend nötig, gute Martha, denn du brauchst auch den menschlichen Trost aufrichtiger Zuneigung, den Gott nicht verurteilt, sondern dem Menschen gegeben hat, damit er ihm in den Mühen des Lebens als Stütze diene. Gott hat dich gerade in der von mir gewählten Stunde hierhe |
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