| I8I. AUF DEM WEG NACH SAMARIA. UNTERWEISUNG DER APOSTEL Jesus ist mit seinen Zwölfen. Die Gegend ist immer noch gebirgig, doch ist der Weg so breit, daß sie in einer geschlossenen Gruppe gehen und miteinander reden können. << Nun aber, da wir allein sind, können wir es sagen: warum gibt es soviel Eifersucht zwischen zwei Gruppen? >> fragt Philippus. << Eifersucht? Aber das ist doch nichts anderes als Überheblichkeit! >> entgegnet Judas des Alphäus. << Nein. Ich meine, es ist nur ein Vorwand, um ihr ungerechtes Verhalten dem Meister gegenüber irgendwie zu rechtfertigen. Unter dem Deckmantel des Eifers für den Täufer erreicht man es, ihn fernzuhalten, ohne die Menge allzusehr zu verstimmen >>, sagt Simon der Zelote. << Ich würde sie entlarven. >> << Wir, Petrus, würden viele Dinge tun, die Jesus nicht tut. >> << Warum tut er sie nicht? >> << Weil er weiß, daß es gut ist, sie nicht zu tun. Wir brauchen ihm nur zu folgen. Es steht uns nicht an, ihn zu führen, und wir sollten glücklich darüber sein. Es ist eine große Erleichterung, nur gehorchen zu müssen... >> << Das hast du gut gesagt, Simon >>, sagt Jesus, der anscheinend in Gedanken versunken vorausgegangen war. << Du hast recht, gehorchen ist leichter als befehlen. Es scheint nicht so, aber es ist so. Sicher ist es für einen guten Menschen leicht, zu gehorchen, so, wie es schwierig ist für einen rechtschaffenen Menschen, zu befehlen. Wenn einer aber nicht rechtschaffen ist, gibt er unsinnige Befehle, ja, noch mehr als nur das. Dann ist es leicht zu befehlen. Aber um wieviel schwerer wird es dann sein, zu gehorchen! Wenn einer die Verantwortung trägt als Erster in einem Ort oder in einer Gruppe von Menschen, dann muß er sich immer Liebe und Gerechtigkeit, Klugheit und Demut, Mäßigkeit und Geduld, und Willensstärke ohne Starrsinn vor Augen halten. Oh, das ist schwer!... Ihr habt vorerst nur Gott und eurem Meister zu gehorchen. Du, und nicht nur du allein, fragst dich, warum ich gewisse Dinge tue und andere unterlasse, du fragst dich, warum Gott etwas zuläßt oder nicht zuläßt. Schau, Petrus, 144 und auch ihr, Freunde, eines der Geheimnisse des vollkommenen Gläubigen besteht darin, daß er Gott nie einem Verhör unterzieht. ''Warum tust du dies?'' fragt einer, der unreif ist, seinen Gott. Das ist wie wenn ein weiser Erwachsener vor einen Schuljungen hintreten und ihm sagen würde: ''Das macht man nicht, das ist eine Dummheit, das ist ein Fehler.'' Wer ist größer als Gott? Nun seht ihr, daß ich unter dem Vorwand des Eifers für Johannes verjagt wurde, und ihr seid darüber empört. Ihr möchtet, daß ich diesen Fehler richtigstelle, indem ich eine kämpferische Haltung gegen die Verfechter dieses Argumentes einnehme. Nein, das wird niemals geschehen. Ihr habt den Täufer durch den Mund seiner Jünger sprechen gehört: ''Er muß wachsen, und ich abnehmen.'' Er bedauert es nicht, er hängt nicht an seiner Stellung. Der Heilige klammert sich nicht an diese Dinge. Er arbeitet nicht, um eine möglichst große Anzahl von Jüngern zu haben. Er besitzt keine eigenen Jünger. Er ist vielmehr darum bemüht, die Zahl der Getreuen Gottes zu vermehren. Nur Gott allein hat ein Recht auf Getreue. Deshalb bin ich ebensowenig darüber betrübt, daß einige in gutem oder schlechtem Glauben Jünger des Täufers bleiben, wie er sich nicht darüber grämt, daß einige von seinen Jüngern zu mir kommen, wie ihr es gehört habt! Er geht auf solche zahlenmäßige Kleinlichkeiten gar nicht ein. Er schaut zum Himmel, und auch ich schaue zum Himmel. Streitet also nicht weiter darüber, ob es gerecht oder ungerecht sei, wenn Judäer mich beschuldigen, dem Täufer Jünger zu entführen, und ob es richtig oder unrichtig sei, sie so reden zu lassen. Das sind Streitereien geschwätziger Frauen am Brunnen. Die Heiligen helfen sich gegenseitig, sie überlassen einander ihre Getreuen und tauschen sie lächelnd und frohen Herzens im Gedanken, für den Herrn zu arbeiten, aus. Ich habe getauft, und sogar euch taufen lassen, da der Geist nun so schwerfällig ist, daß er greifbare Beispiele der Barmherzigkeit, von Wundern und der Belehrung nötig hat. Wegen dieser geistigen Schwerfälligkeit werde ich materielle Heilsmittel nehmen müssen, wenn ich aus euch Wundertäter machen will. Aber glaubt mir, weder im Öl, noch im Wasser, noch in einer andern Zeremonie liegt der Beweis für die Heiligkeit. Die Stunde steht nahe bevor, da etwas Ungreifbares, Unsichtbares, den Materialisten Unfaßbares, als Königin walten wird. Es ist die ''zurückgekehrte'' Königin, machtvoll und heilig durch das Heilige und in allem Heiligen. Durch sie wird der Mensch wieder zum ''Kind Gottes'' werden, und sie wird das wirken, was Gott vollbringt, denn Gott wird mit ihr sein. Es ist die Gnade! Sie ist die wiederkehrende Königin! Dann wird die Taufe ein Sakrament sein. Dann wird der Mensch die Sprache Gottes sprechen und verstehen. Er wird Leben und das LEBEN geben, er wird Macht der Weisheit und der Stärke verleihen, dann... oh, dann! Noch seid ihr unreif um zu begreifen, was euch die Gnade gewähren wird. Ich bitte euch: fördert ihr 145 Kommen durch eine andauernde Selbsterziehung, und überlaßt die nutzlosen Dinge den kleinlichen Menschen... Seht dort, die Grenzgebiete von Samaria. Glaubt ihr, daß es gut wäre, wenn ich dort sprechen würde? >> << Oh! >> Alle sind mehr oder weniger darüber entrüstet. 1 << Wahrlich, ich sage euch, die Samariter sind überall, und wenn ich nicht dort sprechen dürfte, wo ein Samariter ist, dann dürfte ich nirgendwo mehr sprechen. Kommt also! Ich werde nicht danach trachten, zu sprechen. Doch wenn man mich darum bittet, werde ich mich nicht weigern, von Gott zu sprechen. Ein Jahr ist zu Ende. Das zweite beginnt. Es bildet die Mitte zwischen einem Anfang und einem Ende. Anfangs war der Meister noch vorherrschend. Nun offenbart sich der Retter. Das Ende wird das Antlitz des Erlösers tragen. Laßt uns gehen. Der Strom wird um so größer, je näher er zur Mündung kommt. Auch ich will das Werk der Barmherzigkeit erweitern, denn die Mündung kommt näher. >> << Werden wir von Galiläa aus zu irgendeinem großen Fluß gehen? Zum Nil vielleicht? Oder zum Euphrat? >> flüstern einige. << Vielleicht gehen wir unter die Heiden... >>, entgegnen andere. << Redet nicht untereinander. Wir nähern uns ''meiner Mündung''. Das heißt, wir nähern uns der Erfüllung meiner Sendung. Seid sehr wachsam, denn ich werde euch einmal verlassen, und ihr werdet in meinem Namen weiterwirken müssen. >> 182. DIE SAMARITERIN FOTINAI << Ich bleibe hier. Geht in die Stadt und kauft, was wir für die Mahlzeit benötigen. Wir werden hier essen. >> << Sollen wir alle gehen? >> << Ja, Johannes. Es ist gut, wenn ihr alle miteinander geht. >> << Du bleibst allein?... Es sind Samariter... >> << Sie werden nicht die Schlimmsten unter den Feinden Christi sein. Geht, geht nur. Während ich hier auf euch warte, will ich für euch und für sie beten. >> Die Jünger gehen schweren Herzens davon; drei- oder viermal drehen sie sich nach Jesus um und betrachten ihn, wie er auf einem kleinen, sonnenbeschienenen Mäuerchen sitzt, das sich in der Nähe des breiten, niedrigen Randes eines Brunnens befindet; eines großen Brunnens, fast einer Zisterne gleich, so breit ist er. Im Sommer ist er von den großen, jetzt 1 Wegen der Gründe und der Ursache der Abspaltung der Samariter von den Juden und der daraus hervorgegangenen Opposition zwischen den beiden, und wegen der Haltung Jesu und der entstehenden Kirche gegenüber den Samaritern. 146 kahlen, Bäumen beschattet. Das Wasser des Brunnens kann man nicht sehen, doch zeigen kleine Pfützen und Abdrücke der abgestellten Krüge auf dem Erdboden rundherum, daß Wasser geschöpft worden ist. Jesus ist in seine Gedanken vertieft. Er hat die gewohnte Haltung angenommen: die Ellbogen auf die Knie gestützt und die nach vorne gerichteten Hände gefaltet, den Oberkörper leicht gebeugt und das Haupt zur Erde geneigt. Er spürt die wärmende Sonne und läßt den Mantel vom Kopf und den Schultern gleiten, hält ihn aber noch zusammengefaltet auf seinem Schoß. Jesus hebt das Haupt und lächelt einer Schar rauflustiger Spatzen zu, die sich um eine am Brunnen verlorene Brotkrume streiten. Doch die Spatzen werden durch das Erscheinen einer Frau aufgeschreckt und fliegen davon. Die Frau hält mit der linken Hand einen leeren Krug am Henkel, während sie mit der rechten überrascht den Schleier zur Seite schiebt, um zu sehen, wer der Mann ist, der dort sitzt. Jesus lächelt der Frau zu, die um die 35-40 Jahre alt und hochgewachsen ist und markante, doch schöne Gesichtszüge hat. Ein Menschenschlag, den wir als spanisch bezeichnen möchten, wegen ihrer fahlen, olivfarbenen Haut, den gewölbten und leuchtenden Lippen, ihren geradezu übermäßig großen und schwarzen Augen unter den sehr dichten Augenbrauen und den rabenschwarzen Zöpfen, die durch den leichten Schleier hindurchscheinen. Auch die etwas üppigen Körperformen sind typisch orientalisch, wie bei den Araberinnen. Die Frau trägt ein buntgestreiftes Kleid, welches in der Taille eng zusammengezogen ist und an den molligen Hüften und der vollen Brust enganliegt und dann in einer Art loser Falten bis zum Boden reicht. Viele Ringe und Armbänder schmücken ihre fleischigen, braunen Hände, und unter den leinenen Unterärmeln kommen ihre mit Armbändern geschmückten Handgelenke hervor. Am Halse trägt sie eine schwere Kette, von der Medaillen, ich möchte fast sagen Amulette, da sie so verschiedenförmig sind, herabhängen, während der reiche Ohrschmuck bis zum Halse reicht und unter dem Schleier glitzert. << Der Friede sei mit dir, Frau. Willst du mir zu trinken geben? Ich habe einen weiten Weg hinter mir und bin durstig. >> << Aber bist du denn nicht ein Jude? Und du bittest mich, eine Samariterin, um Wasser? Was soll denn das bedeuten? Ist unsere Ehre wieder hergestellt, oder seid ihr gar in Verfall geraten? Es muß schon ein großes Ereignis stattgefunden haben, wenn ein Jude höflich zu einer Samariterin spricht. Eigentlich sollte ich dir antworten: ''Ich gebe dir nichts, um an dir alle Beleidigungen zu rächen, die uns die Juden seit Jahrhunderten zufügen.'' >> << Du hast recht. Etwas Großes hat sich ereignet, und dadurch haben sich viele Dinge geändert, und mehr noch werden sich ändern. Gott hat der Welt ein großes Geschenk gemacht und dadurch hat sich vieles geändert. Wenn du dieses Geschenk kennen würdest und wüßtest, wer zu dir 147 sagt: ''Gib mir zu trinken'', dann hättest du ihn vielleicht selbst um Wasser gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. >> << Lebendiges Wasser gibt es in unterirdischen Quellen. In diesem Brunnen ist solches, doch er gehört uns >>, entgegnet die Frau spöttisch und rechthaberisch. << Das Wasser kommt von Gott, so wie auch die Güte, das Leben und alles von einem einzigen Gott kommt, Frau. Alle Menschen sind von Gott erschaffen worden: Samariter wie Juden. Ist dies nicht der Brunnen Jakobs, und ist Jakob nicht der Stammvater unseres Geschlechtes? 1 Wenn später ein Irrtum das Volk geteilt hat, so bleibt der Ursprung doch derselbe. >> << Ein Irrtum unsererseits, nicht wahr? >> fragt die Frau herausfordernd. << Weder unsererseits noch eurerseits. Es war der Fehler eines Menschen, der Liebe und Gerechtigkeit aus den Augen verloren hatte. Ich beleidige weder dich noch dein Geschlecht, warum verhältst du dich also feindselig mir gegenüber? >> << Du bist der erste Jude, den ich so reden höre. Die anderen... Der Brunnen, ja, es ist der Brunnen Jakobs, und er hat so reichlich klares Wasser, daß wir von Sichar ihn allen anderen Brunnen vorziehen. Doch er ist sehr tief, und du hast weder Krug noch einen Schlauch. Wie könntest du für mich lebendiges Wasser schöpfen? Bist du vielleicht mehr als Jakob, unser heiliger Patriarch, der diese reiche Quelle für sich, seine Kinder und seine Herden gefunden und sie uns als Geschenk und zu seinem Gedächtnis hinterlassen hat? >> << Das stimmt! Doch wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen. Ich hingegen habe ein Wasser, das bei dem, der es trinkt, keinen Durst mehr aufkommen läßt. Doch es gehört mir allein. Und ich werde es denen geben, die mich darum bitten. Wahrlich, ich sage dir, wer dieses Wasser besitzt, das ich ihm geben werde, wird immer von ihm durchströmt werden und nie mehr Durst leiden, weil mein Wasser in ihm zur sicheren ewigen Quelle werden wird. >> << Wie? Ich verstehe dich nicht. Bist du ein Magier? Wie kann ein Mensch zu einem Brunnen werden? Das Kamel trinkt und schafft sich Wasservorräte in seinem geräumigen Bauch. Doch dann verbraucht es das Wasser und es genügt nicht für das ganze Leben. Du aber sagst, daß dein Wasser für das ganze Leben reicht? >> 1 S. Geschichte Jakobs in Gen. 25, 19-37/36; 45, 16-50, 14. Jakob, dem Gott den Namen Israel gab, wurde zum Oberhaupt des israelitischen Stammes. S. Gen. 32, 23-3l. Er erwarb sich ein Grundstück bei Sichem, schlug dort sein Zelt auf und baute einen Altar. In der Genesis deutet nichts darauf hin, daß dort ein Brunnen war, es läßt sich jedoch vermuten, daß es einen gab, da Jakob sich dort während einiger Zeit niederließ. Sichem heißt auf Aramäisch Sichar. 148 << Mehr noch: es wird bis zum ewigen Leben fließen. Es wird in denen, die es getrunken haben, bis zum ewigen Leben fließen und aus ihm wird ewiges Leben sprießen, weil es eine Quelle des Heils ist. >> << Gib mir von diesem Wasser, wenn du es wirklich besitzest. Es ermüdet mich, bis hierher zu kommen. Ich werde so keinen Durst mehr haben und werde nie krank oder alt werden. >> << Nur das ermüdet dich? Nichts anderes? Hast du nur das Bedürfnis, für deinen armseligen Leib von diesem Wasser zu schöpfen? Überlege, es gibt etwas, das mehr wert ist als der Körper. Es ist die Seele. Jakob gab sich und den Seinen nicht nur das Wasser dieser Erde, sondern er war auch darum besorgt, sich und den anderen die Heiligkeit, nämlich das Wasser Gottes, zu vermitteln. >> << Ihr nennt uns Heiden... Wenn das, was ihr sagt, wahr ist, dann können wir nicht heilig sein... >> Die Frau hat den unverschämten, ironischen Ton in der Stimme verloren und zeigt sich nun unterwürfig und leicht verwirrt. << Auch ein Heide kann tugendhaft sein, und Gott, der gerecht ist, wird ihn für seine guten Werke belohnen. Es wird keine vollkommene Belohnung sein, doch kann ich dir sagen, daß Gott auf einen Heiden ohne Schuld mit weniger Strenge blickt als auf einen Gläubigen in schwerer Schuld. Warum kommt ihr also nicht zum wahren Gott, wenn ihr doch wißt, daß ihr ohne Schuld seid? Wie heißest du? >> << Fotinai. >> << Gut, Fotinai, antworte mir. Schmerzt es dich, daß du nicht zur Heiligkeit streben kannst, weil du, wie du sagst, Heidin bist, weil du, wie ich behaupte, noch immer von den Nebeln eines alten Irrtums umgeben bist? >> << Ja, es schmerzt mich. >> << Warum lebst du dann nicht wenigstens als tugendhafte Heidin? >> << Herr!... >> << Ja. Kannst du es leugnen? Hole deinen Mann und komme mit ihm hierher zurück. >> << Ich habe keinen Gatten... >> Die Frau wird immer verwirrter. << Das stimmt, du hast keinen Gatten. Fünf Männer hast du gehabt, und nun hast du einen bei dir, der nicht dein Mann ist. War dies nötig? Auch deine Religion rät nicht zur Unzucht. Auch ihr habt die zehn Gebote. Warum also führst du ein solches Leben, Fotinai? Belastet es dich nicht, allen zu gehören, anstatt die ehrsame Gattin eines Einzigen zu sein? Fürchtest du nicht deinen Lebensabend, an dem du allein mit deinen schmerzlichen Erinnerungen sein wirst, mit deinen Ängsten, mit deinem Bedauern? Ja, auch mit diesem. Angst vor Gott und den Schreckensbildern! Wo sind deine Kinder? >> Die Frau senkt ihr Haupt tief und schweigt. << Du hast sie nicht auf dieser Erde, aber ihre kleinen Seelen, denen du 149 es verwehrt hast, das Licht der Welt zu erblicken, werden dich ohne Unterlaß anklagen. Schmuck, schöne Kleider... ein prächtiges Haus... eine reichhaltige Tafel... Ja! Aber daneben Leere, Tränen und innere Trostlosigkeit. Du bist ein unglücklicher Mensch, Fotinai. Nur durch aufrichtige Reue, die Vergebung Gottes und mit ihr auch die Verzeihung deiner Geschöpfe kannst du wieder reich werden. >> << Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist, und ich schäme mich... >> << Doch vor dem Vater im Himmel hast du dich nicht geschämt, als du Böses tatest? Weine nicht aus Beschämung vor dem Menschen... Komm her, neben mich, Fotinai, ich werde dir von Gott erzählen. Vielleicht wußtest du zu wenig von ihm, und sicherlich hast du deshalb so viele Fehler begangen. Wenn du den wahren Gott gekannt hättest, dann hättest du dich nicht so entwürdigt. Er hätte dir zugesprochen und dir geholfen... >> << Herr, unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet. Ihr sagt, daß man nur in Jerusalem anbeten soll. Doch du sagst, es gibt nur einen Gott. Hilf mir zu verstehen, wo und wie ich es tun soll... >> << Frau, glaube mir. Es naht die Stunde, da man den Vater weder auf dem Berge von Samaria noch in Jerusalem anbeten wird. Ihr betet den an, den ihr nicht kennt. Wir beten den an, den wir kennen, denn das Heil geht aus den Juden hervor. Erinnerst du dich an die Worte der Propheten? Doch es kommt die Stunde, vielmehr, sie hat schon begonnen, da die wahren Verehrer Gottes den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten werden, und zwar nicht im alten, sondern nach einem neuen Ritus, bei dem es keine Opfertiere mehr geben wird, sondern das ewige Opfer, die sich im Feuer der Liebe verzehrende, unversehrte Opfergabe. Die Verehrung Gottes wird sich in diesem geistigen Reich in geistiger Weise vollziehen und von denen verstanden werden, welche fähig sind, Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Gott ist Geist. Wer ihn anbetet, muß ihn in geistiger Weise anbeten. >> << Du sprichst heilige Worte. Ich weiß, denn auch wir wissen einiges, daß die Ankunft des Messias bevorsteht. Er wird auch ''Christus'' genannt. Er wird uns alles lehren, wenn er da ist. Hier in der Nähe lebt jener, den sie seinen Vorläufer nennen, und viele gehen zu ihm, um ihn anzuhören. Aber er ist so streng!... Du bist gütig... und die armseligen Menschen fürchten dich nicht. Ich glaube, daß Christus gütig sein wird. Sie nennen ihn den Friedensfürst. Werden wir noch lange auf ihn warten müssen? >> << Ich habe dir gesagt, daß seine Zeit schon da ist. >> << Wie kannst du das wissen? Bist du vielleicht sein Jünger? Der Vorläufer hat viele Jünger. Auch Christus wird sie haben. >> << Ich, der ich zu dir spreche, bin Christus Jesus. >> << Du!... Oh!... >> Die Frau, die sich neben Jesus niedergelassen hatte, springt auf und will fliehen. << Warum fliehst du, Frau? >> 150 << Weil ich davor erschauere, bei dir zu verweilen. Du bist heilig... >> << Ich bin der Retter. Ich bin hierhergekommen - aus freiem Willen -, da ich wußte, daß deine Seele des Umherirrens müde ist. Deine ''Speise'' ekelt dich an... Ich bin gekommen, dir eine neue Speise zu geben, die Ekel und Überdruß von dir nehmen wird... Da kommen meine Jünger, die Brot für mich geholt haben. Doch ich bin schon gesättigt, da ich dir die ersten Brosamen deiner Erlösung geben konnte. >> Die Jünger werfen der Frau mehr oder weniger diskrete, verstohlene Blicke zu, doch keiner sagt ein Wort. Sie geht davon, ohne weiter an das Wasser und den Krug zu denken. << Hier sind wir, Meister >>, sagt Petrus. << Sie haben uns gut behandelt. Da sind Käse, frisches Brot, Oliven und Äpfel. Nimm, was du willst. Die Frau hat gut daran getan, den Krug zurückzulassen. Damit wird es schneller gehen als mit unseren kleinen Wasserbeuteln. Zuerst trinken wir, und dann füllen wir sie auf. So brauchen wir die Samariter um nichts anderes zu bitten, nicht einmal darum, zu ihren Brunnen gehen zu dürfen. Ißt du nicht? Ich wollte Fisch für dich kaufen, habe aber keinen gefunden. Vielleicht hättest du ihn vorgezogen. Du bist müde und bleich. >> << Ich habe eine Speise, die ihr nicht kennt. Sie wird mir als Nahrung dienen und mich sehr erquicken. >> Die Jünger schauen sich fragend an. Jesus antwortet auf ihr stummes Fragen: << Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und das Werk zu Ende zu führen, von dem er wünscht, daß ich es vollende. Wenn ein Sämann den Samen ausgestreut hat, kann er dann behaupten, er hätte schon alles getan, um sagen zu können, er hätte geerntet? Nein. Wieviel bleibt ihm noch zu tun, bis er sagen kann: ''Nun ist meine Arbeit vollbracht! '' Bis zu jener Stunde kann er nicht ausruhen. Betrachtet diese kleinen Äcker unter der heiteren Sonne der sechsten Stunde. Noch vor einem Monat, vor weniger als einem Monat, war die Erde kahl und dunkel, weil sie vom Regen getränkt war. Nun seht! Halme über Halme des kaum hervorgesprossenen Getreides, die von zartem Grün sind und im grellen Licht noch heller erscheinen, bedecken den Boden wie ein weißlicher leichter Schleier. Dies ist die zukünftige Ernte, und ihr sagt, wenn ihr sie seht: ''In vier Monaten ist Erntezeit. Die Sämänner werden die Schnitter rufen, denn wenn auch nur einer für die Aussaat genügt, so braucht es doch viele zum Ernten. Die einen wie die andern sind zufrieden: der eine, der einen kleinen Sack Körner ausgesät hat und nun die Kornkammern vorbereiten muß, um sie aufzunehmen, und die anderen, die sich in wenigen Tagen den Lebensunterhalt für einige Monate verdienen.'' Auch im Acker des Geistes werden jene, die das ernten, was ich gesät habe, sich mit mir und wie ich freuen, denn ich werde ihnen den Lohn und den gebührenden Anteil an der Ernte geben. Ich werde ihnen geben, was sie für das Leben in meinem ewigen 151 Reich nötig haben. Ihr braucht nur zu ernten. Die härteste Arbeit habe ich getan. Dennoch sage ich euch: ''Kommt, erntet von meinem Acker. Es freut mich, wenn ihr euch mit den Garben meines Korns beladet. Wenn ihr all das Korn, das ich unermüdlich überall ausgesät habe, eingebracht habt, dann wird der Wille Gottes erfüllt sein, und ich werde mich zum Festmahl des himmlischen Jerusalem niedersetzen.'' Seht, da kommen Samariter mit Fotinai. Übt Nächstenliebe an ihnen. Es sind Seelen, die zu Gott kommen. >> I83. BEI DEN BEWOHNERN VON SICHAR Eine Gruppe von angesehenen Samaritern, die von Fotinai angeführt wird, kommt auf Jesus zu. << Gott sei mit dir, Rabbi. Die Frau hat uns gesagt, daß du ein Prophet bist und es nicht unter deiner Würde hältst, mit uns zu sprechen. Wir bitten dich, bleibe bei uns und versage uns dein Wort nicht, denn wenn es auch wahr ist, daß wir von Judäa getrennt sind, so ist damit nicht gesagt, daß nur Judäa heilig und die Sünde nur in Samaria sei. Auch bei uns gibt es Gerechte. >> << Diese Auffassung habe ich im Gespräch mit dieser Frau vertreten... Ich dränge mich nicht auf, aber ich verweigere mich auch nicht dem, der mich sucht. >> << Du bist gerecht. Die Frau hat uns gesagt, daß du der Christus wärest. Ist das wahr? Antworte uns im Namen Gottes. >> << Ich bin es. Die messianische Zeit ist gekommen. Israel ist mit seinem König vereinigt, und nicht nur Israel allein. >> << Aber du bist für jene gekommen, die... die nicht im Irrtum sind wie wir >>, bemerkt ein stattlicher Greis. << Mann, ich erkenne in dir das Oberhaupt all dieser Menschen hier und sehe auch ein ehrliches Suchen nach der Wahrheit. Höre nun, du, der du ein Gelehrter der Heiligen Schriften bist! Zu mir wurde dasselbe gesagt, was der Geist zu Ezechiel sprach, als er ihm die prophetische Sendung übertrug: ''Menschensohn, ich sende dich zu den Kindern Israels, zu den wiederspenstigen Völkern, die von mir abgefallen sind... Es sind Kinder mit hartem Antlitz und verstocktem Herzen... Es kann sein, daß sie dir zuhören und dann deine Worte, die j a meine sind, mißachten, denn es ist ein rebellisches Volk; doch wenigstens werden sie wissen, daß unter ihnen ein Prophet ist. Habe also keine Furcht vor ihnen und lasse dich nicht durch ihre Reden erschrecken, denn sie sind ungläubig und widerspenstig... Überbringe ihnen meine Worte, ob sie dich nun anhören wollen oder nicht. Tu, was ich dir sage, höre auf das, was ich dir sage, damit nicht auch du widerspenstig wirst wie sie. Iß daher jede Speise, die ich dir reiche.'' So 152 bin ich gekommen. Ich bilde mir nichts ein und verlange nicht, wie ein Triumphator empfangen zu werden. Da aber der Wille Gottes mein Honig ist, so will ich diesen Willen erfüllen und euch, wenn ihr es wünscht, die Worte sagen, die der Geist in mich gelegt hat. >> << Wie kann der Ewige an uns gedacht haben? >> << Weil er die Liebe ist, meine Kinder! >> << So reden die Rabbiner von Judäa nicht. >> << Aber so spricht der Messias des Herrn zu euch. >> << Es steht geschrieben, daß der Messias von einer Jungfrau aus Judäa geboren würde. Wer ist deine Mutter und wie wurdest du geboren? >> << Ich wurde in Bethlehem Ephrata von Maria aus dem Stamme Davids, die mich vom Heiligen Geist empfangen hat, geboren. Möget ihr es glauben! >> Die schöne Stimme Jesu erschallt in freudigem Triumph, als er die Jungfräulichkeit seiner Mutter verkündet. << Dein Antlitz strahlt großes Licht aus. Nein, du kannst nicht lügen. Die Kinder der Finsternis haben ein finsteres Gesicht und trübe Augen. Du strahlst, dein Auge ist klar wie ein Frühlingsmorgen, und deine Worte sind Güte. Kehre ein in Sichar, ich bitte dich darum, und belehre die Söhne dieses Volkes. Dann wirst du wieder weitergehen..., und wir werden uns des Sternes erinnern, der an unserem Himmel vorüberzog... >> << Warum solltet ihr diesem nicht folgen? >> << Wie könnten wir das? >> Sie sprechen, während sie sich auf die Stadt zu begeben. << Wir sind die Abgespalteten. So sagt man wenigstens. Aber wir sind nun einmal in diesem Glauben geboren und wissen nicht, ob es richtig ist, ihn aufzugeben. Außerdem... gewiß, mit dir können wir reden, das fühle ich... Immerhin, auch wir haben Augen, um zu sehen, und einen Verstand, um zu denken. Wenn wir auf Reisen oder beim Handel euer Gebiet durchziehen, ist nicht alles, was wir sehen, so heilig, daß es uns überzeugen könnte, daß Gott mit euch von Judäa oder mit euch von Galiläa ist. >> << Wahrlich, ich sage dir, nicht wegen der Beleidigungen und der Verwünschungen, sondern wegen des Beispiels und des Mangels an Nächstenliebe wird Israel die Schuld zugeschrieben werden, weil es nicht imstande war, euch zu überzeugen und euch zurückzuführen. >> << Welch eine Weisheit ist in dir! Hört ihr? >> Alle stimmen mit einem Gemurmel der Bewunderung Jesus zu. Inzwischen haben sie die Stadt erreicht, und viele andere Menschen kommen hinzu, während sie sich zu einem Haus begeben. << Höre, Rabbi. Du, der du weise und gütig bist, befreie uns von einem Zweifel. Viel von unserer Zukunft kann davon abhängen. Du, der du der Messias bist, also der Wiederhersteller des Reiches Davids, müßtest dich gewiß freuen, dieses abgetrennte Glied wieder mit dem Staate zu vereinigen. Ist es nicht so >> 153 << Ich bemühe mich nicht so sehr, die beiden getrennten Glieder, die vergänglich sind, wiederzuvereinigen, sondern vielmehr darum, alle Seelen wieder zu Gott zurückzuführen. Wenn ich in einem Herzen die Wahrheit wiederherstellen kann, ist es mir eine große Freude. Nun sage mir, welches sind deine Zweifel? >> << Unsere Väter haben gesündigt. Seitdem sind die Seelen von Samaria Gott nicht mehr wohlgefällig. Welchen Vorteil würde es uns also bringen, wenn wir dem Guten folgen würden? Wir sind ja in den Augen Gottes für immer unrein. >> << Euer Los ist das aller Schismatiker, die ewige, schmerzliche Erinnerung, die ständige Unzufriedenheit. Doch ich will dir wieder mit Ezechiel antworten. ''Alle Seelen gehören mir'', sagt der Herr. ''Sowohl jene des Vaters als auch jene des Sohnes. Doch nur die Seele, die gesündigt hat, wird sterben.'' Wenn ein Mensch gerecht ist, wenn er nicht Götzen anbetet, nicht stiehlt und nicht Unzucht und Wucher treibt, wenn er an Leib und Seele seines Nächsten Barmherzigkeit übt, dann ist er in meinen Augen gerecht und wird das wahre Leben haben, und weiter: wenn ein Gerechter einen widerspenstigen Sohn hat, wird dann auch dieser Sohn das wahre Leben haben, weil sein Vater gerecht war? Nein, er wird es nicht haben. Wenn der Sohn eines Sünders gerecht ist, wird er dann sterben wie sein Vater, weil er dessen Sohn ist? Nein, er wird leben in Ewigkeit, weil er gerecht gewesen ist. Es wäre ungerecht, wenn einer die Schuld des anderen tragen müßte. Die Seele, die gesündigt hat, wird sterben. Jene, die nicht gesündigt hat, wird nicht sterben. Wenn aber der, der gesündigt hat, seine Sünden bereut und künftig in Gerechtigkeit lebt, dann wird auch er das wahre Leben haben. Unser Gott, der Herr, der einzige und alleinige Herr, sagt: ''Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und das wahre Leben habe.'' Deshalb hat er mich gesandt, o ihr irrenden Söhne! Damit ihr das wahre Leben habt. Ich bin das Leben. Wer an mich glaubt und an den, der mich gesandt hat, wird das ewige Leben erlangen, selbst wenn er bis zur Stunde ein Sünder war. >> << Hier ist mein Haus, Meister. Verabscheust du es nicht, einzutreten? >> << Ich verabscheue nur die Sünde. >> << Dann komm und raste bei mir. Wir werden zusammen das Brot brechen, und dann, wenn es dir nicht lästig fällt, wirst du uns das Wort Gottes gewähren. Das von dir gegebene Wort hat einen anderen Geschmack... und unsere Besorgnis liegt hierin: wir fühlen uns nicht sicher, im Recht zu sein... >> << Alles würde sich in euch beruhigen, wenn ihr es wagen würdet, offen zur Wahrheit zu kommen. Gott möge zu euren Herzen sprechen, ihr Bewohner dieser Stadt. Es ist schon bald Abend. Doch morgen zur dritten Stunde werde ich lange zu euch sprechen, wenn ihr wollt. Gehet hin, und die Barmherzigkeit sei mit euch! >> 154 184. VERKÜNDIGUNG DER HEILSBOTSCHAFT IN SICHAR Jesus spricht inmitten eines Platzes zu einer großen Menschenmenge. Er ist auf eine kleine steinerne Bank beim Brunnen gestiegen. Die Leute umringen ihn, und auch die Zwölf haben sich um ihn geschart... und mit Gesichtern,... die Bestürzung, Ärger oder offensichtliche Abscheu über Kontakte mit gewissen Leuten ausdrücken. Besonders Bartholomäus und Judas Iskariot zeigen offen ihren Unmut, und um sich in einer möglichst großen Entfernung von den Samaritern zu halten, hat letzterer sich rittlings auf den Ast eines Baumes gesetzt, als wolle er die Szene beherrschen, während Bartholomäus sich in einer Ecke des Platzes an ein Haustor lehnt. Das Vorurteil beherrscht alle. Jesus hingegen ist nicht anders als sonst. Vielmehr würde ich sagen, daß er darauf bedacht ist, die Leute durch seine Würde nicht einzuschüchtern und gleichzeitig versucht, seine Würde erstrahlen zu lassen, um jeden Zweifel zu beseitigen. Er liebkost zwei oder drei kleine Kinder, die er nach ihrem Namen fragt, kümmert sich um einen blinden Greis, dem er selbst Almosen gibt, und antwortet auf zwei oder drei Fragen, die sich auf private Angelegenheiten beziehen. Die eine Frage ist von einem Vater gestellt worden, dessen Tochter wegen einer Liebschaft von zu Hause fortgelaufen ist und die nun um Verzeihung bittet. << Gewähre ihr unverzüglich deine Verzeihung. >> << Aber ich habe sehr darunter gelitten, Meister, und leide immer noch! In weniger als einem Jahr bin ich um zehn Jahre gealtert. >> << Die Verzeihung wird dir Erleichterung bringen. >> << Das ist nicht möglich. Die Wunde bleibt. >> << Das ist wahr. In der Wunde sind zwei Dornen, die dir Schmerz bereiten. Der eine ist die unleugbare Beleidigung, die dir deine Tochter zugefügt hat, der andere deine Bemühung, ihr deine Liebe zu entziehen. Entferne wenigstens letzteren Dorn. Die Verzeihung, die erhabenste Form der Liebe, wird ihn entfernen. Bedenke doch, armer Vater, daß dieses Kind durch dich erzeugt wurde und allezeit Anrecht auf deine Liebe hat. Wenn du sie von einer körperlichen Krankheit heimgesucht sähest und wüßtest, daß nur du sie vor dem Tode bewahren könntest, würdest du sie sterben lassen? Bestimmt nicht. Bedenke also, daß gerade du sie mit deiner Verzeihung heilen und sie zu einem gesunden Empfinden zurückführen kannst. Denn siehe, in ihr herrscht das, was es an Niedrigstem im Menschen gibt. >> << Du rätst mir also, zu verzeihen? >> << Du mußt! >> << Aber wie werde ich es ertragen, sie im Hause unter meinen Augen zu haben, ohne sie zu verfluchen nach all dem, was sie begangen hat? >> 155 << Dann hättest du ihr nicht verziehen. Das Verzeihen besteht nicht darin, daß du ihr die Haustüre öffnest, sondern daß du ihr dein Herz wieder öffnest. Sei gut zu ihr, Mann! Sollten wir vielleicht die Geduld, die wir für ein störrisches Jungtier aufbringen, nicht unserem eigenen Kind entgegenbringen? >> Eine Frau hingegen will wissen, ob sie den Schwager heiraten soll, um ihren Waisenkindern einen Vater zu geben. << Bist du sicher, daß er ein wirklicher Vater wäre? >> << Ja, Meister. Ich habe drei Knaben, sie brauchen einen Mann, der sie führt. >> << Dann tue es und sei ihm eine treue Gattin, wie du es deinem ersten Mann warst. >> Ein Dritter fragt, ob er eine Einladung, nach Antiochien überzusiedeln, annehmen soll. << Mann, warum willst du dorthin gehen? >> << Hier fehlen mir die Mittel für mich und die vielen Kinder. Ich habe einen Heiden kennengelernt, der mich anstellen würde, weil er meine Fähigkeiten bei der Arbeit gesehen hat, und der auch meinen Söhnen Arbeit gäbe. Doch ich möchte nicht... Du wirst dich vielleicht über die Skrupel eines Samariters wundern, aber ich habe sie. Ich möchte nicht, daß wir den Glauben verlieren. Denn jener Mann ist ja ein Heide, weißt du. >> << Was hat das zu bedeuten? Nichts verunreinigt, wenn man sich nicht verunreinigen will. Geh nur nach Antiochien und bleibe dem wahren Gott treu. Er wird dich führen, und du wirst zudem zum Wohltäter deines Herrn werden, der durch deine Rechtschaffenheit Gott kennenlernen wird. >> Dann beginnt Jesus zu der Menge zu sprechen. << Ich habe viele von euch angehört, und in allen habe ich einen geheimen Schmerz erkannt, ein Leid, dessen ihr euch vielleicht selber nicht bewußt seid. Seit Jahrhunderten staut sich dieses Leid in euren Herzen an, und weder die Erklärungen, die ihr euch gebt, noch die Anschuldigungen, die euch treffen, können euch davon befreien. Vielmehr verhärtet es sich und wird schwer und bedrückt euch wie Schnee, der sich in hartes Eis verwandelt. Ich bin nicht einer von euch und auch nicht einer von denen, die euch anklagen. Ich bin Gerechtigkeit und Weisheit und verweise euch zur Lösung eures Falles noch einmal auf Ezechiel (vergl. Ez. 23,I u. ff.). Ezechiel spricht prophetisch von Samaria und Jerusalem; er nennt sie Kinder ein und desselben Schoßes und gibt ihnen die Namen Ohola und Oholiba. (Im ursprünglichen Sinne bedeutet Ohola ''Ihr eigenes Zelt'' und Oholiba ''Mein Zelt in ihr''. Zelt, im religiösen alttestamentarischen Sinne, heißt soviel wie Tabernakel, Tempel.) Die erste, welche dem Götzendienst verfiel, war Ohola, die bereits nicht mehr mit dem Himmlischen Vater vereint 1 56 und daher seiner geistigen Hilfe beraubt war. Die Vereinigung mit Gott bedeutet immer Rettung. Ohola tauschte den wahren Reichtum, die wahre Macht und die wahre Weisheit mit dem armseligen Reichtum, der Macht und Weisheit eines, der Gott gegenüber noch armseliger war als sie, und ließ sich von ihm derart verführen, daß sie von der Lebensart ihres Verführers versklavt wurde. Sie glaubte sich stark, wurde aber schwach. Sie glaubte sich mächtig, verlor aber an Ansehen, und durch ihr leichtsinniges Benehmen wurde sie zur Törin. Wenn einer sich unvorsichtigerweise von einer Seuche anstecken läßt, dann gelingt es ihm nur schwer, sich davon zu befreien. Ihr werdet sagen: ''Wir sollten geringer sein? Nein, wir waren mächtig.'' Mächtig ja, aber wie? Um welchen Preis? Ihr wißt es. Wie viele, auch Frauen, erwerben den Reichtum um den schrecklichen Preis ihrer Ehrbarkeit! Sie erwerben etwas Vergängliches und verlieren etwas Unvergängliches: den guten Ruf. Oholiba, die sah, daß die Torheit der Ohola Reichtum eingebracht hatte, wollte sie nachahmen und wurde noch törichter als Ohola; und zwar versündigte sie sich in doppelter Weise, denn der wahre Gott war mit ihr, und sie hätte nie die Kraft, die sie dank dieser Vereinigung besaß, mit Füßen treten dürfen. Harte und furchtbare Strafe ist die Folge gewesen, und eine noch größere wird die zweifach törichte und unkeusche Oholiba treffen. Gott wird sich von ihr abwenden. Er tut es schon, indem er sich jenen zuwendet, die nicht aus Judäa sind. Man kann Gott nicht Ungerechtigkeit vorwerfen, denn er drängt sich nicht auf. Er öffnet allen seine Arme und lädt alle ein, doch wenn einer sagt: ''Geh weg! '' dann geht er. Er geht auf die Suche nach Liebe und lädt andere ein, bis er einen Menschen findet, der sagt: ''Ich komme.'' Daher sage ich euch, daß euch dieser Gedanke in eurer Trübsal trösten wird, ja, er muß euch Trost geben: Ohola, gehe in dich, Gott ruft dich! Die Weisheit des Menschen besteht darin, daß er imstande ist, sein Unrecht einzusehen, die Weisheit der Seele besteht in der Liebe zum wahren Gott und seiner Wahrheit. Schaut nicht nach Oholiba, Phönizien, Ägypten oder Griechenland. Schaut auf zu Gott. Dort ist die Heimat jeder gerechten Seele, dort, im Himmel! Es gibt nicht viele Gebote, sondern nur eines: das Gebot Gottes. Mit diesem Gesetzbuch erlangt man das ewige Leben. Sagt nicht: ''Wir haben gesündigt'', sondern sagt: ''Wir wollen nicht mehr sündigen.'' Daß Gott euch noch liebt, beweist er euch, indem er sein ''Wort'' sendet, um euch zu rufen: ''Kommt! '' Kommt, sage ich euch. Werdet ihr beleidigt und geächtet? Von wem? Von Geschöpfen, wie ihr es seid. Doch Gott ist größer als diese, und er sagt euch: ''Kommt.'' Es wird der Tag kommen, da ihr darüber jubeln werdet, nicht im Tempel gewesen zu sein... In eurem Geiste werdet ihr darüber jubeln. Aber noch mehr werden die Herzen darüber jubeln, denn über die Herzen der Recht 157 schaffenen, die es in Samaria gibt, wird schon das Verzeihen Gottes herabgekommen sein. Bereitet euch darauf vor. Kommt zum Retter der Welt, o Kinder Gottes, die ihr vom rechten Weg abgekommen seid. >> << Aber selbst wenn einige kommen, so werden uns die auf der anderen Seite nicht wollen. >> << Nochmals antworte ich euch mit dem Priester und Propheten: ''Ich nehme den Stab Josephs, der in der Hand Ephraims ist, und der Stämme Israels, seiner Verbündeten, und lege zu ihnen den Stab Judas und mache sie zu einem Stab, daß sie in meiner Hand eins seien...'' Ja, nicht zum Tempel, zu mir sollt ihr kommen. Ich weise euch nicht zurück. Ich bin es, der, der König genannt wird, Herrscher über alle. Der König der Könige bin ich. Ich werde euch alle reinigen, o Völker, die ihr gereinigt werden wollt. Ich werde euch wieder vereinigen, ihr Herden ohne Hirten oder mit götzendienerischen Hirten, denn ich bin der Gute Hirte. Ich werde euch ein einziges Zelt geben und es mitten unter meinen Gläubigen aufstellen. Dieses Zelt wird Quelle des Lebens und Brot des Lebens sein, es wird Licht, Rettung, Schutz und Weisheit sein. Es wird alles sein, denn es wird der ''Lebendige'' sein, der den Toten als Speise gereicht wird, um sie zum Leben auferstehen zu lassen. Es wird Gott sein, der sich ausgießt mit seiner Heiligkeit, um zu heiligen. Das bin ich, und ich werde es sein. Die Zeit des Hasses, der Verständnislosigkeit und der Furcht ist überstanden. Kommt! Volk Israels! Getrenntes Volk! Betrübtes Volk! Fernes Volk! Geliebtes, unendlich geliebtes Volk, weil du krank und geschwächt bist, zu Tode verletzt durch einen Pfeil, der dir die Adern deiner Seele durchschnitten und die lebendige Vereinigung mit deinem Gott entweichen ließ: Komm! Komm zurück zum Schoße, aus dem du geboren wurdest; komm an die Brust, die dir Leben spendet. Güte und Wärme erwarten dich hier noch immer. Immer! Komm! Komm zum Leben und zum Heil. >> I 85. DER ABSCHIED VON DEN BEWOHNERN SICHARS Jesus sagt zu den Samaritern Sichars: << Bevor ich euch verlasse, denn ich habe auch anderen Menschen die Frohe Botschaft zu verkünden, will ich euch lichtvolle Wege der Hoffnung eröffnen und euch auf sie führen mit den Worten: Geht beruhigt, denn das Ziel ist euch sicher. Heute führe ich nicht den großen Ezechiel an, sondern den Lieblingsjünger des Jeremias, den sehr großen Propheten. Baruch spricht zu euch. Wahrlich, er tritt mit euren Herzen vor den erhabenen Gott im Himmel, und er tritt für eure Herzen ein, nicht nur für jene der Samariter, sondern für alle, o ihr Stämme des auserwählten 158 Volkes, die ihr euch in vielfältiger Weise versündigt habt. Auch eure Herzen nimmt er, ihr heidnischen Völker, die ihr fühlt, daß es unter den vielen Göttern, denen ihr dient, einen unbekannten Gott gibt, den eure Seele erahnt als den Einzigen und Wahren, und den nur eure Schwerfälligkeit euch zu suchen hindert, um ihn kennenzulernen, so wie euer Herz es ersehnt. Wenigstens ein moralisches Gesetz wurde euch, o Heiden, o Götzendiener, gegeben, weil ihr Menschen seid, und der Mensch hat in sich etwas innewohnend, das von Gott kommt und den Namen Seele hat, das zum Guten mahnt und zu einem gottgefälligen Leben anspornt. Ihr jedoch habt diese Seele gezwungen, Sklavin eines lasterhaften Fleisches zu sein, indem ihr das moralische Gesetz der Menschen, das in euch wohnte, übertreten habt. Auch menschlich gesehen wurdet ihr zu Sündern, denn ihr habt euch selbst und eure Glaubensauffassung auf eine Stufe der Bestialität herabgewürdigt, das euch unter den Rang der vernunftlosen Geschöpfe erniedrigt. Hört mich trotzdem alle an! Ihr werdet um so mehr begreifen, je mehr ihr nach eurer Kenntnis des übernatürlichen Moralgesetzes handelt, das euch vom wahren Gott gegeben worden ist. Betet mit den Worten Baruchs, und dieses sein Gebet soll aus euren gedemütigten Herzen in einer würdevollen Demut kommen, die nicht Entwürdigung oder Feigheit ist, sondern klare Erkenntnis der eigenen elenden Verfassung und der heilige Wunsch, das Mittel für eine geistige Besserung zu finden. Baruch betet so: ''Sieh, o Herr, von deinem Heiligtum auf uns, neige dein Ohr zu uns und höre uns an! Öffne deine Augen und bedenke, daß nicht die Toten in der Unterwelt, deren Geist vom Leib getrennt ist, des Herrn Ehre und Gerechtigkeit preisen, sondern die von der Wucht des Unglücks bedrückte Seele, die, gebeugt und schwach, mit niedergeschlagenen Augen einhergeht. Die nach dir hungernde Seele, o Gott, preist deine Ehre und Gerechtigkeit.'' Baruch weint demütig, und jeder Gerechte muß mit ihm weinen, wenn er die Schicksalsschläge sieht und beim rechten Namen nennt, die aus einem starken Volk ein trauriges, geteiltes und unterdrücktes Volk gemacht haben: ''Wir haben nicht auf deine Stimme gehört, und du hast deine Worte erfüllt, die du durch deine Diener, die Propheten, verkündet hast... Nun sind die Gebeine unserer Könige und unserer Väter aus den Gräbern geworfen und der Glut der Sonne und der Kälte der Nacht ausgesetzt, und die Bewohner sind unter schrecklichen Qualen durch den Hunger, das Schwert und die Pest umgekommen. Sogar den Tempel, in dem dein Name angerufen wurde, hast du wegen der Bosheit Israels und Judäas zu dem werden lassen, was er heute ist.'' O Kinder des Vaters, sagt nicht: ''Sowohl unser als auch euer Tempel ist immer wieder aufs neue aufgebaut worden und sie sind schön.'' Nein, ein Baum, der vom Gipfel bis zum Wurzelstock von einem Blitz gespalten wurde, kann nicht überleben. Er kann wohl ärmlich dahinvegetieren, und 159 in einem Aufbäumen der Triebe, die aus den Wurzeln sprießen, weiterleben, doch er verbleibt ein unfruchtbares Gestrüpp, niemals mehr wird es der üppige Baum sein, reich an gesunden, köstlichen Früchten. Die Zersetzung, die mit der Trennung begann, wird immer ausgeprägter, obwohl die materielle Struktur unversehrt, ja sogar schön und neu erscheint. Die Gewissen derer, die in ihr wohnen, werden zerfallen. Dann wird die Stunde kommen, da jede übernatürliche Flamme ausgelöscht ist und dem Tempel, dem Altar aus kostbarem Metall, das unablässig durch die Wärme des Glaubens und der Liebe seiner Diener erwärmt werden muß, das fehlt, was sein Leben ausmacht. Kalt, leblos, verunreinigt und voll von Toten wird er in Verwesung übergehen. Fremde Raben werden sich auf ihn stürzen und die Lawine göttlicher Strafe wird aus ihm eine Ruine machen. Söhne Israels, betet weinend mit mir, eurem Retter. Meine Stimme soll eure Stimme unterstützen, und sie, die es vermag, möge bis zum Throne Gottes vordringen. Wer mit Christus, dem Sohn des Vaters, betet, wird von Gott, dem Vater des Sohnes, erhört. Laßt uns das alte, gerechte Gebet Baruchs beten: ''Herr, Allmächtiger, Gott Israels, jede bedrängte Seele und jeder kummervolle Geist ruft zu dir. Erhöre uns, o Herr und erbarme dich, denn du bist ein Gott der Barmherzigkeit. Erbarme dich unser, denn wir haben gegen dich gesündigt. Du thronst in alle Ewigkeit und wir sollten auf ewig vernichtet sein? Herr, Allmächtiger, Gott Israels, erhöre das Gebet der Toten Israels und ihrer Kinder, die sich gegen dich versündigt haben. Sie haben nicht auf die Stimme des Herrn, ihres Gottes gehört, und so ist das Unheil über uns gekommen. Gedenke nicht der Bosheit unserer Väter, sondern vielmehr deiner Macht und deines Namens, denn diesen Namen rufen wir an und sagen uns los vom Unrecht unserer Väter. Erbarme dich unser! >> So sollt ihr beten und euch wahrhaftig bekehren. Ihr sollt zurückkehren zur wahren Weisheit, die Gottes ist und im Buch der Gebote Gottes und im Gesetz, das ewig währt, zu finden ist. Ich, der Messias Gottes, bin von neuem gekommen, um dieses Gesetz in seiner einfachen, unwandelbaren Form den armen Menschen dieser Erde zu bringen, indem ich ihnen die Frohe Botschaft der Zeit der Erlösung, der Vergebung, der Liebe und des Friedens verkünde. Wer diesen Worten glaubt, wird das ewige Leben erlangen. Ich verlasse euch nun, ihr Einwohner von Sichar, die ihr gut zum Messias Gottes gewesen seid. Ich lasse euch in meinem Frieden. >> << Bleibe noch! >> << Komm wieder! >> << Niemand wird jemals wieder so zu uns sprechen, wie du gesprochen hast. >> <<Sei gepriesen, guter Meister! >> << Segne mein Kind. >> 160 << Bete für mich, du Heiliger. >> << Laß mich eine deiner Fransen als Segenszeichen aufbewahren. >> << Vergiß Abel nicht. >> << Auch mich nicht, Timotheus. >> << Und mich, Jorai. >> << An euch alle, an euch alle werde ich mich erinnern! Der Friede komme über euch! >> Sie begleiten ihn bis einige hundert Meter vor die Stadt, erst dann kehren sie langsam zurück... 186. UNTERWEISUNG DER APOSTEL. WUNDER AN DER FRAU VON SICHAR Jesus geht allein voran, dicht an einer Hecke von Kakteen entlang, die alle anderen entlaubten Pflanzen verspottend, in der Sonne glänzen mit ihren dicken, stachelbewehrten Schaufeln, an denen noch vereinzelte Früchte hängen, die die Witterung ziegelrot werden ließ. Da und dort sind schon einige frühzeitige, rot und gelb bemalte Blüten sichtbar. Hinter ihm flüstern die Apostel miteinander, und es scheint mir nicht gerade, daß sie ihren Meister loben. Jesu wendet sich plötzlich um und sagt: << Wer auf den Wind achtet, kommt nicht zum Säen, und wer nach den Wolken schaut, kommt nicht zum Ernten. Das ist ein altes Sprichwort. Doch ich halte mich daran. Ihr seht, daß ich dort, wo ihr widerwärtige Winde befürchtet habt und euch nicht aufhalten wolltet, Brachland und Gelegenheit zum Säen gefunden habe. Trotz ''eurer'' Wolken bin ich der Ernte schon sicher und möchte euch auch sagen, daß ihr gut daran tätet, diese Wolken zu verbergen, wo die Barmherzigkeit ihre Sonne zeigen möchte. >> << Doch bis anhin hat dich doch niemand um ein Wunder gebeten. Sie haben einen sehr seltsamen Glauben an dich. >> << Glaubst du denn, Thomas, daß nur die Bitte um ein Wunder beweist, daß der Glaube vorhanden ist? Du irrst dich. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Wer ein Wunder verlangt, um glauben zu können, bekundet damit, daß er ohne Wunder, also ohne einen greifbaren Beweis, nicht glauben würde. Wer aber auf das Wort eines anderen hin sagt: ''Ich glaube'', der bekundet den größten Glauben. >> << Das heißt also, daß die Samariter besser sind als wir! >> << Das sage ich nicht. Doch in Hinblick auf ihre beeinträchtigte seelische Verfassung ist ihre Fähigkeit, Gott zu verstehen, viel größer als die vieler Gläubiger in Palästina. Diese Erfahrung werdet ihr noch oft in eurem Leben machen und ich bitte euch, erinnert euch auch an diese Begebenheit, 161 damit ihr imstande seid, den Seelen, die zum Glauben an Christus kommen, ohne Vorurteile zu begegnen. >> << Jedoch verzeihe, Jesus, wenn ich es dir sage: mir scheint, daß es bei all dem Haß, den man gegen dich hat, gefährlich für dich ist, neue Anschuldigungen zu provozieren. Wenn die Männer des Hohen Rates wüßten, daß du... >> << Sag es nur: ''Liebe geschenkt hast.'' Ja, Liebe habe ich gegeben und gebe ich, Jakobus. Und du, der du mein Vetter bist, kannst verstehen, daß ich nur Liebe empfinden kann. Ich habe dir gezeigt, daß ich auch für jene nur Liebe empfinde, die meine Verwandten und Mitbürger und mir feindlich gesinnt sind. Sollte ich also für jene, die mich verehrt haben ohne mich zu kennen, keine Liebe haben? Die Mitglieder des Hohen Rates mögen soviel Böses tun, wie sie wollen, doch selbst wenn ich an ihre künftigen Bosheiten denke, wird all dies kein Grund sein, meiner allgegenwärtigen, überall wirkenden Liebe Schranken zu setzen. Übrigens, auch wenn ich es tun wollte, würde es den Hohen Rat nicht daran hindern, in seinem Haß neue Beschuldigungen zu finden. >> << Aber du, Meister, verlierst deine Zeit in einem götzendienerischen Land, während man vielerorts in Israel auf dich wartet. Du sagst, jede Stunde soll dem Herrn geweiht sein. Sind denn dies nicht verlorene Stunden? >> << Der Tag, den man dazu verwendet, verlorene Schafe zu sammeln, ist nicht vergeudet. Er ist nicht verloren, Philippus. Es steht geschrieben: ''Wer das Gesetz achtet, entrichtet viele Opfer,... wer aber Wohltaten spendet, bringt ein Dankesopfer dar.'' Es steht geschrieben: ''Gib Gott, dem Allmächtigsten in gleicher Weise, wie er dir gegeben, mit frohem Herzen, wie du es vermagst.'' Ich handle so, Freund. Die Zeit, in der man Opfer bringt, ist nie vergeudete Zeit. Ich übe Barmherzigkeit und benütze die mir gegebenen Fähigkeiten, indem ich meine Arbeit Gott weihe. Seid also getrost. Und übrigens... diejenigen unter euch, die eine Bitte um ein Wunder hören wollten, um sich zu überzeugen, daß man in Sichar an mich glaubt, werden nun zufriedengestellt. Jener Mann dort folgt uns gewiß aus irgendeinem Grund. Warten wir auf ihn. >> Tatsächlich nähert sich ihnen ein Mann. Er scheint unter einer schweren Bürde gebeugt, die er, im Gleichgewicht, auf beiden Schultern trägt. Als er sieht, daß die Gruppe stehenbleibt, hält er ebenfalls inne. << Er will uns Böses antun. Er bleibt stehen, weil er sieht, daß wir ihn bemerkt haben. Oh, es sind eben Samariter! >> << Bist du sicher, Petrus? >> << Oh, ganz bestimmt! >> << Dann bleibt hier, ich will ihm entgegengehen. >> << Das nicht, Herr. Wenn du gehst, komme auch ich. >> << Dann komm also. >> I62 Jesus geht dem Mann entgegen. Petrus trottet, neugierig und ablehnend zugleich, an seiner Seite. Als sie nur mehr wenige Meter voneinander entfernt sind, fragt Jesus: << Was willst du, Mann? Was suchst du? >> << Dich. >> << Warum bist du nicht in der Stadt zu mir gekommen? >> << Ich wagte es nicht... Es wäre zuviel Schmerz und Scham für mich gewesen, wenn du mich in Anwesenheit aller Leute zurückgewiesen hättest. >> << Du hättest mich rufen können, als ich mit den Meinen wieder allein war. >> << Ich hoffte, dich einmal ganz allein anzutreffen, wie Fotinai. Ich habe einen schwerwiegenden Grund, mit dir allein zu sein... >> << Was willst du? Was trägst du mit soviel Mühe auf den Schultern? >> << Meine Frau. Sie ist von einem Geist besessen, der aus ihr einen leblosen Leib und umnachteten Geist gemacht hat. Ich muß ihr das Essen eingeben, sie ankleiden und tragen wie ein Kind. Es ist ganz plötzlich geschehen, ohne Krankheit... Sie nennen sie die ''Besessene''. Ich leide sehr darunter. Es ist eine große Plage, und ich habe auch viele Kosten. Schau. >> Der Mann stellt das Bündel mit dem reglosen Körper, der in einen Mantel gehüllt ist und wie ein Sack aussieht, auf den Boden. Er entschleiert das Antlitz einer noch jungen Frau, die, wenn sie nicht atmen würde, tot schiene. Die Augen sind geschlossen, der Mund ist halbgeöffnet... das Gesicht einer Toten. Jesus beugt sich über die Unglückliche, die am Boden liegt, und betrachtet sie. Dann sieht er den Mann an. << Glaubst du, daß ich es kann? Warum glaubst du es? >> << Weil du der Christus bist. >> << Aber du hast nichts gesehen, was dir das beweisen könnte. >> << Ich habe dein Wort gehört. Das genügt. >> << Petrus, hörst du? Was meinst du, was ich nun angesichts eines solch starken Glaubens tun soll? >> << Aber... Meister... Du... Ich... Tue du, was richtig ist. >> Petrus ist sehr verlegen. << Gewiß werde ich es tun. Mann, schau! >> Jesus nimmt die Hand der Frau und befiehlt: << Weiche von dieser Frau! Ich will es! >> Die Frau, die unbeweglich dalag, wird von einem heftigen Krampf befallen, der zuerst stumm verläuft, dann von Wimmern und Klagen begleitet wird, die in einem lauten Aufschrei enden, bei dem sie die bis anhin geschlossenen Augen aufreißt, wie jemand, der aus einem Alptraum erwacht. Schließlich beruhigt sie sich, schaut ein wenig erstaunt um sich und blickt Jesus an, den Unbekannten, der ihr zulächelt... Sie schaut auf den Staub des Weges, auf dem sie liegt, auf ein Grasbüschel, das am Wegrand wächst und auf dem die rotweißen Köpfchen der Gänseblümchen 163 wie Perlen leuchten und nahe daran sind, sich in einem Kranz zu öffnen. Sie sieht die Kakteenhecke, den blauen Himmel und erblickt dann ihren Mann... ihren Mann, der sie ängstlich betrachtet und jede ihrer Bewegungen beobachtet. Sie lächelt, springt dann mit der endgültig wiedererlangten Freiheit auf die Beine und flüchtet sich an die Brust ihres Gatten, der sie weinend liebkost und umarmt. << Was ist los? Weshalb bin ich hier? Warum? Wer ist dieser Mann? >> << Es ist Jesus, der Messias. Du warst krank. Er hat dich geheilt. Sage ihm, daß du ihn liebst. >> << Oh! Ja! Danke!... Aber was hatte ich denn? Meine Kinder... Simon... Ich erinnere mich nicht an den gestrigen Tag, doch ich erinnere mich, daß ich Kinder habe... >> Jesus sagt: << Es ist nicht nötig, daß du dich des gestrigen Tages erinnerst. Vergiß nie den heutigen Tag und sei ein guter Mensch. Lebt wohl! Seid gute Menschen, und Gott wird mit euch sein. >> Jesus entfernt sich raschen Schrittes unter den Lobpreisungen der beiden. Als Jesus die anderen wieder erreicht, die bei der Hecke auf ihn warten, sagt er nichts zu ihnen. Dann aber wendet er sich an Petrus: << Nun? Du, der du so sicher warst, daß jener Mann mir etwas Böses antun wollte, was sagst du nun? Simon, Simon! Wieviel fehlt dir noch, um vollkommen zu sein! Wieviel fehlt euch noch! Ihr habt, abgesehen vom offenkundigen Götzenkult, dieselben Fehler wie sie hier und seid zudem noch überheblich im Urteilen. Laßt uns unsere Mahlzeit einnehmen. Wir können den Ort, wo ich noch vor Anbruch der Nacht eintreffen wollte, nicht mehr erreichen. Wir werden in irgendeiner Scheune schlafen, wenn wir nichts Besseres finden. >> Mit dem bitteren Nachgeschmack des Tadels in den Herzen setzen sich die Zwölf wortlos nieder und nehmen ihre Mahlzeit ein. Die Sonne eines friedlichen Tages bescheint die Landschaft, die in sanften Wellen zu einer Ebene abfällt. Als die Mahlzeit beendet ist, verweilen sie noch etwas, bis Jesus aufsteht und sagt: << Andreas und du, Simon, kommt! Ich möchte sehen, ob die Bewohner des Hauses dort uns freundlich oder feindlich gesinnt sind >>, und er macht sich auf den Weg, während die anderen stillschweigend zurückbleiben, bis Jakobus des Alphäus zu Judas Iskariot sagt: << Ist denn die Frau, die des Weges kommt, nicht von Sichar? >> << Ja, sie ist es. Ich erkenne sie am Gewand. Was will sie wohl? >> << Ihres Weges gehen >>, antwortet Petrus verärgert. << Nein. Sie blickt zu sehr auf uns, und schirmt sich die Augen mit der Hand ab. >> Die Jünger beobachten sie, bis sie angekommen ist und ganz bescheiden fragt: << Wo ist euer Meister? >> << Nicht hier. Warum fragst du nach ihm? >> I64 << Ich sollte ihn sprechen... >> << Er verliert seine Zeit nicht mit Frauen >>, entgegnet Petrus trocken. << Ich weiß es, mit den Frauen nicht, aber ich bin eine Frauenseele, die ihn nötig hat. >> << Laß sie machen >>, rät Judas des Alphäus, und antwortet Fotinai: << Warte, er kommt gleich zurück. >> Die Frau stellt sich in die Ecke einer Wegbiegung und schweigt, während die Jünger sich nicht mehr um sie kümmern. Doch Jesus kehrt bald zurück, und Petrus sagt: << Da ist der Meister. Sage ihm, was du ihm zu sagen hast und beeile dich. >> Die Frau antwortet ihm nicht, sondern läßt sich vor Jesu Füßen auf die Knie nieder und verneigt sich schweigend bis zur Erde. << Fotinai, was willst du von mir? >> << Dein Hilfe, Herr. Ich bin so schwach, und ich will nicht mehr sündigen. Ich habe dies dem Mann bereits gesagt. Doch jetzt, da ich keine Sünderin mehr bin, komme ich nicht mehr weiter. Das Gute ist mir fremd. Was soll ich tun? Sage du es mir. Ich bin nur Schlamm. Aber dein Fuß betritt auch den Staub des Weges, um zu den Seelen zu gelangen. Zertritt auch meinen Schlamm, aber komm und gib mir deinen Rat. >> Sie weint. << Mir könntest du als alleinstehende Frau nicht folgen. Doch wenn du wirklich nicht mehr sündigen willst und die Weisheit, Sünden zu vermeiden, lernen möchtest, dann kehre mit reuiger Gesinnung in dein Haus zurück und warte. Es wird der Tag kommen, da du mit vielen anderen, ebenfalls geretteten Schwestern, bei deinem Erlöser sein kannst, um die Wissenschaft des Guten zu erlernen. Geh und habe keine Furcht. Bleibe deinem jetzigen Vorsatz, nicht mehr zu sündigen, treu. Leb wohl. >> Die Frau küßt den Staub, steht auf, geht einige Schritte rückwärts und ent fernt sich dann in Richtung Sichar... 187. JESUS BESUCHT DEN TÄUFER BEI ÄNON Es ist eine mondhelle Nacht, so klar, daß die Landschaft in allen Einzelheiten erkennbar ist und die Felder mit dem jungen Getreide einem Teppich aus grünsilbernem Filz gleichen, der von den dunklen Bändern der Pfade durchzogen ist und von den Bäumen bewacht wird, die auf der vom Mond beschienenen Seite ganz weiß, auf der Rückseite jedoch tief schwarz erscheinen. Jesus ist allein und geht entschlossen und sehr schnell seines Weges, bis er zu einem Wasserlauf kommt, der gurgelnd in nordöstlicher Richtung zur Ebene hinabfließt. Er folgt ihm bis zu einer einsamen Stelle an einem wilden, steilen Ufer. Schließlich macht er noch einen Bogen, steigt einen 165 Pfad empor und gelangt zu einem natürlichen Unterstand am Hang des Hügels. Er tritt ein und beugt sich über ein liegendes Wesen, das kaum kenntlich ist, da der Mondschein, der den Pfad erleuchtet, nicht in die Höhle eindringt. Jesus ruft: << Johannes! >> Der Mann erwacht und setzt sich, noch vom Schlaf benommen, auf. Doch als ihm bewußt wird, wer ihn gerufen hat, springt er auf, um sich gleich vor Jesus niederzuwerfen und zu sagen: << Wie geschieht mir, daß mein Herr zu mir gekommen ist? >> << Ich bin gekommen, um dein und mein Herz glücklich zu machen. Du sehntest dich nach mir, Johannes. Da bin ich. Steh auf! Laßt uns in den Mondschein hinaustreten und uns zum Gespräch auf den Felsblock bei der Grotte setzen. >> Johannes gehorcht, er steht auf und tritt hinaus. Doch als Jesus sich gesetzt hat, kniet er in seinem Schafsfell, das seinen sehr mageren Körper nur dürftig bedeckt, vor Christus nieder und streicht sein langes, wirres Haar, das ihm vor die Augen gefallen war, zurück, um den Sohn Gottes besser betrachten zu können. Der Gegensatz ist kraß. Jesus ist blaß und blond, hat weiches, geordnetes Haar und einen kurzen Bart an der unteren Gesichtshälfte. Johannes hingegen hat ein wahres Gewirr von pechschwarzem Haar, aus dem nur zwei tiefliegende, wie von Fieber glänzende Augen hervorstechen. << Ich bin gekommen, um dir ''danke'' zu sagen. Du hast mit der Vollkommenheit der Gnade, die in dir ist, deine Mission als mein Vo |
Kontakt
Kirchenstr. 23
A-9220 Velden am Wörther See
Telefon: +43 4274 51683
FAX: +43 4274 52879
e-mail: ingrid@relimedien.com
Shop-Direktzugriff
Andachtsgegenstände/Geschenke
Angebote-Kurzüberblick
Bilder-Bilderrahmen s Andachtsg
Billets (s. auch Spruchkarten)
Businessplan
Bücher siehe Untergruppen
CD-Audio/Toncassetten
CD-ROMs für Computer
Dia-Programme
Diverse Hinweise
Downloads
DVD für Kinder (siehe auch Video)
DVD (Video=sep. Katg.) Kauf/Miete
Gebetsbilder (Andachtsbildchen)
Gottesdienstbehelfe/Materialien
Haussegenssprüche m. Glasrahmen
Job-Angebote (Heimarbeit ua)
Kerzen-div. Unterkategorien
Kopiervorlagen
Medienapostolat-Einladung
Medientechnik
Overhead-Folien
Partnerlinks
Photomontagen
Podcasts/Audio MP3 download
Poster-Fotos-Graphik-Kunst-u.a.
Seelsorgsbehelfe-div
Sonstiges (Kopierpapier+Gratisz
Spruchkarten (Psalmen, Bios ua)
Sticker/Spruchetikett 7x10cm
Urkunden (Taufe, Hochzeit usw)
Videos für Kinder (s.a. DVD)
Videos(DVD=sep.Kateg.) Kauf/Miete |