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240. AGLAIA BEIM MEISTER

Jesus geht allein ins Haus des Zeloten. Der Abend bricht herein, heiter und friedlich nach soviel Sonne. Jesus zeigt sich an der Küchentür, grüßt und geht ins obere Zimmer, um dort zu meditieren. Der Saal ist schon für das Nachtmahl vorbereitet. Der Herr scheint nicht sehr froh zu sein. Er seufzt öfters und geht auf und ab und wirft ab und zu einen Blick auf die

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umliegende Landschaft, die man von den vielen Fenstern und Türen dieses großen Saales aus, der wie ein Würfel auf dem Untergeschoßes sitzt, überblicken kann. Dann tritt er auf die Terrasse hinaus, geht um den Saal herum, bleibt regungslos stehen und sieht Johannes von Endor zu, der höflich Wasser aus dem Brunnen schöpft, um es der vielbeschäftigten Salome anzubieten. Jesus betrachtet ihn, schüttelt das Haupt und seufzt. Die Kraft seines Blickes zieht die Aufmerksamkeit von Johannes an, und dieser wendet sich um und fragt:<< Meister, brauchst du mich? >> << Nein, ich habe dir nur zugeschaut. >> << Johannes ist so gut. Er hilft mir >>, sagt Salome. << Auch für diese Hilfe wird Gott ihn belohnen. >> Nach diesen Worten geht Jesus in den Raum zurück und setzt sich. Er ist so sehr in seine Betrachtung vertieft, daß er das Geräusch der vielen Stimmen und Schritte im Korridor des Untergeschoßes nicht hört, und noch weniger einige leichte Schritte, die auf der Außentreppe sich dem Saale nähern. Erst als Maria ihn ruft, erhebt er das Haupt. << Sohn, Susanna ist mit ihrer Familie aus Jerusalem angekommen und hat sogleich Aglaia zu mir gebracht. Willst du sie anhören, solange wir allein sind? >> << Ja, Mutter, sofort! Und niemand darf heraufkommen, bevor wir fertig sind. Ich hoffe, daß alles vor der Rückkehr der anderen beendet ist. Aber ich bitte dich, darauf zu achten, daß keine indiskrete Neugier aufkommt; bei niemand, und besonders nicht bei Judas des Simon... >> << Ich werde sorgfältig aufpassen ... >> Maria geht hinaus und kommt kurz darauf, Aglaia an der Hand führend, zurück. Diese ist nicht mehr in ihren großen, grauen Mantel eingehüllt und hat den Schleier nicht mehr über das Gesicht gezogen; sie trägt auch nicht die hochgeschnürten, mit Schnallen und Bändern verzierten Sandalen wie früher, sondern gleicht nun in allem einer Hebräerin. Ihre Sandalen sind flach und so einfach wie die Marias. Über dem dunkelblauen Kleid trägt sie den Mantel, während ein Schleier ihr teilweise das Gesicht bedeckt:das gewöhnliche Gewand unzähliger Frauen. Und da sie sich außerdem in einer Gruppe von Galiläern befindet, besteht keine Gefahr, erkannt zu werden. Sie kommt geneigten Hauptes herein, wird bei jedem Schritt röter im Gesicht; ich glaube, wenn Maria sie nicht sanft zu Jesus hinführen würde, wäre sie auf der Schwelle niedergekniet. << Hier, Sohn! Hier ist sie, die dich schon lange sucht! Höre sie an >>, sagt Maria, als sie bei Jesus angelangt ist, und sie zieht sich sogleich zurück, wobei sie die Vorhänge an den offenen Türen und die Türe an der Treppe schließt. Aglaia entledigt sich der Tasche, die sie über der Schulter trägt, kniet dann zu Jesu Füßen nieder und bricht in lautes Weinen aus. Sie läßt sich

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auf den Boden gleiten und weint, den Kopf auf die am Boden gekreuzten Arme gelegt. << Weine nicht! Die Zeit der Tränen ist vorbei. Grund zum Weinen hattest du, als Gott dir zürnte. Nicht jetzt, da du ihn liebst und von ihm geliebt wirst. >> Aber Aglaia fährt fort, zu weinen... << Glaubst du nicht, daß es so ist? >> Die Stimme bricht sich Bahn unter dem Schluchzen:<< Ich liebe ihn, das ist wahr, so wie ich bin und wie ich kann... Aber obgleich ich weiß und glaube, daß Gott die Güte ist, wage ich es nicht zu hoffen, daß er meine Liebe erwidert. Ich habe zuviel gesündigt... Ich werde seine Liebe vielleicht eines Tages haben... Aber ich muß noch viel weinen... Vorerst bin ich noch allein mit meiner Liebe. Ich bin allein... Es ist nicht die trostlose Einsamkeit der vergangenen Jahre. Es ist eine Einsamkeit voll Verlangens nach Gott, also nicht mehr eine verzweifelte... Doch ist sie so traurig, so traurig! >> << Aglaia, wie schlecht kennst du doch den Herrn! Dieses Verlangen nach ihm ist der Beweis dafür, daß Gott deine Liebe erwidert, daß er dir Freund ist, dich ruft, dich einlädt und dich will. Gott ist unfähig der Liebe seines Geschöpfes zu widerstehen; denn diese Liebe hat er selbst im Herzen erweckt; er, der Schöpfer und Herr aller Geschöpfe. Er hat dieses Verlangen entzündet, denn er hat die Seele, die nun nach ihm verlangt, mit Vorzug geliebt. Die Liebe Gottes geht immer der Liebe des Geschöpfes voraus; denn er ist der Vollkommene:daher ist seine Liebe unmittelbarer und brennender als die Liebe seines Geschöpfes. >> << Aber wie kann Gott meinen Schmutz lieben? >> << Bemühe dich nicht, mit deinem Verstande begreifen zu wollen. Er ist ein Abgrund der Barmherzigkeit, dem menschlichen Geiste unbegreiflich. Aber dort, wo die menschliche Intelligenz nicht mehr begreift, erkennt die Intelligenz der Liebe die Liebe des Geistes. Sie versteht und dringt sicher in das Geheimnis, das Gott ist, und in das Geheimnis der Begegnung der Seele mit Gott ein. Sie dringt ein, ich sage es dir. Sie dringt ein, weil Gott es will. >> << O mein Erlöser! So bin ich also losgesprochen? So werde ich also wirklich geliebt? Darf ich es glauben? >> << Habe ich dir je die Unwahrheit gesagt? >> << Oh nein, Herr! Alles, was du in Hebron zu mir gesagt hast, ist eingetroffen. Du hast mich erlöst, wie dies dein Name sagt. Du hast mich arme, verlorene Seele gesucht. Du hast der toten Seele, die ich in mir getragen habe, das Leben wiedergeschenkt. Du hast mir gesagt, wenn ich dich suche, werde ich dich finden. Alles ist eingetroffen. Du hast mir gesagt, daß du überall bist, wo der Mensch den Arzt und die Arznei nötig hat. Es ist wahr! Alles, alles, was du zur armen Aglaia gesagt hast, von jenen Worten des Junimorgens bis zu den anderen am ''Guten Gewässer'' ... >>

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<< So mußt du auch den jetzigen glauben! >> << Ja, ich glaube, ich glaube! Aber sage mir:''Ich verzeihe dir''! >> << Ich verzeihe dir im Namen Gottes und im Namen Jesu! >> << Danke... Aber nun ... Was soll ich nun tun? Sage mir, mein Erlöser, was soll ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? Der Mann wird schon verdorben, sobald er mich ansieht! Ich kann nicht in der ständigen Angst leben, entdeckt und angesprochen zu werden... Auf dieser Reise habe ich bei jedem Blick eines Mannes gezittert ... Ich will nicht mehr sündigen und nicht mehr zur Sünde verleiten! Sage mir den Weg, den ich gehen muß. Wie er auch sei, ich werde ihn gehen. Du siehst, ich bin auch in Entbehrungen stark ... Wenn ich aufgrund einer zu großen Not sterben sollte, ich habe keine Angst! Ich werde den Tod ''meinen Freund'' nennen, denn er wird mich für immer von den Gefahren der Erde befreien. Sprich, mein Erlöser! >> << Geh an einen einsamen Ort. >> << Wohin, Herr? >> << Wohin du willst. Dorthin, wo dein Geist dich hinführen wird. >> << Wird mein kaum gebildeter Geist dazu fähig sein? >> << Ja, denn Gott wird dich leiten. >> << Und wer wird mir von Gott sprechen? >> << Deine wiedererstandene Seele, vorerst... >> << Werde ich dich nie mehr wiedersehen? >> << Nie mehr auf dieser Erde. Doch bald werde ich dich völlig erlöst haben und deinen Geist vorbereiten auf den Anstieg zu Gott. >> << Wie wird meine vollständige Erlösung erfolgen, wenn ich dich nicht wiedersehe? Wie wirst du sie mir zuteil werden lassen? >> << Ich werde für alle Sünder sterben! >> << Nein! Du darfst nicht sterben! >> << Um euch das Leben zu schenken, muß ich den Tod auf mich nehmen. Ich bin deshalb Mensch geworden. Weine nicht! Du wirst mich bald dort erreichen, wo ich nach meinem und deinem Opfer bin. >> << Mein Herr! So werde auch ich für dich sterben? >> << Ja, aber auf andere Art. Dein Fleisch wird von Stunde zu Stunde durch das Mitwirken deines Willens absterben. Es ist schon beinahe ein Jahr, daß es abstirbt; wenn es ganz abgetötet sein wird, dann werde ich dich rufen. >> << Werde ich die Kraft haben, mein sündhaftes Fleisch zu vernichten? >> << In der Einsamkeit, in der Satan dich wütend mit allen seinen Mitteln versucht, wirst du, je mehr du dem Himmel gehörst, einen Apostel finden, der einst Sünder war und dann erlöst wurde. >> << Also nicht den Gesegneten, der mir von dir gesprochen hat? Er ist zu gut, er kann kein Sünder gewesen sein! >> << Nicht er ist es, sondern ein anderer. Er wird zu dir kommen, wenn die

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Zeit reif ist. Er wird dir sagen, was du noch nicht wissen kannst. Geh im Frieden! Der Segen Gottes sei mit dir! >> Aglaia war die ganze Zeit auf den Knien; sie neigt sich jetzt, um Jesus die Füße zu küßen. Mehr wagt sie nicht. Dann nimmt sie ihre Tasche und leert sie aus. Es kommen einfache Kleider zum Vorschein, ein kleines klingendes Säckchen und ein Töpfchen aus feinstem Alabaster. Aglaia legt die Kleider wieder in die Tasche, nimmt das Säckchen und sagt:<< Das ist für die Armen; der Rest meiner Schmuckstücke. Ich behalte nur die Münzen für die Wegzehrung... denn, auch wenn du es nicht gesagt hättest, wäre ich in die Einsamkeit gegangen. Und dies ist für dich. Es ist nicht so herrlich, wie der Duft deiner Heiligkeit, aber doch vom Besten, was die Erde bieten kann. Es hat mir geholfen, das Schlimmste zu tun... Hier! Gott möge mir erlauben, vor deinem Angesicht wenigstens im Himmel einen solchen Wohlgeruch zu verbreiten. >> Sie öffnet das Gefäß und schüttet den kostbaren Inhalt auf den Boden. Ein starker Rosenduft erfüllt die Luft, und die Ziegelsteine am Boden saugen die wertvollen Essenzen auf. Aglaia legt das leere Gefäß in die Tasche zurück. << Zum Andenken an diese Stunde >>, sagt sie und verneigt sich nochmals, um Jesu Füße zu küssen. Dann erhebt sie sich, geht rückwärts zur Tür, tritt auf die Terrasse hinaus und schließt die Tür ... Man hört ihre Schritte sich entfernen auf die Treppe zu, und ihre Stimme, die einige Worte mit Maria wechselt, und schließlich das Geräusch der Sandalen, die die Treppe hinuntersteigen. Dann nichts mehr. Von Aglaia bleibt nur das Säckchen zu Füßen Jesu und der durchdringende Duft, der den ganzen Saal erfüllt. Jesus steht auf, ... nimmt das Säcklein und verbirgt es an der Brust; dann geht er auf das Fenster an der Straßenseite zu und lächelt, als er die Frau allein, in ihren hebräischen Mantel gehüllt, in Richtung Bethlehem wandern sieht. Er macht ein Zeichen des Segens, geht dann auf die Terrasse und ruft:<< Maria! >> Maria geht rasch die Treppe hinauf. << Du hast sie glücklich gemacht, mein Sohn. Sie ist gegangen, gekräftigt und mit Frieden im Herzen! >> << Ja, Mutter. Wenn Andreas zurückkommt, schicke ihn sogleich zu mir. >> Es vergeht eine geraume Zeit, dann hört man die Stimmen der Apostel, die zurückkehren... Andreas eilt herbei:<< Meister, verlangst du nach mir? >> << Ja, komm her. Niemand wird es erfahren; aber dir will ich es gerechterweise sagen. Andreas, ich danke dir, im Namen Gottes und einer Seele. >> << Danke? Wofür? >> << Riechst du nicht diesen Duft? Es ist das Andenken der Verschleierten. Sie ist gekommen. Sie ist gerettet! >>

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Andreas wird rot wie eine Erdbeere, rutscht auf die Knie und ist sprachlos; dann sagt er:<< Nun bin ich zufrieden! Der Herr sei gepriesen! >> << Ja. Steh auf und sag es niemand, wer hiergewesen ist. >> << Ich werde schweigen, Herr. >> << Geh nun! Höre, ist Judas des Simon noch da? >> << Ja, er wollte uns begleiten und hat ... viele Lügen gesagt. Warum tut er das, Herr? >> << Weil er ein verzogener Junge ist. Sag mir die Wahrheit:habt ihr euch gestritten? >> << Nein! Mein Bruder ist zu glücklich mit seinem Kinde, als daß er Lust zum Streiten hätte, und die anderen... du weißt ... sind klüger. Aber ganz bestimmt fühlen wir uns im Herzen abgestoßen. Nach dem Abendessen geht er wieder fort. Andere Freunde, sagt er ... Oh! Und er verabscheut die Dirnen! ... >> << Sei gut, Andreas. Auch du sollst an diesem Abend glücklich sein... >> << Ja, Meister. Auch ich habe meine unsichtbare, aber süße Vaterschaft. Ich gehe. >> Nach einer Weile kommen die Apostel mit dem Kinde und Johannes von Endor. Es folgen ihnen die Frauen mit den Speisen und den Lampen. Zuletzt kommt Lazarus mit Simon. Kaum haben sie den Saal betreten, rufen sie aus:<< Ah, von hierher kommt er! >> und ziehen die vom Rosen- Parfüm gesättigte Luft ein; gesättigt, trotz der weitgeöffneten Türen. << Wer hat diesen Raum so parfümiert? Vielleicht Martha? >> fragen mehrere. << Meine Schwester hat das Haus heute nach dem Mahl nicht verlassen >>, antwortet Lazarus. << Wer dann? Irgendein assyrischer Satrap? >> scherzt Petrus. << Die Liebe einer Erlösten >>, sagt Jesus ernst. << Sie hätte sich diesen unnötigen Rauch für ihre Erlösung ersparen und die Kosten für die Armen verwenden können. Es sind so viele; sie wissen, daß wir helfen. Ich habe keinen Pfennig mehr >>, sagt Iskariot verärgert. << Wir müssen das Lamm kaufen, die Miete für den Abendmahlsaal bezahlen und ... >> << Oh, ich habe euch alles angeboten >>, sagt Lazarus. << Das ist nicht richtig. Das Schöne am Ritus geht dabei verloren. Das Gesetz sagt:''Kaufe das Lamm für dich und dein Haus. '' Es sagt nicht:''Laß dir das Lamm schenken. '' >> Bartholomäus wendet sich brüsk um und öffnet den Mund, schließt ihn aber dann wieder. Petrus wird karminrot unter der Anstrengung, den Mund zu halten und zu schweigen. Der Zelote aber, der sich in seinem eigenen Hause befindet, fühlt, daß er etwas sagen muß. << Das sind rabbinische Spitzfindigkeiten. Ich bitte dich, sie zu unterlassen und meinem Freund Lazarus Achtung zu bezeugen. >>

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<< Bravo, Simon! >> Petrus wäre geplatzt, hätte er noch länger geschwiegen. << Bravo! Mir scheint, daß man ein bißchen zu oft vergißt, daß nur der Meister das Recht hat, zu belehren... >> Petrus sagt dieses ''man'' mit einer heroischen Anstrengung, um nicht zu sagen:<< Judas vergißt ... >> << Das ist wahr... aber... ich bin nervös, das ist alles. Entschuldige, Meister! >> << Ja. Und ich will dir auch antworten. Die Dankbarkeit ist eine große Tugend. Ich bin Lazarus dankbar, wie die Erlöste mir dankbar war. Ich, das Haupt von euch allen, ergieße über Lazarus den Duft meines Segens, auch für jene unter meinen Aposteln, die es nicht zu tun verstehen. Die Frau hat zu meinen Füßen die Freude, erlöst zu sein, ausgegossen. Sie hat den König erkannt und sie ist zum König gekommen, viel früher als viele andere, denen der König viel mehr Liebe erwiesen hat als ihr. Laßt sie es tun, ohne sie zu tadeln. Sie kann nicht dabei sein, wenn man mir zujubelt, noch bei meiner Salbung. Ihr Kreuz ist schon auf ihren Schultern. Petrus, du hast gefragt, ob ein assyrischer Satrap hierher gekommen sei. Ich sage dir:nicht einmal der Weihrauch der Weisen, so rein und kostbar er auch war, war köstlicher und wertvoller als dieser Wohlgeruch. Die Essenz ist mit Tränen vermischt und daher so durchdringend:die Demut fördert die Liebe und läßt sie vollkommen werden. Laßt uns nun an der Tafel Platz nehmen, Freunde... >> Und mit dem Anbieten der Speisen endet die Vision.

241. DIE PRÜFUNG MARGZIAMS

Es muß der Mittwochmorgen sein, denn die Gruppe der Apostel und Frauen, von Jesus, Maria und dem Kleinen angeführt, nähert sich dem Fischtor. Unter ihnen ist auch Josef von Arimathäa, der, getreu dem gegebenen Wort, ihnen entgegengegangen ist. Jesus sucht mit den Blicken den Soldat Alexander, sieht ihn aber nicht. << Auch heute ist er nicht da. Ich möchte wissen, warum... >> Doch es sind so viele Leute da, daß es nicht möglich ist, sich an die Soldaten zu wenden; es wäre vielleicht auch unklug, denn die Judäer sind unerbittlicher denn je wegen des bevorstehenden Festes und auch wegen der Gefangennahme des Täufers, bei der sie auch Pilatus und seine Satelliten der Mithilfe verdächtigen. Ich entnehme dies Schimpfworten und Beleidigungen, die am Tore zwischen Soldaten und Bewohnern hin- und herfliegen; aus solchen erregten Wortgefechten können aber leicht jeden Augenblick blutige Zusammenstöße aufflackern wie das Feuer aus einem Feuerrad. Die Frauen von Galiläa sind entrüstet und hüllen sich fester als sonst in ihre Schleier und Mäntel. Maria errötet, schreitet aber sicher voran,

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aufrecht wie eine Palme und ihren Sohn betrachtend, der seinerseits nicht einmal versucht, die aufgebrachten Hebräer zur Vernunft zu ermahnen oder den Soldaten Nachsicht für die Hebräer zu empfehlen. Da auch immer wieder wenig schöne Bemerkungen gegen die Galiläer fallen, geht Josef von Arimathäa zu Jesus nach vorne; die Menge, die ihn erkennt, schweigt aus Respekt vor ihm. Das Fischtor ist endlich durchschritten, und der Menschenstrom, der sich wellenartig in die Stadt ergießt und in dem auch Esel und andere Tiere zu erkennen sind, verläuft sich in den Gassen ... << Hier sind wir, Meister! >> grüßt Thomas, der mit Philippus und Bartholomäus am Tore wartet. << Ist Judas nicht da? Warum seid ihr hier? >> fragen einige. << Nein. Wir sind hier seit dem frühen Morgen aus Angst, daß du dein Kommen vorverlegen könntest. Aber ihn haben wir nicht gesehen. Gestern bin ich ihm begegnet. Er war mit Sadoc, dem Schriftgelehrten, weißt du, Josef? Der alte Magere mit dem Muttermal unter dem Auge. Es waren auch andere dabei ... junge. Ich habe ihm zugerufen:''Ich grüße dich, Judas'', aber er hat nicht geantwortet und getan, als ob er mich nicht kenne. Ich sagte:''Aber was hat er denn?'' Ich bin ihm einige Meter nachgegangen. Er hat sich von Sadoc getrennt, bei dem ein Levit war, und hat sich anderen seines Alters angeschlossen, die bestimmt nicht Leviten waren... Und nun ist er nicht da... Er wußte doch, daß wir beschlossen hatten, uns hier zu treffen. >> Philippus sagt nichts. Bartholomäus preßt die Lippen zusammen, bis sie ganz verschwinden, als ob er eine Sperre bilden wollte für das Urteil, das ihm aus dem Herzen aufsteigt. << Gut, gut! Wir gehen trotzdem! Ich werde bestimmt wegen seiner Abwesenheit nicht weinen >>, sagt Petrus. << Wir wollen noch ein wenig warten. Er kann unterwegs aufgehalten worden sein >>, sagt Jesus ernst. Sie bleiben an der Mauer im Schatten stehen; die Frauen bilden eine Gruppe, die Männer eine andere. Alle sind festlich gekleidet. Petrus sogar vornehm. Er hat eine neue Kopfbedeckung, weiß wie Schnee und von einer Borte gehalten, die mit Rot und Gold bestickt ist. Außerdem trägt er sein bestes dunkelgranatrotes Gewand, das von einem neuen Gürtel gehalten wird, ähnlich der Borte der Kopfbedeckung. An diesem Gürtel hängt sein Messer mit dem ziselierten Griff, das in einer Scheide aus durchbrochenem Messing steckt, durch die das glänzende Eisen der Schneide blinkt. Auch die anderen sind mehr oder weniger so bewaffnet. Nur Jesus hat keine Waffe. Er trägt ein schneeweißes Leinenkleid mit einem hellblauen Mantel, den Maria bestimmt während des Winters gewoben hat. Margziam ist hellrot gekleidet, mit einer etwas dunkleren Borte am Halse, am Saume und an den Ärmeln, und einer ebensolchen Borte, die bestickt

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ist, in der Höhe des Gürtels und an den Rändern des Mantels, den das Kind zusammengefaltet über dem Arm trägt und zufrieden streichelt. Von Zeit zu Zeit erhebt es sein Gesicht, das teils froh und teils besorgt aussieht ... Auch Petrus hat ein Paket in der Hand, das er sorgfältig hütet. Die Zeit vergeht, doch Judas kommt nicht. << Er hat sich nicht herabgelassen >>, brummt Petrus, und vielleicht würde er noch anderes hinzufügen; doch der Apostel Johannes sagt:<< Vielleicht erwartet er uns am Goldenen Tor. >> Sie gehen zum Tempel, doch Judas ist nicht dort. Josef von Arimathäa verliert die Geduld. Er sagt:<< Laßt uns gehen. >> Margziam wird ein wenig bleich; er küßt Maria und sagt:<< Bete! ... Bete! ... >> << Ja, Liebes, hab keine Angst. Du weißt alles ... >> Margziam hängt sich nun an Petrus. Er drückt fest dessen Hand, und da er sich immer noch nicht sicher fühlt, möchte er auch die Hand Jesu ergreifen. << Ich komme nicht, Margziam. Ich bete für dich. Wir werden uns nachher sehen. >> << Du kommst nicht? Warum, Meister? >> fragt Petrus überrascht. << Weil es besser so ist! >> Jesus ist sehr ernst, ich würde sagen traurig. Er schließt:<< Josef, der Gerechte, kann mein Tun verstehen. >> In der Tat, Josef widerspricht ihm nicht und stimmt mit seinem Schweigen und einem tiefen Seufzer zu. << Also, gehen wir! >> Petrus ist etwas betrübt. Margziam ergreift nun die Hand von Johannes. Sie folgen Josef, der ununterbrochen von allen Seiten mit tiefen Verbeugungen gegrüßt wird. Mit ihnen gehen Simon und Thomas, die anderen bleiben bei Jesus. Sie betreten den Saal, den seinerzeit auch Jesus betreten hat. Ein Jüngling, der in einer Ecke schreibt, erhebt sich sofort als er Josef sieht, und verbeugt sich bis zur Erde. << Gott sei mit dir, Zacharias! Geh und rufe Asrael und Jakobus. >> Der Junge geht und kommt mit zwei Rabbinern zurück. Synagogenvorsteher? Schriftgelehrte? Ich weiß es nicht. Zwei hochnäsige Persönlichkeiten, die ihren Dünkel nur vor Josef fallen lassen. Hinter ihnen kommen noch andere acht, weniger wichtige Personen. Sie setzen sich, während sie die Bittsteller stehen lassen, den von Arimathäa inbegriffen. << Was willst du, Josef? >> fragt der Älteste. << Eurer Weisheit diesen Sohn Abrahams vorstellen, der das vorgeschriebene Alter erreicht hat, um gesetzmäßig zu werden und sich selbst zu leiten. >> << Ein Verwandter von dir? >> Sie schauen erstaunt. << In Gott sind wir alle verwandt. Doch der Junge ist Waise, und dieser Mann, für dessen Ehrbarkeit ich bürge, hat ihn an Kindes Statt angenommen, da er keine eigenen Kinder hat. >>

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<< Wer ist der Mann? Er antworte selbst. >> << Simon des Jonas, aus Bethsaida in Galiläa, verheiratet, ohne Nachkommen, Fischer für die Welt, Sohn des Gesetzes vor dem Allerhöchsten. >> . << Galiläer, nimmst du die Vaterschaft auf dich? Warum? >> << Das Gebot sagt, man soll sich der Waisen und der Witwen annehmen. Ich tue dies. >> << Kann der Kleine das Gesetz so gut kennen, um würdig zu sein... Du, Knabe, antworte. Wer bist du? >> << Jabe Margziam des Johannes, von den Ländereien bei Emmaus, vor zwölf Jahren geboren. >> << Judäer also. Ist es erlaubt, daß ein Galiläer für ihn sorgt? Laßt uns das Gesetz prüfen! >> << Aber wer bin ich denn? Ein Aussätziger oder ein Verfluchter? >> Das Blut des Petrus beginnt zu kochen. << Sei still, Petrus! Ich werde reden. Ich habe euch gesagt, daß ich für diesen Mann bürge. Ich kenne ihn, als würde er zu meinem Hause gehören. Der ''Älteste'' Josef würde niemals eine Sache unterstützen, die gegen das Gesetz ist ... oder auch nur gegen die Vorschriften... Prüft also den Knaben mit Gerechtigkeit und Aufmerksamkeit. Der Vorraum ist voller Knaben, die auf ihre Prüfung warten. Seid nicht so langsam, nehmt Rücksicht auf alle. >> << Aber wer beweist uns, daß der Junge zwölf Jahre alt und vom Tempel losgekauft ist? >> << Du kannst es mit den Schriften beweisen. Eine langweilige Sucherei, aber man kann es tun. Junge, du hast gesagt, daß du ein Erstgeborener bist? >> << Ja, Herr! Du kannst es überprüfen, denn ich wurde dem Herrn geheiligt und mit den erforderlichen Gaben losgekauft. >> << So wollen wir diese Eintragungen suchen... >> sagt Josef. << Nicht nötig! >> antworten trocken die beiden Spitzfindigen. << Komm hierher, Knabe. Sag die zehn Gebote >>; das Kind sagt sie sicher auf. << Gib mir die Rolle, Jakob! So nun lies, wenn du lesen kannst. >> << Wo, Rabbi? >> << Wo du willst. Wo dein Auge hinfällt >>, sagt Asrael. << Nein! Hier. Gib her >>, sagt Jakob, öffnet die Rolle bis zu einer gewissen Stelle und sagt dann:<< Hier! >> << ''Alsdann sagte er zu ihnen insgeheim:'Preiset den Gott des Himmels und lobet ihn vor allen Lebenden, denn er hat euch seine Barmherzigkeit erwiesen. Es ist gut, das Geheimnis des Königs verborgen zu halten, aber es ist auch ehrenhaft, es zu offenbaren!' '' >> << Genug! Genug! Was bedeuten diese? >> fragt Jakobus und deutet auf seine Fransen am Mantel.

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<< Die heiligen Fransen, Herr; wir tragen sie, um uns an die Vorschriften des Allerhöchsten Herrn zu erinnern. >> << Ist es einem Israeliten erlaubt, sich mit jedem Fleisch zu nähren? >> fragt Asrael. << Nein, Herr, nur mit solchem, das als rein erklärt worden ist. >> << Sag mir die Vorschriften... >> Das fügsame Kind beginnt die Litanei der:''Du sollst nicht... '', << Genug, genug! Als Galiläer weißt du sogar zuviel. Mann, nun ist es an dir, zu schwören, daß der Sohn volljährig ist... >> Petrus sagt mit all dem Anstand, über den er nach der Marter noch verfügt, seinen kleinen väterlichen Spruch auf:<< Wie ihr habt beobachten können, ist mein Sohn nach Erreichung des vorgeschriebenen Alters fähig, sich zu benehmen, da er das Gesetz, die Gebote, die Gebräuche, die Überlieferungen, die Zeremonien, die Segnungen und die Gebete kennt. Daher kann von mir und von ihm, wie ihr feststellt, die Volljährigkeit gefordert werden. Das mußte wahrlich zuerst von mir gesagt werden! Aber es sind hier die Gebräuche verletzt worden, nicht von uns Galiläern, und der Knabe ist vor dem Vater befragt worden. Nun aber sage ich euch, da ihr ihn als fähig und volljährig anerkennt:ich bin von nun an nicht mehr verantwortlich für seine Taten, weder vor Gott noch vor den Menschen... >> << Geht nun in die Synagoge. >> Die kleine Prozession begibt sich vor den mißtrauischen Gesichtern der Rabbiner, die Petrus zurechtgewiesen hat, in die Synagoge. Aufrecht vor den Pulten und den Lampen stehend, läßt Margziam den Haarschnitt über sich ergehen, der unterhalb der Ohren beginnt. Dann öffnet Petrus sein Bündel und entnimmt diesem einen schönen roten, mit Goldfäden bestickten Gürtel und bindet ihn dem Knaben um die Taille. Während die Priester an der Stirne und am Arm die Lederstreifen anbringen, beeilt sich Petrus, am Mantel, den ihm Margziam gereicht hat, die heiligen Fransen zu befestigen. Petrus ist sehr gerührt, als er das Loblied an den Herrn anstimmt! ... Die Zeremonie ist beendet. Sie machen, daß sie rasch wegkommen, und Petrus sagt:<< Gott sei Dank! Ich hätte mich nicht länger beherrschen können. Hast du gesehen, Josef? Sie haben nicht einmal den Ritus eingehalten. Das ist bedeutungslos! Du ... du, mein Sohn, hast jemand, der dich weiht! Laßt uns gehen, um ein Lämmlein für das Opfer zu kaufen zum Lobe des Herrn. Ein liebes Lämmlein, wie du. Ich danke dir, Josef. Sage auch du ''Danke'' zu diesem großen Freund! Ohne dich hätten sie uns noch schlechter behandelt. >> << Simon, ich bin glücklich, daß ich einem Gerechten wie dir nützlich sein konnte, und ich bitte dich, in mein Haus nach Bezetha zum Mahle zu kommen. Und mit dir alle anderen, selbstverständlich! >>

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<< Wir wollen zum Meister gehen und es ihm sagen. Für mich ist das zuviel Ehre! >> sagt Petrus demütig; aber er strahlt vor Freude. Sie gehen durch die verschiedenen Höfe bis zu dem der Frauen, wo Margziam von allen beglückwünscht wird. Dann treten die Männer in den Vorhof der Israeliten, wo Jesus mit den Seinen weilt. Sie versammeln sich alle in einer Gruppe voller Glück, und während Petrus geht, sein Lämmlein zu opfern, erreichen sie durch die Hallen und Höfe die äußerste Umfassungsmauer. Wie glücklich ist Petrus mit seinem Kinde, das nun ein vollkommener Israelit ist! So glücklich, daß er die Falte nicht bemerkt, welche die Stirne Jesu teilt. So glücklich, daß er das bedrückende Schweigen der Gefährten nicht spürt. Erst im Saale des Hauses Josefs, als das Kind auf die Frage, was es in Zukunft zu tun gedenke, erklärt:<< Ich will Fischer werden, wie mein Vater... >> kommt Petrus unter Tränen zur Ernüchterung. << Oh, Judas hat uns einen Tropfen Gift in dieses Fest geträufelt... und du bist betrübt, Meister... und die anderen sind traurig darüber. Verzeihet alle, daß ich es nicht eher bemerkt habe... Ach! dieser Judas! >> Ich glaube, sein Seufzer ist in allen Herzen... Aber, um das Gift von ihnen zu nehmen, bemüht Jesus sich zu lächeln und sagt:<< Sei nicht traurig, Petrus. Es fehlt nur deine Frau zum Feste, und ich habe auch an sie gedacht... Sie ist so gut und immer opferwillig! Aber bald wird sie ihre unerwartete Freude haben, und wer weiß, wie glücklich sie sein wird. Denken wir an das Schöne auf der Welt. Komm! Nicht wahr, Margziam hat gut geantwortet? Ich wußte es im voraus. >> Josef kommt herein, nachdem er den Dienern Anweisung gegeben hat. << Ich danke euch allen >>, sagt er, << daß ihr mich mit dieser Zeremonie verjüngt habt und mir nun die Ehre erweist, den Meister, seine Mutter, die Verwandten und euch, liebe Mitjünger, in meinem Hause zu empfangen. Kommt in den Garten! Dort gibt es Luft und Blumen... >> Und alles ist zu Ende.

242. AM ABEND VOR OSTERN IM TEMPEL

Osterabend! Jesus ist mit seinen Aposteln allein, denn die Frauen sind nicht bei der Gruppe, und sie warten auf die Rückkehr des Petrus, der das Osterlamm zum Opfer dargebracht hat. Während sie warten, und Jesus dem Kind von Salomon erzählt, erscheint plötzlich Judas im großen Hof. Er befindet sich in einer Gruppe von Jünglingen und redet mit ausholenden Gesten und gekünstelter Haltung. Sein Mantel ist dauernd in Bewegung; er hat ihn in seiner gesuchten Art umgehängt ... Ich bin sicher, daß Cicero bei seinen Reden nicht eindrucksvoller war...

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<< Sieh dort, Judas! >> sagt Thaddäus. << Er ist in einer Gruppe von ''Saforim'' >>, bemerkt Philippus. Thomas erklärt:<< Ich gehe und höre, was er sagt >>, und geht, ohne darauf zu warten, daß Jesus sein voraussehbares ''Nein'' sagen kann. Jesus ... Oh, welch einen Gesichtsausdruck hat Jesus! Einen Ausdruck des wahren Leidens und des ernsten Urteils! Margziam, der ihn schon vorher betrachtet hat, während er ihm sanft und leicht betrübt vom großen König Israels erzählte, sieht diese Veränderung und erschrickt. Er ergreift die Hand Jesu, damit dieser wieder zu sich selbst kommt, und sagt:<< Schau nicht hin! Schau nicht hin! Sieh mich an; ich habe dich sehr lieb. >> Thomas gelingt es, sich Judas zu nähern, ohne von ihm gesehen zu werden, und er folgt ihm einige Schritte. Ich weiß nicht, was er zu hören bekommt, ich höre nur einen plötzlichen, dröhnenden Ausruf, der viele aufschreckt, besonders Judas, der vor Zorn erbleicht:<< Aber wieviele Rabbis gibt es denn in Israel! Ich beglückwünsche dich und mich, neues Licht der Weisheit! >> << Ich bin kein Kiesel, sondern ein Schwamm. Ich sauge auf. Und wenn der Wunsch der nach Weisheit Hungernden es verlangt, dann quetsche ich mich aus, um mich mit allen meinen Lebenssäften hinzugeben. >> Judas ist aufgeblasen und verächtlich. << Du möchtest ein getreues Echo sein. Aber das Echo muß, um anzudauern, bei der Stimme bleiben. Sonst stirbt es, Freund. Und mir scheint, daß du dich von ihr entfernst. Er ist dort. Kommst du nicht? >> Judas nimmt alle Farben und einen wütenden und widerlichen Gesichtsausdruck an wie in seinen schlimmsten Momenten. Aber er beherrscht sich. Er sagt:<< Ich grüße euch, Freunde. Ich gehe mit dir, Thomas, mein lieber Freund. Wir wollen sofort zum Meister gehen. Ich wußte nicht, daß er im Tempel war. Wenn ich es gewußt hätte, dann hätte ich ihn gesucht. >> Und er legt einen Arm um die Schultern Thomas', als ob er eine große Zuneigung zu ihm spüre. Doch Thomas, der zwar friedlich, doch kein Dummkopf ist, läßt sich nicht täuschen und fragt ein wenig spöttisch:<< Wie, weißt du nicht, daß Ostern ist? Und meinst du, daß der Meister das Gesetz nicht einhält? >> << Oh, nein! Aber im vergangenen Jahre hat er sich gezeigt und gesprochen... Ich erinnere mich genau an diesen Tag. Er hat mich angezogen durch seine königliche Gewalt... Nun kommt er mir vor wie einer, der seine Kraft verloren hat. Meinst du nicht auch? >> << Mir scheint es nicht so. Mir kommt er vor wie einer, der an Achtung verloren hat. >> << In seiner Mission? Du hast recht. >> << Nein, du verstehst mich falsch. Er hat bei den Menschen an Vertrauen verloren. Und du gehörst zu denen, die dazu beitragen. Schäme dich! >>

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Thomas lacht nicht mehr. Er ist tiefernst, und sein << Schäme dich! >> ist schneidend wie ein Peitschenhieb. << Achte darauf, wie du redest! >> sagt Iskariot drohend. << Achte darauf, was du tust. Wir sind hier zwei Judäer ohne Zeugen. Und daher rede ich. Und ich sage dir nochmals:''Schäme dich! '' Aber jetzt schweige! Spiele nur nicht den Beleidigten und Gekränkten, denn sonst rede ich vor allen. Dort sind der Meister und die Gefährten. Richte dich danach. >> << Der Friede sei mit dir! Meister... >> << Der Friede sei mit dir! Judas des Simon. >> << Ich freue mich sehr, dich hier zu sehen... Ich muß mit dir reden... >> << Sprich! >> << Weißt du ... Ich wollte dir sagen ... Willst du mich nicht abseits anhören? >> << Du bist unter Gefährten. >> << Aber ich möchte dich allein sprechen. >> << In Bethanien stehe ich allen zur Verfügung, die mich wollen und aufsuchen. Aber du suchst mich nicht. Du weichst mir aus ... >> << Nein, Meister, das darfst du nicht sagen. >> << Warum hast du gestern Simon und mich und mit uns Josef von Arimathäa, die Gefährten, meine Mutter und die anderen beleidigt? >> << Ich? Aber ich habe euch doch nicht gesehen! >> << Du hast uns nicht sehen wollen. Warum bist du nicht gekommen, wie es vereinbart war, um dem Herrn für einen Unschuldigen, der ins Gesetz aufgenommen wurde, zu danken? Antworte! Du hast es nicht einmal für nötig gehalten, uns Bescheid zu geben, daß du nicht kommst! >> << Da ist mein Vater! >> schreit Margziam, der Petrus entdeckt, mit seinem geschlachteten, ausgenommenen Lamm, das wieder in sein Fell gehüllt ist. << Oh, es begleiten ihn Michäas und die anderen! Ich gehe... Darf ich ihm entgegengehen, um von ihnen etwas über meinen Großvater zu erfahren? ... >> << Geh, Sohn >>, sagt Jesus, ihn liebkosend. Dann fügt er hinzu, indem er Johannes von Endor an der Schulter berührt:<< Ich bitte dich, begleite ihn und halte sie ein wenig auf. >> Schließlich wendet er sich aufs neue an Judas:<< Ich warte auf deine Antwort! >> << Meister, eine unvorhergesehene Verpflichtung... eine unumgängliche... Es tut mir leid ... aber... >> << Und es gab in Jerusalem keinen, der deine Entschuldigung hätte überbringen können, angenommen, daß du eine hattest? Und diese Entschuldigung wäre auf jeden Fall ein Fehler gewesen. Ich möchte dich daran erinnern, daß erst kürzlich ein Mann darauf verzichtet hat, seinen Vater zu begraben, um mir nachzufolgen, und daß diese meine Brüder trotz der Verwünschungen das väterliche Haus verlassen haben, um mir zu folgen.

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Simon und Thomas und mit ihnen Andreas, Jakobus, Johannes, Philippus und Nathanael haben ihre Familien verlassen, Simon der Kanaaniter hat auf seine Reichtümer verzichtet, um sie mir zu geben, und Matthäus hat der Sünde den Rücken gewendet, um mir nachzufolgen. Ich könnte fortfahren und weitere hundert Namen aufzählen. Unter ihnen sind Männer, die ihr Leben hingeben, sogar das Leben, um mir ins Himmelreich zu folgen. Aber da du wenig hochherzig bist, sei wenigstens anständig. Du kennst keine Nächstenliebe, sei also wenigstens höflich. Ahme, da sie dir gefallen, die falschen Pharisäer nach, die mich verraten, die uns verraten, und sich dabei als gut erzogen erweisen. Deine Pflicht wäre es gewesen, dich gestern für uns frei zu machen, um Petrus nicht zu kränken. Denn ich verlange, daß er von allen geachtet wird. Du hättest wenigstens eine Nachricht schicken können. >> << Ich habe gefehlt. Aber jetzt bin ich eigens gekommen, um dich zu suchen und dir zu sagen, daß ich aus dem gleichen Grunde auch morgen nicht kommen kann. Weißt du... Ich habe Freunde meines Vaters und... >> << Genug! Geh mit ihnen! Leb wohl! >> << Meister, zürnst du mir? Du hast doch gesagt, daß du mir Vater sein willst ... ich bin ein leichtfertiger Junge; aber ein Vater verzeiht ... >> << Ich verzeihe dir, ja. Doch nun geh. Laß die Freunde deines Vaters nicht länger warten, wie auch ich die Freunde des heiligen Jonas nicht länger warten lasse. >> << Wann wirst du Bethanien verlassen? >> << Am Ende der ungesäuerten Brote. Leb wohl! >> Jesus wendet sich um und geht zu den Landarbeitern, die verzückt vor dem veränderten Margziam stehen. Er macht nur einige Schritte, dann bleibt er auf den Rat von Thomas stehen:<< Bei Jehova! Er wollte dich in der königlichen Macht sehen! Er hat sie nun erfahren. >> << Ich bitte euch alle, den Vorfall zu vergessen, so wie ich mich bemühe, es zu tun. Ich befehle euch, vor Simon des Jonas, Johannes von Endor und dem Kinde zu schweigen. Aus Gründen, die zu verstehen eure Intelligenz imstande ist, ist es besser, die drei nicht zu betrüben und ihnen kein Ärgernis zu bereiten. Und schweigt darüber in Bethanien vor den Frauen. Meine Mutter ist dort, denkt daran! >> << Sei beruhigt, Meister! >> << Wir wollen alles tun, um wiedergutzumachen. >> << Und auch, um dich zu trösten >>, sagen alle. << Danke... Oh, der Friede sei mit euch allen! Isaak hat euch gefunden, das macht mir Freude. Genießt im Frieden euer Osterfest! Meine Hirten werden euch gute Brüder sein. Isaak, bevor sie fortgehen, bringe sie zu mir. Ich will sie nochmals segnen. Habt ihr das Kind gesehen? >> << O Meister! Wie gut es ihm nun geht! Es ist aufgeblüht. Oh, wir wollen es dem alten Vater berichten. Wie wird er darüber glücklich sein! Dieser

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Gerechte hat uns gesagt, daß Jabe nun sein Sohn ist ... Eine Vorsehung! Wir werden alles erzählen. >> << Auch daß ich nun ein Sohn des Gesetzes bin. Und daß ich glücklich bin. Und daß ich immer an ihn denke. Und daß er meinetwegen und wegen Mama nicht weinen soll. Sie ist mir und auch ihm nahe wie ein Engel, und in seiner Todesstunde wird sie bei ihm sein; sobald Jesus die Pforten des Himmels geöffnet hat, wird die Mama, schöner als ein Engel, dem alten Vater entgegengehen und ihn zu Jesus führen. Er hat es gesagt. Wollt ihr es ihm wiederholen? Könnt ihr es ihm wiederholen? >> << Ja, Jabe. >> << Nein. Jetzt heiße ich Margziam. Die Mama des Herrn hat mir diesen Namen gegeben. Es ist, wie wenn man ihren Namen sagt. Sie ist so gütig. Sie bringt mich jeden Abend zu Bett und lehrt mich die gleichen Gebete wie ihrem eigenen Kind. Sie weckt mich mit einem Kuß, kleidet mich an und lehrt mich viele Dinge. Aber auch er. Sie gehen so leicht ein, daß man sie ohne Mühe lernt. Mein Meister!! >> Das Kind drängt sich an Jesus mit einer solchen Verehrung im Ausdruck und in der Bewegung, die tief bewegt. << Ja, sagt alles und sagt auch, daß der Alte die Hoffnung nicht aufgeben soll. Dieser Engel betet für ihn, und ich segne ihn. Auch euch segne ich. Geht! Der Friede sei mit euch! >> Die Gruppen trennen sich, und jeder geht seines Weges.

243. JESUS LEHRT DAS VATERUNSER

Jesus verläßt mit den Seinen ein Haus in der Nähe der Mauer, wohl in der Gegend von Bezeta, denn beim Verlassen der Stadt müssen sie am Hause Josefs vorbei, das sich am Herodestor befindet. Die Stadt ist halb verlassen in dieser friedlichen, vom Mondschein erhellten Nacht. Ich verstehe, daß das Ostermahl in einem der Häuser von Lazarus eingenommen worden ist, jedoch auf keinen Fall in dem des Abendmahlsaales. Es liegt gerade in der entgegengesetzten Richtung. Das eine liegt im Norden, das andere im Süden Jerusalems. An der Haustüre verabschiedet sich Jesus auf seine freundliche Art von Johannes von Endor, den er zum Schutze der Frauen zurückläßt; er dankt dafür. Er küßt Margziam, der ebenfalls an die Türe gekommen ist, und geht dann zum Herodestor hinaus. << Wohin gehen wir, Herr? >> << Kommt mit mir! Ich will das Osterfest mit einer kostbaren und ersehnten Perle krönen. Daher wollte ich mit euch allein sein. Mit meinen Aposteln! Danke, Freunde, für eure große Liebe zu mir. Wenn ihr sehen

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könntet, wie sie mich tröstet, wäret ihr überrascht. Schaut:ich schreite inmitten dauernder Sorgen und Enttäuschungen voran. Enttäuschungen für euch! Denn für mich, seid dessen versichert, gibt es keine, da mir die Gabe des Nichtwissens nicht beschieden ist ... Auch aus diesem Grunde möchte ich euch raten, euch von mir leiten zu lassen. Wenn ich einem dies oder jenes erlaube, dann hindert ihn nicht! Wenn ich nichts unternehme, um einer Sache ein Ende zu setzen, so tut es nicht eurerseits. Alles hat seine Zeit. Habt Vertrauen in mich, in allem. >> Sie befinden sich an der nordöstlichen Ecke der Umfassungsmauern. Von dort aus gehen sie am Berg Moria entlang bis zur Stelle, wo sie auf einer kleinen Brücke den Cedron überschreiten können. << Gehen wir nach Gethsemani? >> fragt Jakobus des Alfäus. << Nein, höher, auf den Ölberg. >> << Oh, oben ist es schön! >> sagt Johannes. << Das hätte dem Kind auch gefallen >>, murmelt Petrus. << Es wird noch oft dorthin kommen. Es war müde. Es ist ja noch ein Kind. Ich möchte euch etwas Großes geben, denn die Zeit dafür ist reif. >> Sie steigen zwischen den Ölbäumen hinauf, lassen Gethsemani zu ihrer Rechten und gehen weiter bis zum Gipfel, auf dem die Ölbäume einen rauschenden Kamm bilden. Jesus bleibt stehen und sagt:<< Laßt uns etwas haltmachen, meine teuren und lieben Jünger, meine künftigen Nachfolger. Kommt in meine Nähe! Mehrmals habt ihr mir gesagt:''Lehre uns, zu beten, wie du betest. Lehre uns, wie Johannes der Täufer die Seinen gelehrt hat, damit wir Jünger mit den Worten des Meisters beten können. '' Ich habe euch stets geantwortet:''Ich werde es tun, sobald ich in euch ein Mindestmaß an notwendiger Vorbereitung sehe, damit dieses Gebet keine leere Formel menschlicher Wörter sei, sondern wahres Gespräch mit dem Vater. '' Jetzt ist die Zeit gekommen. Ihr seid genügend vorbereitet, um die Worte zu kennen, die würdig sind, zu Gott gesagt zu werden. Und ich will sie euch heute abend lehren, im Frieden und in der Liebe, die zwischen uns herrschen; im Frieden und in der Liebe Gottes und mit Gott, denn wir haben als echte Israeliten das Ostergebot und das göttliche Gebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten befolgt. Einer von euch hat in diesen Tagen sehr gelitten. Gelitten wegen einer unverdienten Behandlung und der Mühe, die er auf sich nahm, um das Ärgernis zu überwinden. Ja, Simon des Jonas, komm her! Kein Zucken deines ehrbaren Herzens ist verborgen geblieben und kein Leid gegeben, das ich nicht mit dir geteilt habe. Ich und auch deine Gefährten... >> << Aber du, Herr, bist tiefer beleidigt worden als ich! Das war für mich ein weit größerer Schmerz... größer, nein spürbarer... Schau:daß Judas es für gut fand, nicht an meinem Fest teilzunehmen, hat mich als Mensch gekränkt. Aber sehen zu müssen, daß du betrübt und beleidigt warst, hat

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mir auf eine andere Art weh getan; deswegen habe ich doppelt gelitten... Ich ... ich will mich nicht loben... indem ich deine Worte gebrauche... Aber ich muß sagen - wenn ich hochmütig bin, sage es mir -, ich muß sagen, daß ich in meiner Seele gelitten habe... und das tut viel mehr weh. >> << Das ist nicht Hochmut, Simon! Du hast seelisch gelitten, weil Simon des Jonas, der Fischer von Galiläa, dabei ist, sich in Petrus des Jesus zu verwandeln; in Petrus des Jesus, des Meisters der Seele, durch den auch seine Jünger tätig und weise im Geiste werden. Und für diesen deinen Fortschritt und für euren Fortschritt im Leben des Geistes, will ich euch heute abend das Gebet lehren. Wie sehr habt ihr euch verändert, seit unserem Aufenthalt in der Einsamkeit! >> << Alle, Herr? >> fragt Bartholomäus etwas ungläubig. << Ich verstehe, was du sagen willst ... Aber ich spreche zu euch elfen, nicht zu anderen... >> << Aber was hat denn Judas des Simon, Meister? Wir verstehen ihn nicht mehr... Er schien so anders geworden zu sein, und nun, seit wir den See verlassen haben... >>, sagt Andreas ganz untröstlich. << Schweige, Bruder! Den Schlüssel des Geheimnisses habe ich! Da hat sich ein Stückchen von Beelzebub eingemischt. Er hat ihn in der Höhle von Endor aufgesucht, um ihn in Staunen zu versetzen; er ist bedient worden! Der Meister hat es an jenem Tage gesagt ... In Gamala sind die Teufel in die Schweine gefahren. In Endor sind die Teufel, die den unglücklichen Johannes verließen, in ihn hineingefahren... Es versteht sich von selbst, daß... Laß es mich sagen, Meister! Es steckt mir im Halse, und wenn ich es nicht sage, bleibt es drin und erstickt mich... >> << Simon, sei gut! >> << Ja, Meister... Und ich versichere dir, daß ich nicht ungut zu ihm sein werde. Aber ich sage und denke, daß Judas, der ein lasterhafter Mensch ist - alle haben wir das erkannt - etwas vom Schweine hat, und man versteht, daß die Dämonen gerne Schweine für ihren Wohnungswechsel wählen. So, nun habe ich es gesagt. >> << Du meinst, daß es so ist? >> fragt Jakobus des Zebedäus. << Was soll es sonst sein? Es gibt keinen anderen Grund dafür, daß er so unerträglich geworden ist. Schlimmer als beim ''Guten Gewässer''! Damals konnte man noch annehmen, es seien der Ort und die Jahreszeit, die ihn beunruhigten. Aber nun... >> << Es gibt einen anderen Grund, Simon... >> << Sage ihn, Meister! Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. >> << Judas ist eifersüchtig. Er ist unruhig aus Eifersucht. >> << Eifersüchtig? Auf wen? Er hat keine Frau, und wenn er eine hätte und es mit den Frauen hätte:ich glaube, keiner von uns würde den Mitjünger deswegen verachten... >>

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<< Er ist eifersüchtig auf mich. Überlege:Judas hat sich nach Endor und Esdrelon verändert. Als er sah, daß ich mich um Johannes und Jabe kümmere. Nun aber, da Johannes, vor allem Johannes, sich entfernt, weil er von mir weg zu Isaak geht, wirst du sehen, daß Judas wieder fröhlich und gut wird. >> << Nun gut. Du wirst mir aber doch nicht sagen wollen, daß er nicht von einem Teufelchen besessen ist. Und vor allem ... Nein, ich sage es! Und vor allem wirst du doch nicht behaupten wollen, daß er sich in diesen Monaten gebessert hat. Auch ich bin letztes Jahr eifersüchtig gewesen. Ich wollte keinen anderen mehr als uns sechs, die ersten sechs, erinnerst du dich? Nun, nun... laß mich einmal Gott zum Zeugen meiner Gedanken anrufen. Nun sage ich, daß ich um so glücklicher bin, je mehr Jünger sich um dich scharen. Oh, ich möchte alle Menschen gewinnen und sie dir bringen; ich möchte alle Mittel haben, um denen helfen zu können, die Not leiden, damit das Elend keinem ein Hindernis sei, zu dir zu gelangen. Gott sieht, daß ich die Wahrheit sage. Aber warum bin ich nun so? Weil ich mich von dir habe ändern lassen. Er... hat sich nicht geändert. Im Gegenteil... Gib es zu, Meister, daß ihn ein Teufelchen reitet... >> << Sag dies nicht! Denke es nicht einmal. Bete, daß er gesundet. Die Eifersucht ist eine Krankheit ... >> << An deiner Seite wird jeder gesund, wenn er es nur will. Ach, deinetwegen will ich ihn ertragen... Aber welch eine Mühsal! ... >> << Ich habe dir den Lohn dafür gegeben:das Kind! Und nun lehre ich dich das Beten. >> << Oh ja, Bruder. Sprechen wir darüber. Mein Namensvetter soll nur genannt werden als ein Mensch, der das Gebet nötig hat. Mir scheint, er hat schon seine Strafe. Er ist nicht bei uns, in dieser Stunde >>, sagt Judas Thaddäus ... << Höret. Wenn ihr betet, sprechet so:''Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme auf Erden wie es ist im Himmel, und auf Erden wie im Himmel geschehe dein Wille. Gib uns heute unser tägliches Brot, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. '' >> Jesus hat sich erhoben, um das Gebet zu sprechen, und alle haben es ihm nachgetan, aufmerksam und bewegt. << Anderes braucht es nicht, meine Freunde. In diesen Worten ist alles, was der Mensch für die Seele, den Leib und das Blut benötigt wie in einem goldenen Ring eingeschlossen. Mit diesem Gebet bittet um das, was dem einen und den anderen nützlich ist; wenn ihr darum bittet, werdet ihr das ewige Leben erlangen. Es ist ein so vollkommenes Gebet, daß die Wellen der Häretiker und der Lauf der Jahrhunderte es nicht zu ändern imstande sind. Das Christentum wird vom Biß Satans zerstückelt werden, und viele

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Teile meines mystischen Leibes werden zerrissen und abgetrennt, eigene Zellen bilden, im vergeblichen Verlangen, einen vollkommenen Leib zu gestalten, wie es der mystische Leib Christi ist, in welchen alle Gläubigen in der apostolischen Kirche vereint sind und in der alleinigen wahren Kirche, die bestehen wird, so lange die Erde besteht! Aber die abgetrennten Teilchen, denen die Gaben nicht zukommen, die ich der Mutterkirche schenke, um meine Kinder zu nähren, werden sich immer christlich nennen und sich dessen erinnern, daß sie auf Christus zurückzuführen sind. Auch sie werden dieses universelle Gebet beten. Vergeßt es nie und denkt stets darüber nach. Wendet es auf euer Wirken an. Es braucht nichts anderes für die Heiligung. Wenn einer allein unter Heiden, ohne Kirche und ohne Bücher wäre, hätte er alles, was zur Betrachtung erforderlich ist, in diesem Gebet, und eine offene Kirche in seinem Herzen durch dieses Gebet. Er hätte eine Regel und ein sicheres Mittel, sich zu heiligen. ''Vater unser" Ich nenne ihn Vater. Er ist der Vater des Wortes. Er ist der Vater des Menschgewordenen. Daher will ich, daß auch ihr ihn so nennt; denn ihr seid eins mit mir, wenn ihr in mir bleibt. Es hat eine Zeit gegeben, da mußte der Mensch sein Antlitz zur Erde werfen und vor Schrecken zitternd flüstern:''Gott! '' Wer nicht an mich und mein Wort glaubt, befindet sich immer noch in dieser lähmenden Angst. Beobachtet, was im Tempel geschieht. Nicht nur Gott, sondern sogar die Erinnerung an Gott ist hinter dem dreifachen Schleier den Augen der Menschen verborgen. Trennung durch Entfernung, Trennung durch Verschleierung. Alle Mittel werden angewandt, um dem Beter zu sagen:''Du bist Staub. Er ist Licht. Du bist Verworfenheit. Er ist Heiligkeit. Du bist Sklave. Er ist König. '' Aber nun! ... Erhebt euch! Tretet näher! Ich bin der Ewige Priester. Ich kann euch an der Hand nehmen und sagen:''Kommt! '' Ich kann den Vorhang der Verschleierung ergreifen und den unbetretbaren Ort öffnen, der bisher verschlossen war. Verschlossen? Warum? Verschlossen aufgrund der Schuld, ja! Aber noch mehr verschlossen durch das niedrige Denken der Menschen. Warum aber verschlossen, wenn Gott die Liebe, der Vater, ist? Ich kann, ich soll und ich will euch nicht in den Staub treten, sondern ins Himmelsblau ziehen, nicht entfernen, sondern annähern, nicht ins Gewand der Sklaven kleiden, sondern der Söhne am Herzen Gottes. ''Vater! Vater! '' müßt ihr sagen. Ihr dürft nicht müde werden, dieses Wort zu wiederholen. Wißt ihr denn nicht, daß jedesmal, wenn ihr es aussprecht, der Himmel wegen der Freude Gottes aufleuchtet? Und wenn ihr nur das und mit wahrer Liebe sagen würdet, sprächt ihr ein Gott wohlgefälliges Gebet. ''Vater, mein Vater! '' sagen die Kinder zu ihrem Vater. Es sind die ersten Worte, die sie sprechen:''Mutter, Vater. '' Ihr seid die Kinder Gottes. Ich habe euch aus dem alten Menschen, der ihr wart, gebildet; ich habe ihn mit meiner Liebe vernichtet, damit ein neuer

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Mensch, der Christ, daraus geboren werde. Ruft also mit dem Wort, das die Kinder als erstes kennen, den heiligsten Vater an, der im Himmel ist. "Geheiligt werde dein Name" Oh! Ein Name, der mehr als jeder andere heilig und wohlklingend ist. Ein Name, den der Schrecken des Schuldhaften unter anderen zu verbergen gelehrt hat. Nein, nicht mehr Adonai! Gott ist es! Gott, der in einem Übermaß an Liebe die Menschen erschaffen hat. Die Menschheit ruft ihn von nun an bei seinem Namen, mit den Lippen, die gereinigt sind im Bad, das ich bereite; sie nennt ihn mit seinem Namen in der Erwartung, die wahre Bedeutung des Unbegreiflichen in der Fülle der Weisheit verstehen zu lernen, wenn die Menschheit in ihren besten Söhnen mit Ihm vereint und angenommen wird im Reiche, das zu gründen ich gekommen bin. ''Dein Reich komme auf Erden wie im Himmel" Ersehnt mit all euren Kräften diese Ankunft. Es wäre die Seligkeit auf Erden, wenn es käme:das Reich Gottes in den Herzen, in den Familien, in den Bürgern und den Nationen. Leidet, bemüht euch, opfert euch auch für dieses Reich. Die Erde soll in den Einzelnen ein Spiegelbild des Lebens in den Himmeln sein. Es wird kommen. Eines Tages wird alles kommen. Jahrhunderte um Jahrhunderte der Tränen und des Blutes, der Irrtümer, der Verfolgungen, der Trümmer und des Nebels, in dem das Licht des mystischen Leuchtturms meiner Kirche leuchtet, werden vergehen. Aber das Schiff der Kirche wird nicht untergehen. Wie ein unerschütterlicher Fels wird sie jedem Angriff standhalten und das Licht hochhalten, mein Licht, das Licht Gottes. Erst danach wird die Erde das Reich Gottes besitzen. Und sie wird dann wie das starke Aufflammen eines Sternes sein, der die Vollkommenheit seiner Existenz erreicht hat und zerfällt; unermeßliche Blume der kosmischen Gärten, um mit strahlendem Pulsschlag seine Existenz und seine Liebe zu Füßen seines Schöpfers auszuhauchen. Es wird kommen, das Reich! Und es wird ein vollkommenes Reich sein, das selige, ewige Reich des Himmels. ''Und auf Erden wie im Himmel geschehe dein Wille" Das Aufgeben des eigenen Willens in einen anderen kann erst vollzogen werden, wenn die vollkommene Liebe das Geschöpf erreicht. Das Sichauflösen des eigenen Willens im Willen Gottes kann nur erfolgen, wenn man die theologischen Tugenden in heroischer Weise besitzt. Im Himmel, wo alles makellos ist, gilt nur der Wille Gottes. Versteht es, ihr Kinder des Himmels, das zu tun, was im Himmel getan wird! ''Gib uns unser tägliches Brot" Wenn ihr im Himmel seid, werdet ihr euch nur in Gott nähren. Die Seligkeit wird eure Nahrung sein. Aber hier habt ihr noch Brot nötig. Ihr seid die Kinder Gottes. Es ist daher richtig, zu bitten:''Vater, gib uns Brot. '' Habt ihr Angst, nicht erhört zu werden? Oh nein. Überlegt:Wenn einer von euch einen Freund hat und bemerkt, daß er kein Brot hat, um

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einen anderen Freund oder Verwandten, der am Ende der zweiten Nachtwache zu ihm kommt, zu sättigen, dann geht er zum ersten und sagt:''Freund, leihe mir drei Brote, denn es ist ein Gast gekommen und ich habe nichts zu essen im Hause. '' Wird er je die Antwort hören müssen:''Störe mich nicht, ich habe die Türe geschlossen schon und den Riegel vorgelegt, und meine Kinder schlafen schon an meiner Seite. Ich kann nicht aufstehen und dir geben, was du verlangst?'' Nein. Wenn er sich an einen wahren Freund gewandt hat und weiter bittet, wird er bekommen, was er verlangt. Er würde es auch bekommen, wenn er sich an keinen besonders guten Freund gewandt hätte. Er bekäme es schon wegen seines Drängens; denn der um diesen Gefallen Ersuchte würde dem Drängen nachgeben, um nicht länger belästigt zu werden. Ihr aber wendet euch, wenn ihr den Vater bittet, nicht an einen Freund dieser Erde, sondern an den vollkommenen Freund, den Vater des Himmels! Daher sage ich euch:''Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgemacht werden. '' Denn wer bittet, empfängt; wer sucht, der findet; und der anklopft, dem wird geöffnet werden. Welches Menschenkind bekommt einen Stein in die Hand gelegt, wenn es den eigenen Vater um Brot bittet? Wird der Vater ihm anstelle eines gebratenen Fisches eine Schlange geben? Ein Vater, der die eigenen Kinder so behandelt, wäre ein Verbrecher. Ich habe es euch schon einmal gesagt, und ich wiederhole es nun, um in euch die Güte und das Vertrauen zu stärken:wenn also einer, mit gesundem Verstand, keinen Skorpion anstelle eines Eies gibt, mit welch größerer Güte wird Gott euch geben, um was ihr bittet! Denn er ist gut, während ihr mehr oder weniger schlecht seid. Bittet also mit demütiger und kindlicher Liebe den Vater um das tägliche Brot. ''Vergib uns unsere Schuld, wie wir sie unseren Schuldigern vergeben" Es gibt materielle und geistige Schuld. Es gibt auch moralische Schuld. Eine materielle Schuld ist das Geld oder die Ware, die geliehen ist und darum zurückgegeben werden muß. Eine moralische Schuld ist die Ehrabschneidung, die nicht wiedergutgemacht wurde, und erbetene, doch verweigerte Hilfe. Geistige Schuld ist der Gehorsam gegenüber Gott, der viel verlangt, dem aber nur wenig gegeben wird. Er liebt uns und muß geliebt werden wie eine Mutter, eine Gattin oder ein Sohn, von denen man vieles verlangt. Der Egoist will haben, nicht geben. Aber der Egoist gehört zur Gegenseite des Himmels. Wir haben Schulden gegenüber allen. Von Gott bis zum Verwandten, von diesem bis zum Freund, vom Freund bis zum Nächsten, vom Nächsten bis zum Diener und Sklaven; denn sie alle sind Geschöpfe, wie wir es sind. Wehe dem, der nicht verzeiht! Ihm wird nicht vergeben werden. Gott kann - aus Gerechtigkeit - keine Schuld nachlassen, wenn der Mensch nicht seinesgleichen verzeiht.

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''Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen" Der Mann, der es nicht für nötig hielt, mit uns das Ostermahl zu teilen, hat mich vor ungefähr einem Jahre gefragt:''Wie? Du hast gebeten, nicht versucht zu werden, und um Hilfe in den Versuchungen?'' Wir beide waren allein; und ich habe ihm geantwortet. Dann waren wir zu viert an einem einsamen Ufer, und ich habe noch einmal geantwortet. Doch es war bisher ergebnislos; denn in einen widerspenstigen Geist muß erst eine Bresche geschlagen und die bösartige Festung der Starrköpfigkeit zerstört werden. Und darum will ich es noch einmal, zehnmal, hundertmal sagen, bis alles vollzogen ist. Aber ihr, die ihr euch nicht mit unglücklichen Lehren und noch unglücklicheren Leidenschaften beschäftigt, betet so:Betet mit Demut, daß Gott die Versuchungen verhindere. Oh, die Demut! Sich als das zu erkennen, was man ist! Ohne darüber zu verzweifeln, sondern um zu erkennen. Zu sagen:''Ich könnte nachgeben, obgleich ich keine Lust dazu habe, denn ich bin ein unvollkommener Richter mir selbst gegenüber. Darum, Vater, halte wenn möglich die Versuchungen von mir fern, indem du mich so nahe bei dir hältst, daß der Böse keine Möglichkeit hat, mir zu schaden. '' Denn, erinnert euch daran, es ist nicht Gott, der zum Bösen versucht, sondern es ist der Böse, der versucht. Bittet den Vater, daß er euch in eurer Schwäche unterstütze, um nicht den Versuchungen des Bösen zu unterliegen! Ich habe gesprochen, meine Auserwählten! Ich feiere mein zweites Ostern mit euch. Letztes Jahr haben wir nur das Brot und das Lamm miteinander geteilt. Dieses Jahr schenke ich euch das Gebet. Andere Gaben werde ich bei den kommenden Osterfesten mit euch teilen, damit ihr, wenn ich dorthin gegangen bin, wo der Vater es will, ein Andenken an mich, das Lamm, an jedem Fest des mosaischen Lammes besitzt. Erhebet euch und laßt uns gehen! Wir werden bei Sonnenaufgang in die Stadt zurückkehren. Besser:Morgen wirst du, Simon, und du, mein Bruder (Judas Thaddäus), die Frauen und das Kind hierherholen. Du, Simon des Jonas, und ihr anderen bleibt bei mir, bis sie zurückkommen. Dann gehen wir zusammen nach Bethanien. >> Sie steigen nach Gethsemani hinab und begeben sich ins Haus zur Ruhe.

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244. JESUS UND DIE HEIDEN IN BETHANIEN

Jesus ruht sich im Frieden des Sabbats an einem blühenden Flachsfeld aus, das Lazarus gehört. Mehr als ''an'' würde ich sagen ''in''; denn er ist, am Rande einer Furche sitzend und in Gedanken versunken, ganz vom hohen Flachs umgeben. In seiner Nähe sind nur einige lautlose Schmetterlinge und ein paar schleichende Eidechsen, die ihn mit ihren Schalksaugen betrachten und das dreieckige Köpfchen vom hellen, klopfenden Halse abheben. Sonst nichts. In dieser späten Nachmittagsstunde schweigt auch der leiseste Windhauch zwischen den hohen Halmen. Von fern, vielleicht aus dem Garten des Lazarus, ertönt das Lied einer Frau, und mit diesem vermischt, das fröhliche Lachen eines spielenden Kindes. Dann eine, zwei und schließlich drei Stimmen, die rufen:<< Meister! Jesus! >> Jesus schüttelt si

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