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270. DIE BLUTFLÜSSIGE FRAU UND DIE TOCHTER DES JAIRUS

Jesus befindet sich auf einer sonnenbeschienenen, staubigen Straße, die am Ufer des Sees entlang führt. Er geht auf eine Ortschaft zu, in der ihn eine große Menschenmenge erwartet, die ihn sofort umringt, obgleich die Apostel mit Armen und Schultern arbeiten, um ihm Raum zu schaffen und mit lauter Stimme das Volk auffordern, Platz zu machen. Doch Jesus ist keineswegs wegen dieses großen Durcheinanders beunruhigt. Einen Kopf größer als die Menge, die ihn umgibt, schaut er mit sanftem Lächeln auf die ihn Umdrängenden, erwidert ihre Grüße, liebkost das eine oder andere Kind, dem es gelingt, sich durch die Menge der Erwachsenen zu nähern, und legt seine Hand auf die Köpfchen der Säuglinge, welche die Mütter ihm über die Köpfe der Umstehenden entgegenhalten, damit er sie berühre. Inzwischen geht er weiter, langsam und geduldig inmitten des Geschreies und des ständigen Gedränges, das jeder andere als lästig empfinden würde. Eine Männerstimme ruft:<< Macht Platz, macht Platz! >> Es ist eine kummervolle Stimme, die jedoch von vielen erkannt und als die einer einflußreichen Person geachtet wird; denn die Menge weicht auseinander, nur mit Mühe, weil sie so dicht gedrängt steht, und läßt einen Mann um die Fünfzig durch, der mit einem langen, wallenden Gewande und einem weißen Kopftuch, dessen Zipfel längs des Gesichtes und den Rücken hinunterfallen, daherkommt. Bei Jesus angelangt, wirft er sich ihm zu Füßen und sagt:<< Oh Meister, weshalb bist du so lange weggewesen? Mein Töchterlein ist sehr krank. Keinem gelingt es zu helfen. Du allein bist meine und seiner Mutter Hoffnung. Komm, Meister! Ich habe dich mit unendlicher Sehnsucht erwartet. Komm, komm schnell! Mein einziges Kind liegt im Sterben... >>, und er weint. Jesus legt seine Hände auf das Haupt des Weinenden, auf das gebeugte und vom Schluchzen geschüttelte Haupt, und antwortet:<< Weine nicht! Habe Vertrauen! Dein Töchterlein wird leben. Wir wollen zu ihm gehen. Steh auf! Laßt uns gehen! >> Diese beiden letzten Worte klingen wie ein Befehl. Zuvor war er der Tröster. Jetzt ist es der Herrscher, der spricht. Sie setzen sich in Bewegung. Jesus hat den weinenden Vater an der Seite und hält ihn an der Hand. Als ein lautes Schluchzen den starken Mann schüttelt, sehe ich, wie Jesus ihn anblickt und ihm die Hand drückt. Er tut nichts anderes, aber wieviel Kraft muß in eine Seele einfließen, wenn sie sich von Jesus betreut fühlt! Vorher war Jakobus an der Stelle des Vaters gewesen. Aber Jesus hat ihn aufgefordert, dem armen Vater seinen Platz zu überlassen. Petrus ist auf der anderen Seite. Johannes geht neben Petrus und sucht mit ihm einen Damm gegen den Andrang der Menge zu bilden. Dasselbe tun Jakobus und Iskariot auf der anderen Seite, auf der

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sich der weinende Vater befindet. Die übrigen Apostel sind teils vor, teils hinter Jesus. Doch mit geringem Erfolg. Besonders den dreien hinter ihnen, unter welchen ich Matthäus erkenne, gelingt es kaum, die lebende Mauer zurückzudrängen. Aber als sie zu murren und die aufgeregte Menge zu beschimpfen anfangen, wendet Jesus das Haupt und sagt sanft:<< Laßt diese meine Kleinen nur gewähren! ... >> In einem gewissen Augenblick jedoch dreht er sich plötzlich um, läßt sogar die Hand des Vaters los und bleibt stehen. Er wendet nicht nur das Haupt, sondern macht mit dem ganzen Körper kehrt. Er scheint auch viel größer, denn er hat eine königliche Haltung angenommen. Mit strengem und forschendem Blick prüft er die Menge. Seine Augen haben ein nicht hartes, sondern majestätisches Leuchten. << Wer hat mich berührt? >> fragt er. Niemand gibt Antwort. << Wer hat mich berührt, wiederhole ich? >> besteht Jesus auf seiner Frage. << Meister >>, antworten die Jünger, << siehst du nicht, wie die Menge dich von allen Seiten umdrängt? Alle berühren dich, trotz all unserer Anstrengungen. >> << Wer hat mich berührt, um ein Wunder zu erhalten, will ich wissen. Ich habe gespürt, daß Wunderkraft von mir ausgegangen ist; denn ein gläubiges Herz hat danach verlangt. Wer ist es? >> Die Augen Jesu blicken, während er redet, zwei- oder dreimal auf eine kleine Frau von etwa vierzig Jahren, die ärmlich gekleidet ist und sehr abgehärmt aussieht. Sie versucht in der Menge zu verschwinden und zu entkommen. Aber diese Augen müssen auf ihr brennen. Sie begreift, daß ein Entkommen unmöglich ist, kehrt zurück und wirft sich Jesus zu Füßen, das Gesicht beinah im Staube und die Hände emporstreckend, ohne jedoch Jesus zu berühren. << Verzeihung! Ich bin es. Ich war krank. Zwölf Jahre war ich krank! Alles ist vor mir geflohen. Mein Mann hat mich verlassen. Ich habe mein ganzes Hab und Gut aufgewandt, um nicht der Abscheu meiner Mitmenschen zu sein; um leben zu können wie alle anderen. Aber niemand hat mich heilen können. Siehst du, Meister? Ich bin vor der Zeit gealtert. Die Kraft ist von mir gewichen mit meinem unheilbaren Blutfluß und auch der Friede. Man hat mir gesagt, daß du gut bist. Ein Aussätziger, der durch dich geheilt worden ist, hat es mir gesagt; die Menschen haben ihn viele Jahre hindurch gemieden; er hatte keinen Abscheu vor mir. Ich habe nicht gewagt, es dir vorher zu sagen. Darum bitte ich dich um Verzeihung. Ich habe mir gedacht, daß ich dich nur zu berühren brauche, um geheilt zu werden. Ich habe dich aber nicht unrein gemacht. Ich habe kaum den Saum deines Gewandes angefaßt, dort, wo er die Erde berührt, den Schmutz am Boden... Ich bin auch nur Schmutz ... Aber ich bin geheilt,

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und du sollst gepriesen sein! In dem Augenblick, da ich dein Kleid berührte, ist das Übel von mir gewichen. Ich bin wieder wie alle! Nun werde ich nicht mehr von allen verabscheut werden. Mein Mann, meine Kinder, meine Verwandten können jetzt bei mir sein, und ich werde sie liebkosen dürfen. Ich werde wieder im Hause nützlich sein. Danke Jesus, guter Meister! Du sollst in Ewigkeit gepriesen sein! >> Jesus betrachtet sie mit unendlicher Güte. Er lächelt ihr zu und sagt zu ihr:<< Geh im Frieden, Tochter! Dein Glaube hat dir geholfen! Sei für immer geheilt. Sei gut und glücklich. Geh! >> Während er noch spricht, kommt ein Mann herbei, anscheinend ein Knecht, der sich an den Vater wendet. Dieser ist die ganze Zeit in einer ehrfürchtigen Erwartung neben Jesus gewandelt, obgleich er ein gequältes Gesicht hat als stände er auf heißen Kohlen. << Dein Tochter ist tot! Es ist zwecklos, weiterhin den Meister zu belästigen. Sie hat den Geist aufgegeben, und die Frauen halten schon die Totenklage. Die Mutter läßt dir dies sagen und dich bitten, sofort zu kommen. >> Der arme Vater schluchzt laut. Er führt seine Hände zur Stirne, drückt sich die Augen zu und krümmt sich, wie von einem Hieb getroffen. Jesus, der aufmerksam mit der Frau gesprochen hat und anderes zu sehen und zu hören scheint, dreht sich jetzt um, legt seine Hand auf die gebeugten Schultern des armen Vaters und sagt:<< Mann, ich habe es dir doch gesagt, habe Glauben! Ich wiederhole, habe Glauben! Hab keine Angst, dein Kind wird leben. Gehen wir zu ihm. >> Und er geht weiter und drückt den vernichteten Mann an sich. Die Menge bleibt vor diesem Schmerz und der bereits erfolgten Heilung erschrocken stehen, teilt sich, läßt Jesus und die Seinen ungehindert durch und folgt wie Kielwasser der Gnade, die vorausgeht. Sie gehen etwa hundert Meter, vielleicht auch mehr - ich kann es nicht gut schätzen - und kommen immer näher zur Stadtmitte. Eine große Menge hat sich vor einem bürgerlichen Hause versammelt. Mit lauten Stimmen wird der Todesfall im Hause beklagt und auf die lauten Rufe geantwortet, die aus der weitgeöffneten Tür kommen. Es sind schrille, auf einer Höhe bleibende Töne, und sie scheinen von einer beherrschenden Stimme vorgetragen und von einer Gruppe schwacher und einer Gruppe stärkerer Stimmen beantwortet zu werden. Ein Lärm, der auch Gesunde umzubringen imstande ist.! Jesus gibt den Seinen die Weisung, vor dem Ausgang stehenzubleiben, und ruft Petrus, Jakobus und Johannes zu sich. Mit ihnen geht er in das Haus, den weinenden Vater immer noch am Arme festhaltend. Es scheint, daß er ihm die Gewißheit geben will, daß er da ist, und ihn glücklich machen möchte mit dieser Umklammerung. Die Klagenden (ich würde sie eher die Heulenden nennen) verdoppeln ihr Geschrei beim Anblick des Hausvaters und des Meisters. Sie klatschen in die Hände,

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hauen auf die Pauken, schlagen an die Triangeln und auf diese ... Musik stützen sie ihr Gejammer. << Schweigt! >> sagt Jesus. << Hier ist kein Grund zum Weinen. Das Mädchen ist nicht gestorben, es schläft nur! >> Die Frauen stoßen noch stärkere Schreie aus, und einige wälzen sich auf der Erde, zerkratzen sich, reißen sich die Haare aus (oder besser gesagt, tun so als ob ... ), um zu beweisen, daß die Tochter wirklich tot ist. Die Musikanten und die Freunde schütteln den Kopf über die Illusion Jesu. Aber er wiederholt:<< Schweigt >>, und zwar in einem so energischen Ton, daß der Lärm zwar nicht aufhört, doch sehr abnimmt. Dann schreitet er weiter vorwärts. Er betritt eine kleine Kammer. Auf dem Lager liegt ein totes Mädchen ausgestreckt. Mager und totenbleich liegt es mit sorgfältig geordneten Haaren, bekleidet da. Die Mutter steht weinend auf der rechten Seite des Bettes und hält die wächserne Hand der Toten. Jesus! ... O, wie schön ist er jetzt! So habe ich ihn selten gesehen! Jesus nähert sich eilig. Es scheint, als schwebe er über dem Boden, so schnell eilt er auf das Bettlein zu. Die drei Apostel stehen an der Türe und schließen sie vor den Augen der Neugierigen. Der Vater bleibt am Fußende des Bettes stehen. Jesus geht auf die linke Seite des Lagers, streckt seine linke Hand aus und erfaßt damit das leblose Händchen des Kindes. Die linke Hand. Ich habe es gut gesehen. Es ist sowohl die linke Hand Jesu als auch die linke Hand des Kindes. Er hebt den rechten Arm und bringt die geöffnete Hand bis zur Schulterhöhe. Schließlich senkt er sie, mit einer Geste, die einem Schwur oder einem Befehl entsprechen könnte. Er sagt:<< Mädchen, ich sage dir, stehe auf! >> Für einen Augenblick sind alle, mit Ausnahme Jesu und des Mädchens, überrascht. Die Apostel recken die Hälse, um besser sehen zu können. Der Vater und die Mutter schauen mit traurigen Augen auf ihr Kind. Nur einen Augenblick. Dann hebt ein Atemzug die Brust der kleinen Toten. Eine leichte Röte breitet sich über das wachsbleiche Gesicht; die Totenblässe schwindet. Ein schwaches Lächeln spielt auf den noch bleichen Lippen, bevor die Augen sich öffnen, als ob das Kind etwas Schönes träumte. Jesus hält seine Hand immer noch in der seinen. Das Kind öffnet langsam die Augen und schaut umher, als ob es soeben erwacht wäre. Zuerst sieht es das Antlitz Jesu, der es mit seinen strahlenden Augen anblickt und ihm ermutigend zulächelt, worauf das Kind ebenfalls lächelt. << Steh auf! >> wiederholt Jesus, und er schiebt mit seiner Hand die auf dem Bett ausgebreiteten Leichengeschenke zur Seite (Blumen, Schleier usw.) und hilft dem Mädchen beim Herabsteigen und bei den ersten Schritten; er hält es weiterhin an der Hand. << Gebt ihm jetzt zu essen! >> befiehlt er. << Es ist geheilt. Gott hat es euch zurückgegeben. Dankt ihm dafür! Und sagt niemandem, was vorgefallen

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ist. Ihr wißt, was mit ihr geschehen war. Ihr habt geglaubt und damit das Wunder verdient. Die anderen hatten keinen Glauben; es ist zwecklos, sie überzeugen zu wollen. Dem, der das Wunder leugnet, zeigt sich Gott nicht. Und du, Mädchen, sei brav! Lebt wohl! Der Friede sei mit diesem Hause! >> Und er geht hinaus, die Tür hinter sich schließend. Die Vision ist zu Ende.

Ich will Ihnen sagen, welche beiden Stellen mich besonders erfreut haben:die eine, wo Jesus in der Menge die Frau sucht, die ihn berührt hat, und besonders die andere, wo er die Hand des Mädchens nimmt und diesem befiehlt, aufzustehen. Friede und Sicherheit haben mich erfüllt. Es ist nicht möglich, daß ein Barmherziger und ein Mächtiger wie er nicht Mitleid mit uns hat und das Übel, das uns sterben läßt, nicht besiegt. Jesus sagt im Augenblick nichts dazu, so wie er über viele Dinge nichts sagt. Er sieht, daß ich fast am Ende bin, und findet es nicht angebracht, daß es mir heute abend besser gehe. Sein Wille geschehe! lch bin schon froh genug, daß ich seine Vision in mir habe.

271. JESUS UND MARTHA IN KAPHARNAUM

Erhitzt und staubbedeckt kehrt Jesus mit Petrus und Johannes in das Haus von Kapharnaum zurück. Jesus hat gerade den Garten betreten und sich zur Küche gewendet, als ihm der Hausherr entgegenkommt und in vertraulichem Tone sagt:<< Jesus, die Dame, von der ich dir in Bethsaida gesprochen habe, ist hierhergekommen und hat nach dir gefragt. Ich habe ihr gesagt, sie möge warten, und habe sie in den oberen Saal geführt. >> << Danke, Thomas! Ich gehe sofort zu ihr. Wenn die anderen kommen, halte sie hier zurück. >> Und Jesus steigt eilends die Treppe hoch, ohne auch nur den Mantel abzulegen. Auf der Terrasse, wohin die Treppe führt, steht Marcella, die Dienerin Marthas. << O Meister! Meine Herrin ist dort drinnen. Sie wartet schon so viele Tage auf dich >>, sagt die Frau, während sie niederkniet, um Jesus zu verehren. << Das habe ich mir gedacht. Ich gehe sofort zu ihr. Gott segne dich, Marcella! >> Jesus hebt den Vorhang, der einen Schutz gegen das starke Licht bildet, das immer noch sticht, obwohl die Sonne sich dem Untergang nähert und immer noch die Luft erhitzt und die weißen Häuser von Kapharnaum im rötlichen Widerschein, wie von einem gewaltigen Brandherd beleuchtet, erscheinen läßt. Im Zimmer sitzt an einem Fenster Martha in einen Mantel gehüllt und verschleiert. Vielleicht schaut sie auf den Abschnitt des Sees, wo ein bewaldeter Hügel in ihn hineinragt. Vielleicht geht sie auch nur ihren eigenen Gedanken nach. Jedenfalls ist sie ganz in sich versunken, so daß sie

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die leichten Schritte Jesu, der sich ihr nähert, nicht wahrnimmt. Sie fährt zusammen, als Jesus sie beim Namen nennt. << O Meister! >> ruft sie aus und läßt sich auf die Knie sinken mit ausgebreiteten Armen, als wollte sie ihn um Hilfe anrufen. Dann verneigt sie sich, bis sie mit der Stirn den Boden berührt, und weint. << Aber warum? Auf, erhebe dich! Warum dieses heftige Weinen? Hast du mir ein Mißgeschick zu berichten? Ja? Welches denn? Ich bin in Bethanien gewesen. Wußtest du davon? Ja? Dort habe ich erfahren, daß es gute Nachrichten gibt. Und jetzt weinst du ... Was ist denn vorgefallen? >> Jesus zwingt sie, sich zu erheben und sich auf einen an der Wand stehenden Sitz zu setzen, ihm gegenüber. << Komm, leg den Schleier ab und den Mantel; wie ich es tue. Du mußt ja darin ersticken. Und dann will ich das Gesicht dieser verstörten Martha sehen, um alle Wolken zu vertreiben, die es überschatten. >> Martha gehorcht, immer noch weinend, und es erscheint ihr gerötetes Gesicht mit den geschwollenen Augen. << Also? Ich werde dir helfen. Maria hat dich kommen lassen. Sie hat viel geweint und wollte von dir viel über mich erfahren, und du hast geglaubt, es sei ein gutes Zeichen. So hast du nach mir verlangt, um das Wunder zu vervollständigen. Ich bin gekommen. Und nun? >> << Nun ist es aus, Meister! Ich habe mich getäuscht. Allzu lebhafte Hoffnung vermeint zu sehen, was nicht ist ... schlimmer als zuvor... Nein! Was sage ich? Ich verleumde, ich lüge. Sie ist nicht schlechter, denn sie will keine Männer mehr um sich haben. Sie ist anders geworden, aber ist immer noch sehr schlecht. Sie kommt mir wahnsinnig vor... Ich verstehe sie nicht mehr. Früher habe ich sie wenigstens noch verstanden. Aber jetzt! Wer kann sie jetzt noch verstehen?! >> und Martha weint trostlos. << Auf, beruhige dich und sage mir, was sie macht. Warum ist sie schlecht? Sie will also keine Männer mehr um sich haben. So nehme ich an, daß sie zurückgezogen im Hause lebt. Ist es so? Ja? Gut so! Das ist sehr gut. Daß sie dich in der Nähe haben wollte zum Schutz gegen die Versuchung (das sind deine eigenen Worte), daß sie die Versuchung meidet und sich die sündhaften Beziehungen vom Halse hält, oder einfach alles meidet, was sie in sündhafte Beziehungen verwickeln könnte, das ist Zeichen eines guten Willens! >> << Meinst du, daß es so ist, Meister? Glaubst du es wirklich? >> << Aber sicher. Warum sagst du, daß sie schlecht ist? Erzähle mir, was sie macht ... >> << Höre. >> Martha, ein wenig durch die Sicherheit Jesu ermuntert, spricht nun mit mehr Ordnung. << Vom Augenblick an, da ich angekommen bin, ist Maria nicht mehr aus dem Hause und dem Garten gegangen; nicht einmal, um mit der Barke auf den See hinauszufahren. Und ihre Amme hat mir gesagt, daß sie schon vorher nicht mehr ausgegangen ist.

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Seit Ostern scheint diese Veränderung im Gange zu sein. Doch vor meiner Ankunft sind immer noch Leute gekommen, sie aufzusuchen, und sie hat sie nicht immer abgewiesen. Manchmal ordnete sie an, daß niemand vorgelassen werden solle. Und es schien eine ein für allemal gegebene Anordnung zu sein. Manchmal aber, wenn sie in die Vorhalle lief, weil sie Stimmen von Besuchern gehört hatte, und diese abgewiesen worden waren, schlug sie, von einem ungerechten Zorn erfaßt, die Diener. Seit ich bei ihr war, hat sie es nicht mehr getan. In der ersten Nacht sagte sie zu mir, und deswegen hatte ich so große Hoffnung:''Halte mich zurück, binde mich meinetwegen an; aber laß mich nicht mehr ausgehen und laß nicht zu, daß ich andere Menschen sehe als dich und die Amme. Denn ich bin krank und möchte geheilt werden. Aber diejenigen, die zu mir kommen oder wollen, daß ich zu ihnen gehe, sind Fiebertümpel. Sie machen mich immer noch kränker. Sie sind so schön, dem Äußern nach, so blühend und voller Lieder, so köstlich anzusehen! Eine süße Frucht, so daß ich nicht widerstehen kann; denn ich bin eine arme Unglückliche. Deine Schwester ist ein Schwächling, Martha. Und es gibt Menschen, die diese Schwäche nützen wollen, um sie zu schamlosen Dingen zu verführen, denen ein Rest in ihr nicht zustimmte. Das ist das Letzte, was ich noch von der Mama besitze, von meiner armen Mama... '' und dann weinte sie haltlos. Und ich habe ihrem Willen entsprochen. Mit Güte, wenn sie vernünftige Stunden hatte; mit Entschiedenheit in den Stunden, in denen sie mir wie ein wildes Tier im Käfig vorkam. Aber sie hat sich nie gegen mich aufgebäumt. Im Gegenteil, wenn die Stunden größter Versuchung vorüber waren, kam sie zu mir und weinte zu meinen Füßen, legte den Kopf auf meinen Schoß und sagte:''Verzeih mir, verzeih mir! '' Wenn ich sie dann fragte:' 'Aber was denn, Schwester? Du hast mir doch keinen Schmerz zugefügt'', dann antwortete sie mir:''Kurz zuvor oder gestern abend, als du mir gesagt hast:'Du gehst nicht fort von hier', habe ich dich in meinem Herzen gehaßt, verflucht und dir den Tod gewünscht. '' Aber ist das nicht schrecklich, Herr? Ist sie vielleicht wahnsinnig? Hat ihre Lasterhaftigkeit sie wahnsinnig gemacht? Ich denke mir, daß irgendein Liebhaber ihr einen Gifttrank gegeben hat, um sie zur Sklavin seiner Lust zu machen, und daß ihr das Gift in den Kopf gestiegen ist ... >> << Nein, kein Zaubertrank! Kein Wahnsinn! Es handelt sich um etwas ganz anderes. Aber sprich weiter. >> << Also, mir gegenüber ist sie respektvoll und gehorsam. Auch die Diener hat sie nicht mehr mißhandelt. Aber nach dem ersten Abend hat sie nie mehr nach dir gefragt. Im Gegenteil, wenn ich von dir sprach, dann wich sie aus. Abgesehen von den Tagen, an denen sie stundenlang von Belvedere auf den See starrte, bis sie davon geblendet war, und mich fragte, wenn eine Barke vorüberfuhr:"Meinst du nicht, daß sie den galiläi

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schen Fischern gehört? '' Sie nannte deinen Namen nie, noch den eines Apostels. Aber ich weiß, daß sie an dich dachte, wenn wir abends im Garten spazierten, oder vor dem Schlafengehen, wenn ich mit der Näharbeit beschäftigt war, und sie, die Hände in den Schoß gelegt, sagte:''So also muß man gemäß der Lehre, die du befolgst, leben?'' Und dann weinte sie manchmal oder lachte sarkastisch, wie eine Verrückte oder Besessene. Andere Male hingegen löste sie das Haar auf, das immer so kunstvoll hergerichtet ist, und flocht zwei Zöpfe; zog sie eines meiner Kleider an und stellte sich vor mich hin, mit den Zöpfen über die Schultern oder vorne herunterhängend, ganz zugedeckt und schamhaft, mädchenhaft mit ihren Haaren, der Kleidung und in ihrem Gesichtsausdruck, und sagte:''So also sollte Maria wieder werden?'' Und auch dann weinte sie bisweilen und küßte ihre herrlichen, armdicken und bis an die Knie reichenden Zöpfe, dieses leuchtende Gold, das der Stolz meiner Mutter war. Wieder andere Male brach sie in ein schreckliches Gelächter aus oder sagte mir:''Schau mal, am besten mach ich es so, und mache Schluß mit mir! '' Dann wand sie sich die Zöpfe um die Kehle und zog sie zu, bis sie blau wurde, als wolle sie sich erdrosseln. Manchmal, wohl wenn sie ihr fleischliches Verlangen stärker fühlte, bemitleidete oder mißhandelte sie sich selbst. Ich habe sie einmal vorgefunden, wie sie sich heftig auf die Brust und den Schoß schlug, sich das Gesicht zerkratzte und den Kopf gegen die Mauer schlug; und als ich sie dann fragte:''Warum tust du das?'' da drehte sie sich wütend um und sagte:''Um mich zu vernichten, meine Eingeweide herauszureißen und den Kopf zu zerschmettern. Schädliche, verfluchte Dinge müssen zerstört werden. Ich vernichte mich! '' Und wenn ich zu ihr von der göttlichen Barmherzigkeit sprach, von dir, - denn ich spreche von dir, als ob sie deine treueste Jüngerin wäre, und ich schwöre dir, daß es mir oft schwer fällt - dann antwortete sie mir:''Für mich gibt es keine Barmherzigkeit mehr. Ich habe das Maß überschritten. '' Darauf erfaßte sie die Verzweiflung, sie fing an zu schreien und sich blutig zu schlagen und rief:''Aber warum? Warum kommt das Ungeheuer, das mich zerfleischt? Das mir keinen Frieden läßt? Das mich mit den süßen Stimmen zum Bösen verführt, worauf ich die Stimmen des Vaters, der Mutter und auch eure höre; denn auch du und Lazarus verfluchen mich, und ganz Israel! Das alles macht mich wahnsinnig ... '' Wenn sie so spricht, antworte ich ihr:''Warum denkst du an Israel, das immer nur ein Volk bleibt, und nicht an Gott? Und wenn du auch früher nur daran gedacht hast, alles mit Füßen zu treten, so denke jetzt daran, alles zu überwinden, und denke an nichts anderes als an das, was nicht die Welt ist, also an Gott, deinen Vater, deine Mutter. Sie verfluchen dich nicht, wenn du dein Leben änderst, sondern öffnen dir ihre Arme ... '' Und sie hörte mich an, staunend, als ob ich ein unmögliches Märchen erzähle, und dann weinte sie... Aber sie antwortete nicht! Manchmal ließ sie sich

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Wein und Betäubungsmittel von den Dienern bringen, und dann aß und trank sie diese verpantschten Nahrungsmittel und erklärte:''Um nicht daran denken zu müssen! '' Jetzt, seit sie weiß, daß du am See bist, sagt sie jedesmal, wenn sie bemerkt, daß ich zu dir komme:''Einmal werde auch ich mitkommen'' und mit ihrem sich selbst verspottenden Lachen fügte sie hinzu:''So fällt das Auge Gottes auch auf diesen Schmutz! '' Aber ich will nicht, daß sie kommt. Und jetzt warte ich mit dem Kommen, bis sie müde von ihren Zornausbrüchen, dem Wein, dem Weinen und allem anderen erschöpft einschläft. So bin ich auch heute geflohen in der Absicht, am Abend zurückzukehren, bevor sie meine Abwesenheit bemerkt. Das ist mein Leben...; und ich gebe die Hoffnung auf... >> Und da beginnt sie heftiger als zuvor zu weinen; sie wird nicht mehr vom Gedanken gehemmt, alles der Reihe nach berichten zu müssen. << Erinnerst du dich, Martha, was ich dir einmal gesagt habe? ''Maria ist eine Kranke. '' Du hast es nicht glauben wollen. Jetzt siehst du es. Du nennst sie wahnsinnig. Sie selbst hält sich für eine Kranke, für eine an sündhaftem Fieber Leidende. Ich sage, sie ist krank, weil sie von einem Dämon besessen ist. Auch das ist eine Krankheit. Diese Unbeherrschtheit, die Wutausbrüche, die Weinkrämpfe, diese Trostlosigkeit und das Verlangen nach mir, sind alles Phasen ihrer Krankheit; sie macht kurz vor ihrer Heilung die schlimmsten Krisen durch. Du tust gut daran, gut zu ihr zu sein. Du tust gut daran, mit ihr geduldig zu sein. Du tust gut daran, zu ihr von mir zu sprechen. Habe keine Scheu, in ihrer Gegenwart meinen Namen zu nennen. Arme Seele meiner Maria! Aber auch sie ist aus der Schöpferhand meines Vaters hervorgegangen, nicht verschieden von den Seelen der anderen, der deinen, der des Lazarus, der Apostel und der Jünger. Auch sie ist in der Zahl der Seelen einbegriffen, für die ich Fleisch geworden bin, um ihr Erlöser zu sein. Ja, ich bin sogar mehr für sie gekommen als für dich, für Lazarus, die Apostel und die Jünger. Arme, teure Seele meiner Maria, die so sehr leidet! Meiner Maria, die ein siebenfaches Gift in sich hat neben dem allgemeinen Gift des ersten Menschen! Meine arme, gefangene Maria! Aber laß sie zu mir kommen! Laß sie meinen Hauch einatmen, meine Stimme hören, meinem Blick begegnen ... Sie sagt zu sich selbst:''Schmutz und Kot'' ... Oh arme, teure Maria, bei der von den sieben Dämonen der des Hochmuts am schwächsten ist. Nur deswegen wird sie gerettet werden! >> << Aber wenn sie auf dem Wege jemand begegnet, der sie von neuem zum Laster verführt? Sie selbst fürchtet sich davor... >> << Immer wird sie sich davor fürchten, bis sie soweit ist, daß sie vor dem Laster Ekel empfindet. Aber habe keine Angst! Wenn eine Seele schon dieses Verlangen hat, zum Guten zu kommen, und nur noch von dem dämonischen Feind zurückgehalten wird, der weiß, daß er seine Beute ver

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liert, und von dem persönlichen Feind, dem eigenen Ich, das noch menschlich denkt und sich selbst menschlich beurteilt und der Meinung ist, er urteile wie Gott, um den Geist daran zu hindern, das menschliche Ich zu meistern, dann ist diese Seele schon stark geworden gegen die Angriffe des Lasters und der Lasterhaften. Sie hat den Polarstern gefunden und weicht von der Ausrichtung nicht mehr ab. So sage nicht mehr zu ihr:''Du hast nicht an Gott gedacht, aber du denkst an Israel?'' Das ist ein indirekter Vorwurf:das sollst du nicht tun. Sie kommt aus den Flammen. Sie ist ganz mit Wunden bedeckt. Man kann ihr nur mit dem Balsam der Güte, des Verzeihens, der Hoffnung helfen. Laß sie nur zu mir kommen. Sage vielmehr zu ihr:''Wann gedenkst du zu kommen? '' Aber sage nicht zu ihr:''Komm mit mir. '' Vielmehr, wenn du merkst, daß sie zu mir kommt, dann bleibe du zurück. Kehre nach Hause zurück. Warte zu Hause auf sie. Sie wird zurückkehren, ganz überwältigt von der Barmherzigkeit. Denn ich muß sie befreien von der Macht der Bosheit, die sie gefangenhält, und sie wird für einige Stunden wie ohnmächtig sein wie eine, welcher der Arzt die Knochen entfernt hat. Aber dann wird sie sich besser fühlen. Sie wird staunen. Sie wird ein großes Bedürfnis nach Liebe und Schweigen haben. Stehe ihr bei, als wärest du ihr zweiter Schutzengel:ohne Aufdringlichkeit! Und wenn du sie weinen siehst, laß sie weinen. Und wenn du hörst, daß sie sich Fragen stellt, laß sie es tun. Und wenn du siehst, daß sie lächelt und darauf ernst wird und dann wieder auf eine ganz andere Art lächelt, mit einem veränderten Blick, mit einem anderen Gesicht, dann stelle ihr keine Fragen, bringe sie nicht in Verlegenheit. Sie leidet mehr beim Aufstieg als beim Abstieg. Und sie muß sich selbst helfen, wie sie auch von selbst abgestiegen ist. Damals, beim Abstieg hat sie eure Blicke nicht ertragen, denn in euren Augen lag der Vorwurf. Auch jetzt ist sie in ihrer endlich erwachten Scham nicht fähig, euren Blick zu ertragen. Damals war sie stark, denn sie hatte Satan und die bösen Mächte, die sie beherrschten; sie konnte der Welt trotzen; und dennoch konnte sie es nicht ertragen, in ihrer Sünde von euch gesehen zu werden. Jetzt ist Satan nicht mehr ihr Herrscher. Er ist noch Gast bei ihr, aber er wird schon vom Willen Marias an der Gurgel gepackt. Und sie hat mich noch nicht. Deshalb ist sie noch zu schwach. Sie kann die Liebe deiner schwesterlichen Augen bei ihrem Bekenntnis zu ihrem Erlöser noch nicht ertragen. Sie setzt all ihre Kräfte dafür ein, den siebenfachen Dämon zu erdrosseln. Im übrigen ist sie hilflos, entblößt. Aber ich werde sie wieder ausstatten und stark machen. Geh im Frieden, Martha, und sage ihr mit Feingefühl, daß ich morgen nach der Vesperzeit hier in Kapharnaum beim Bach der Quelle reden werde. Geh im Frieden! Geh im Frieden! Ich segne dich. >> Martha ist noch ganz verwirrt.

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<< Verfalle nicht der Ungläubigkeit, Martha >>, sagt Jesus, der sie beobachtet. << Nein, Herr. Aber ich denke ... Oh! Gib mir etwas, was ich Maria geben kann, um ihr Kraft zu verleihen ... Sie leidet so sehr ... und ich habe große Angst, daß es ihr nicht gelingen wird, über den Dämon zu siegen! >> << Du bist ein Kind. Maria hat mich und dich. Und da sollte es ihr nicht gelingen? Doch komm her zu mir. Gib mir diese Hand, die nie gesündigt hat, die immer gut, barmherzig, tätig und fromm gewesen ist. Sie hat immer nur Taten der Liebe und der Andacht vollbracht. Nie hat sie sich dem Müßiggang hingegeben. Sie ist nie verdorben worden. Nun umfasse ich sie mit meinen Händen, um sie noch heiliger zu machen. Erhebe sie gegen den Dämon; er wird sie nicht ertragen können. Nimm diesen meinen Gürtel. Trenne dich nie von ihm! Jedesmal, wenn du sie siehst, sage zu dir selbst:"Viel stärker als dieser Gürtel Jesu ist die Macht Jesu, und mit ihr kann man alles besiegen, die Dämonen und die Ungeheuer. Ich brauche mich vor nichts zu fürchten. '' Bist du jetzt zufrieden? Mein Friede sei mit dir! Geh nun beruhigt dahin! >> Martha verneigt sich und geht hinaus. Jesus lächelt, während er sie in den Wagen, den Marcella herbeigerufen hat, steigen und nach Magdala abfahren sieht.

272. HEILUNG DER BEIDEN BLINDEN UND DES STUMMEN BESESSENEN

Jesus begibt sich in die Küche, und da er Johannes zum Brunnen gehen sieht, zieht er es vor, ihn zu begleiten, anstatt in der warmen, raucherfüllten Küche zu bleiben; er läßt Petrus zurück, der mit den Fischen beschäftigt ist, die die Schiffsjungen des Zebedäus für das Nachtmahl des Meisters und der Apostel gebracht haben. Sie gehen nicht zur Quelle am anderen Ende des Ortes, sondern zum Brunnen auf dem Marktplatz, dessen Wasser von der schönen und reichen Quelle stammt, die an der Seite des Berges am See entspringt. Auf dem Platz sind abends, wie in Palästina üblich, die Dorfleute versammelt:Frauen mit Wasserkrügen, spielende Kinder und miteinander verhandelnde und über Ortsangelegenheiten plaudernde Männer. Man sieht auch Pharisäer in Begleitung ihrer Diener oder Klienten vorüberziehen, die zu ihren reichen Palästen zurück kehren. Alle gehen zur Seite, um sie vorüberziehen zu lassen, und grüßen ehrerbietig, um sie dann gleich darauf von ganzem Herzen zu verwünschen und ihre letzten Gemeinheiten und ihren Wucher zu verurteilen. Matthäus unterhält sich in einer Ecke des Platzes mit seinen alten Freunden, was den Pharisäer Urias zu den verächtlichen und gut ver

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nehmlichen Worten veranlaßt:<< Das sind die berühmten Bekehrungen! Die Neigung zur Sünde bleibt; man sieht es an den Freundschaften, die noch anhalten. Ha, ha, ha! >> Worauf sich Matthäus beleidigt umwendet und entgegnet:<< Sie dauern an, um bekehrt zu werden. >> << Kein Grund vorhanden! Dazu genügt dein Meister. Du halte dich von diesen Dingen fern, damit du nicht in die Krankheit zurückfällst, vorausgesetzt, daß du wirklich geheilt bist. >> Matthäus verfärbt und bemüht sich, nicht grob zu werden; er beschränkt sich darauf, zu erwidern:<< Habe keine Sorge, aber auch keine Hoffnung! >> << Was meinst du damit? >> << Habe keine Sorge, daß ich dich nachahme und so diese Seelen verliere. Die Trennungen und das verächtliche Benehmen überlasse ich dir und deinen Freunden. Ich ahme meinen Meister nach und gehe zu den Sündern, um sie zur Gnade zu führen. >> Urias möchte etwas entgegnen, aber ein anderer Pharisäer, der alte Elias, kommt ihm zuvor und sagt:<< Aber beschmutze doch nicht deine Reinheit und verunreinige nicht deine Lippen, Freund. Komm mit mir! >> Und er nimmt Urias am Arm und begleitet ihn zu seinem Haus. Indessen drängen sich die Menschen, besonders die Kinder, um Jesus. Unter den Kindern befindet sich auch das Geschwisterpaar Johanna und Tobiolus, die vor einiger Zeit um Feigen gestritten hatten. Sie strecken ihre Arme zur hohen Gestalt Jesu aus, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und sagen:<< Hör mal, hör mal! Weißt du, auch heute sind wir brav gewesen. Wir haben nicht geweint und nicht miteinander gestritten, aus Liebe zu dir. Gibst du uns einen Kuß? >> << Ihr seid also aus Liebe zu mir brav gewesen? Damit macht ihr mir eine große Freude. Hier einen Kuß. Seid auch morgen wieder brav! >> Auch Jakobus ist da, der Junge, der Jesus jeden Samstag die Geldbörse des Matthäus gebracht hat. Er sagt:<< Levi gibt mir nichts mehr für die Armen des Herrn; aber ich habe alles Kleingeld auf die Seite gelegt, das man mir schenkt, wenn ich brav bin, und das bekommst du jetzt. Gibst du es den Armen für meinen Großvater? >> << Ganz gewiß! Was hat denn dein Großvater? >> << Er kann nicht mehr gehen. Er ist so alt, und die Beine tun nicht mehr mit. >> << Tut dir dies leid? >> << Ja, denn er war mein Lehrer, wenn wir durch die Felder zogen. Er hat mir so viele Dinge beigebracht. Er hat mich den Herrn lieben gelehrt. Auch jetzt erzählt er mir von Job und zeigt mir die Sterne am Himmel, aber von seinem Sessel aus ... Früher war es viel schöner. >> << Morgen werde ich deinen Großvater besuchen. Bist du zufrieden? >>

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Und Jakobus wird von Benjamin abgelöst; nicht von dem aus Magdala, sondern von dem aus Kapharnaum aus einer früheren Vision. Auf dem Platz angekommen, läßt er, als er Jesus sieht, die Hand seiner Mutter los und bahnt sich mit einem Ausruf, der dem Schrei einer Schwalbe gleicht, in der Menge einen Weg. Bei Jesus angelangt, umfängt er dessen Knie und bettelt:<< Auch mir, auch mir eine Liebkosung! >> In diesem Augenblick kommt der Pharisäer Simon vorüber. Er macht vor Jesus eine feierliche Verneigung, die dieser erwidert. Der Pharisäer bleibt stehen, während die Menge furchtsam zurückweicht, und sagt mit einem Anflug von Lächeln:<< Und mir keine Liebkosung? >> << Allen, die mich darum bitten. Ich beglückwünsche dich, Simon, zu deiner so guten Gesundheit. Man hatte mir in Jerusalem gesagt, du seiest schwer krank. >> << Ja, ich war krank, und ich habe nach dir verlangt, um geheilt zu werden. >> << Glaubst du, daß ich das vermocht hätte? >> << Daran habe ich nie gezweifelt. Aber ich mußte von selbst gesund werden, weil du so weit entfernt warst. Wo bist du denn gewesen? >> << An den Grenzen Israels, wo ich die Tage zwischen Ostern und Pfingsten verbracht habe. >> << Mit viel Erfolg? Ich habe von den Aussätzigen in Hinnon und Siloan gehört. Großartig! Du allein? Gewiß nicht! Aber dies erfährt man durch den Priester Johannes. Wer nicht voreingenommen ist, glaubt an dich und ist selig. >> << Und wer nicht glaubt, weil er voreingenommen ist? Was ist mit dem, du weiser Simon? >> Der Pharisäer ist ein wenig verwirrt ... Er schwankt zwischen dem Wunsch, seine zahlreichen Freunde nicht zu verurteilen, die gegen Jesus sind, und dem anderen, das Lob Jesu zu verdienen. Dieser Wunsch siegt, und er sagt:<< Und wer nicht an dich glauben will, trotz der Beweise, die du gibst, der ist verurteilt ... >> << Ich wünsche, daß es niemand würde ... >> << Du, ja! Aber wir bringen dir nicht dasselbe Maß an Liebe entgegen, das du uns schenkst. Allzuviele sind deiner nicht wert ... Jesus, ich möchte dich morgen bei mir zu Tisch haben ... >> << Morgen bin ich verhindert; aber in zwei Tagen könnte ich kommen. Bist du damit einverstanden? >> << Immer! Es werden... Freunde ... da sein, die du bemitleiden mußt, wenn... >> << Ja, j a! Ich werde mit Johannes kommen. >> << Nur mit ihm? >> << Die anderen haben ihre Aufgaben. Sie kommen gerade aus den umliegenden Orten zurück. Der Friede sei mit dir, Simon! >>

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<< Gott sei mit dir, Jesus! >> Der Pharisäer geht weg, und Jesus schließt sich der Gruppe der Apostel an. Sie kehren zum Haus zurück, zum Abendessen. Aber während sie den gerösteten Fisch essen, kommen Blinde, die Jesus schon auf dem Weg angefleht haben. Sie wiederholen nun ihre Bitte:<< Jesus, Sohn Davids, habe Erbarmen mit uns! >> << Aber geht doch fort! Er hat gesagt, daß ihr morgen kommen sollt. Laßt ihn jetzt essen >>, rügt Simon-Petrus. << Nein, Simon, jage sie nicht fort! Soviel Ausdauer verdient Belohnung. Kommt, kommt her, ihr beiden >>, sagt Jesus zu den Blinden, und sie treten ein, indem sie sich mit dem Stock am Boden und an der Wand vorwärtstasten. << Glaubt ihr, daß ich euch das Augenlicht wiedergeben kann? >> << O j a, Herr! Wir sind gekommen, weil wir dessen gewiß sind. >> Jesus erhebt sich vom Tisch, nähert sich ihnen, legt seine Fingerbeeren auf die blinden Augen, erhebt den Blick, betet und sagt:<< Es geschehe euch nach eurem Glauben! >> Er nimmt die Hände weg, und die bisher unbeweglichen Augenlider des einen heben sich; das Licht trifft von neuem die wiedergeborenen Pupillen, während sich die Lider des anderen öffnen; wo zuvor eine eiternde Entzündung war, bildet sich nun ein neuer Lidrand, und die Lider heben und senken sich mit Leichtigkeit. Die beiden fallen auf die Knie. << Erhebet euch und geht! Und achtet darauf, daß niemand erfährt, was ich an euch getan habe. Bringt die Nachricht von der erhaltenen Gnade in eure Dörfer zu den Eltern, den Verwandten und den Freunden. Hier braucht es niemand zu wissen, es wäre auch für eure Seelen nicht gut. Bewahrt sie vor Verletzungen eures Glaubens, so wie ihr jetzt, da ihr wißt, was das Auge wert ist, es vor Verletzungen schützen werdet, um nicht wieder blind zu werden. >> Das Abendessen ist zu Ende. Sie steigen auf die Terrasse hinauf, wo es kühl ist. Der See glitzert im Schein des Mondviertels. Jesus setzt sich auf den Rand des Mäuerchens und erfreut sich am Anblick des silbrig bewegten Sees. Die anderen unterhalten sich mit gedämpfter Stimme, um ihn nicht zu stören. Sie betrachten ihn wie bezaubert. In der Tat, wie schön ist er! Das Mondlicht beleuchtet sein ernstes, doch gütiges Antlitz, was ermöglicht, die Züge in allen ihren Einzelheiten zu erkennen. Er hat den Kopf ein wenig geneigt und an den Weinstock gelehnt, der hier heraufwächst, um sich dann über die ganze Terrasse auszubreiten. Aus seinen länglichen, blauen Augen, die in der Nacht fast die Farbe des Onyx annehmen, scheinen sich Wellen des Friedens über alle Dinge zu ergießen. Bisweilen erheben sie sich zum heiteren, von Sternen besäten Himmel oder schweifen über die Hügel oder, noch tiefer, über den See; andere Male verweilen sie an einem

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unbestimmten Punkt und scheinen über etwas zu lächeln, was nur sie zu sehen vermögen. Die Haare wehen im leichten Wind. Das eine Bein ein wenig über dem Boden, das andere auf den Boden gestützt, sitzt er, mit den Händen im Schoße, auf der Mauer, und das weiße Gewand scheint seinen Glanz noch zu erhöhen, da es im Mondlicht wie Silber schimmert, während die langen Hände von der Farbe weißen Elfenbeins den Ton alten Elfenbeins annehmen, der ihre schlanke, männliche Schönheit noch unterstreicht. Auch das Antlitz mit der hohen Stirn, der geraden Nase und dem zarten Oval der Wangen, das der bronzefarbene Bart verlängert, scheint in diesem Mondlicht den Ton alten Elfenbeins anzunehmen, der den rosigen Anhauch, den man bei Tageslicht bemerkt, verdrängt. << Bist du müde, Meister? >> fragt Petrus. << Nein! >> << Du scheinst mir so bleich und nachdenklich ... >> << Ich habe nachgedacht. Aber ich glaube nicht, daß ich blasser als sonst bin. Kommt hierher... Das Mondlicht macht euch alle bleich. Morgen geht ihr nach Korazim. Vielleicht werdet ihr dort Jünger finden. Redet mit ihnen. Doch achtet darauf, daß ihr morgen abend wieder hier seid. Ich werde beim Bache predigen. >> << Wie schön! Wir werden es den Leuten in Korazim sagen. Heute haben wir auf dem Heimweg Martha und Marcella getroffen. Sind sie hier gewesen? >> fragt Andreas. << Ja! >> << In Magdala ist viel Gerede, daß Maria nicht mehr ausgeht und keine Feste mehr feiert. Wir haben uns bei der Frau, wie letztes Mal, ausgeruht. Benjamin hat mir gesagt, daß er an dich denkt, wenn er versucht ist, böse zu sein, und ... >> << ... und an mich, sag es nur, Jakobus >>, fügt Iskariot bei. << Das hat er nicht gesagt. >> << Aber mit einem Hintergedanken hat er gesagt:''Ich will nicht schön und böse sein'', und dabei hat er mich von der Seite angeschaut. Er kann mich nicht leiden ... >> << Das sind Abneigungen, die nichts bedeuten, Judas. Denk nicht daran >>, sagt Jesus. << Ja Meister! Aber es ist ärgerlich, daß ... >> << Ist der Meister da? >> ruft eine Stimme von der Straße her. << Er ist da. Aber was wollt ihr denn schon wieder? Genügt euch nicht der Tag, der so lang ist? Ist das die Stunde, in der man arme Pilger stört? Kommt morgen wieder >>, befiehlt Petrus. << Wir haben einen Besessenen hier, der stumm ist. Unterwegs ist er uns dreimal davongelaufen. Wenn dies nicht geschehen wäre, hätten wir früher hier sein können. Seid so gut! Später, wenn der Mond hoch steht,

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fängt er an zu brüllen und erschreckt das ganze Dorf. Seht ihr nicht, wie er schon unruhig wird?! >> Jesus neigt sich über das Mäuerchen, nachdem er die ganze Terrasse überquert hat. Die Jünger ahmen ihn nach. Eine Reihe von Gesichtern über eine Volksmenge gebeugt, die die Köpfe zu den Hinabschauenden erhebt. Mitten unter ihnen befindet sich ein Mann, der sich benimmt und knurrt wie ein Wolf oder ein Bär an der Kette. Seine Handgelenke sind zusammengebunden, damit er nicht entfliehen kann. Winselnd wie ein Tier, macht er wilde Bewegungen und schnüffelt auf dem Boden, als ob er etwas suche. Aber wenn er aufschaut und dem Blicke Jesu begegnet, bricht er in ein bestialisches Gebrüll aus, ein wahres, unbegreifliches Heulen, und sucht zu entweichen. Die Menge, fast alle Erwachsenen von Kapharnaum, weicht erschrocken zurück. << Komm doch, bitte! Er hat einen neuen Anfall ... >> << Ich komme sofort. >> Jesus geht eilends hinunter und auf den Unglücklichen zu, der jetzt erregter ist als zuvor. << Weiche von ihm! Ich will es! >> Das Gebrüll löst sich auf und wird zu dem Wort:<< Friede! >> << Ja, Friede! Habe nun, da du geheilt bist, Frieden. >> Die Menge schreit vor Verwunderung auf, da sie den plötzlichen Übergang vom Wutanfall zur Ruhe, von der Besessenheit zur Befreiung, von der Stummheit zur Sprache wahrnimmt. << Woher habt ihr gewußt, daß ich hier bin? >> << In Nazareth hat man uns gesagt:''Er ist in Kapharnaum.,, In Kapharnaum haben es uns zwei, deren Augen von dir in diesem Haus geheilt worden sind, bestätigt. >> << Das ist wahr! Das ist wahr! Auch zu uns haben sie es gesagt ... >> schreien viele gleichzeitig und erklären:<< Niemals hat man solche Dinge in Israel gesehen! >> << Hätte er nicht die Hilfe von Beelzebub, dann hätte er es nicht tun können >>, werfen die Pharisäer von Kapharnaum, unter denen Simon fehlt, höhnisch lachend dazwischen. << Hilfe oder keine Hilfe, ich bin geheilt und die Blinden auch. Ihr könntet dies nicht, trotz eurer großartigen Gebete >>, entgegnet der von stummer Besessenheit Geheilte und küßt das Gewand Jesu, der den Pharisäern nicht antwortet, sondern sich darauf beschränkt, die Menge zu verabschieden mit seinem:<< Der Friede sei mit euch! >> während er sich um den geheilten Besessenen und seine Begleiter kümmert und ihnen im oberen Raume einen Platz zum Ausruhen bis zum anderen Morgen anweist.

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273. DAS GLEICHNIS VOM VERLORENEN SCHAF

Jesus spricht zur Menge. Er steht am bewaldeten Ufer eines Baches vor einer Volksmenge, die sich auf einem abgemähten Acker, der mit seinen verbrannten Stoppeln einen traurigen Eindruck macht, versammelt hat. Es ist Abend. Die Dämmerung beginnt, und der Mond geht auf. Es ist ein schöner, klarer, frühsommerlicher Abend. Herden kehren zu ihren Ställen zurück, und das Gebimmel der Glocken vermischt sich mit dem Zirpen der Grillen oder Zikaden, ein lautes:gri, gri! ... Jesus nimmt eine vorbeiziehende Schafherde zum Thema seiner Predigt. Er sagt:<< Euer Vater ist wie ein guter Hirte. Was tut der gute Hirte? Er sucht die guten Weideplätze für seine Schäflein, wo es keine schädlichen und giftigen Pflanzen gibt, wohl aber süßen Klee, duftende Minze und bittere, aber heilsame Kräuter. Er sucht einen Platz, wo es außer genügender Nahrung auch kühles und reines Wasser und schattenspendende Bäume gibt, und wo sich keine Vipern und Schlangen im Grün der Schollen verbergen. Er gibt nicht immer den saftigsten Weiden den Vorzug, weil er weiß, daß es dort zuweilen auch Vipern und giftige Kräuter gibt. Er zieht die gebirgige Weide vor, wo der Tau das Gras rein und frisch erhält, aber die Sonne die Reptilien fernhält; wo die Luft rein und bewegt ist und nicht so schwer und ungesund wie die in der Ebene. Der gute Hirte beobachtet jedes einzelne seiner Schäflein. Er pflegt sie, wenn sie erkranken, und heilt ihre Wunden. Jene, die wegen allzu großer Gefräßigkeit krank werden könnten, ruft er zu sich, und andere, die zu lange in der Nässe oder der prallen Sonne verweilen, treibt er anderswo hin. Wenn ein Schaf wenig Appetit hat, sucht er diesen mit bitteren, aromatischen Kräutern anzuregen. Er streckt ihm die Kräuter mit der Hand entgegen, unter gutem Zureden, wie wenn es sich um einen Menschen handle. So macht es auch der gute Vater im Himmel mit seinen auf der Erde irrenden Kindern. Seine Liebe ist der Stab, der sie sammelt, seine Stimme ist die Führung, seine Weideplätze sind sein Gesetz, und sein Schafstall ist der Himmel. Manchmal aber läuft ein Schäflein fort. Er hatte es sehr lieb! Es war jung, rein, schön und weiß wie eine Wolke am Frühlingshimmel. Der Hirte hat ihm immer liebevolle Blicke zugeworfen und ist stets darauf bedacht gewesen, es ihm an nichts fehlen zu lassen, damit es seine Liebe erwidere. Aber das Schäflein läuft davon. Auf dem Wege am Rande der Weide hat sich ein Versucher herangemacht. Er trägt keinen einfachen Hirtenkittel, sondern ein vielfarbiges Gewand. Er hat nicht den ledernen Gürtel mit der kleinen Axt und dem herunterhängenden Messer, sondern einen goldenen Gürtel, an dem silberne Glöcklein hängen, die wie Lerchenstimmen klingen, und Gefäße mit berauschenden Essenzen ... Er trägt nicht den Krummstab, mit dem

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der gute Hirte die Schäflein sammelt und verteidigt; und wenn der Krummstab nicht genügt, ist er bereit, sie mit Axt und Messer und auch mit dem Leben zu verteidigen. Dieser Verführer, der vorübergeht, hat in der Hand ein mit Perlen besetztes Rauchfaß, aus dem ein betörender Rauch, der gleichzeitig Duft und Gestank ist, aufsteigt, während das Glitzern der Schmuckstücke, unechter Schmuckstücke, die Augen blendet. Er geht singend daher und streut Salz aus, das auf der dunklen Straße glitzert. Neunundneunzig Schafe schauen ihn an und bleiben wo sie sind. Das hundertste, das jüngste, das Lieblingsschaf, macht einen Sprung und verschwindet hinter dem Verführer. Der Hirte ruft nach ihm, aber es kehrt nicht zurück. Es läuft rascher als der Wind, um den Vorübergegangenen einzuholen; um sich beim Laufen zu stärken, kostet es von dem Salz, schlingt es in sich hinein und verspürt darauf ein Brennen und ein fremdartiges Gefühl, das es verführt, nach dem tiefen Wasser im Dunkel des Waldes zu lechzen. Und in der Wildnis verliert es sich, immer hinter dem Verführer herlaufend; es fällt, steht auf, fällt wieder ... Ein-, zwei-, dreimal fühlt es an seinem Halse die Umarmung von Schlangen, und in seinem Durst trinkt es schmutziges Wasser, und da es hungrig ist, frißt es ekelerregende Blätter und Kräuter. Was tut indessen der gute Hirte? Er bringt die neunundneunzig Schafe in Sicherheit; dann macht er sich auf den Weg und sucht solange, bis er Spuren des verlorenen Schäfleins gefunden hat. Da dieses nicht zu ihm zurückkehrt und seine Einladung in den Wind schlägt, geht er zu ihm. Und er sieht es von weitem, trunken vom Geifer der Schlangen, so trunken, daß es keine Sehnsucht nach dem geliebten Antlitz verspürt, sondern darüber spottet. Und es fühlt sich schuldbewußt, gleichsam als Dieb, der in eine fremde Wohnung eingedrungen ist, so schuldbewußt, daß es keinen Mut mehr hat aufzuschauen ... Aber der Hirte wird nicht müde ... Er geht weiter, sucht und sucht und folgt ihm. Er findet seine Spur. Weinend sieht er auf den Spuren des verlorenen Schäfleins Wollfetzen:Fetzen der Seele; Blutspuren; verschiedene Vergehen; Schmutz:Beweis seiner Wollust. Er geht weiter und holt es ein. Ah! Ich habe dich gefunden, geliebtes Schäflein. Ich habe dich eingeholt! Wie weit bin ich deinetwegen gelaufen, um dich in den Schafstall zurückzuholen! Neige nicht beschämt den Kopf. Deine Sünde ist in meinem Herzen begraben. Niemand außer mir, der ich dich liebe, wird es erfahren. lch werde dich verteidigen vor fremder Kritik. Ich werde dich mit meiner Person decken und dir ein Schild sein gegen die Steinwürfe der Ankläger. Komm! Bist du verwundet? Oh, zeige mir deine Wunden. Ich kenne sie. Aber ich möchte, daß du sie mir zeigst mit dem Vertrauen, das du hattest, als du noch rein warst und mich, deinen Hirten und Gott, mit unschuldigen Augen ansahst. Siehe, da sind sie. Sie haben alle einen

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Namen. Wie traurig sie doch sind! Wer hat dir so tiefe Wunden im Grunde deines Herzens geschlagen? Der Versucher, ich weiß es! Er, der keinen Hirtenstab und keine Axt hat, aber dessen vergifteter Biß in die Tiefe dringt. Und hinter ihm stachen dir die falschen Edelsteine seines Weihrauchfasses in die Augen:Sie haben dich verführt mit ihrem Glitzern ... Aber es war nur Höllenschwefel, der ans Licht gezogen wurde, um dir das Herz zu verbrennen. Schau, wie viele Wunden! Welch zerrissenes Fell, wieviel Blut, wie viele Dornen! O arme, kleine, enttäuschte Seele! Aber sage mir:wenn ich dir verzeihe, wirst du mich dann wieder lieben? Sage mir:wenn ich die Arme nach dir ausstrecke, wirst du dann herbeieilen? Sage mir:hast du nicht Durst nach echter, guter Liebe? Nun, komm und werde wieder neu geboren. Kehre auf die heiligen Weiden zurück. Weine! Deine Tränen, mit den meinen vermischt, waschen die Spuren deiner Sünde ab, und ich will dir meine Brust und meine Venen öffnen, weil du vom Übel, das dich verbrannt hat, aufgezehrt bist, und ich sage zu dir:''Nähre dich und lebe. '' Komm, daß ich dich in meine Arme nehme. Wir werden schnell auf heilige und sichere Weiden gehen. Du wirst alles von dieser Stunde der Verzweiflung vergessen. Und die neunundneunzig Schwestern, die guten, sie werden jubeln bei deiner Rückkehr; denn ich sage dir, mein verirrtes Schäflein, daß ich dich, von weither kommend, gesucht, eingeholt und gerettet habe; man feiert mehr ein verlorenes Schaf, das zurückkehrt, als die neunundneunzig Gerechten, die sich nie vom Schafstalle entfernt haben. >> Jesus hat sich nie umgedreht, um auf den Weg zu blicken in seinem Rücken, auf dem im abendlichen Dämmerschein Maria von Magdala dahergekommen ist. Sie ist immer noch sehr elegant, aber wenigstens gut gekleidet, von einem dunklen Schleier bedeckt, der ihre Züge und Formen verhüllt. Und als Jesus sagt:<< Ich habe dich gefunden, Geliebte >>, fährt Maria mit den Händen unter den Schleier und beginnt zu weinen, leise und untröstlich. Das Volk sieht sie nicht, denn sie befindet sich auf der anderen Seite der Hecke, die den Weg einsäumt. Nur der Mond, der hoch steht, und der Geist Jesu sehen sie...

Und er sagt zu mir:<< Die Deutung findest du in der Vision selbst. Doch ich werde noch mit dir darüber reden. Nun ruhe dich aus! lch segne dich, treue Maria! >>

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274. << NACH DER ERINNERUNG AN DAS GESETZ HABE ICH DIE HOFFNUNG AUF VERGEBUNG SINGEN LASSEN >>

Jesu sagt:

<< Seit Januar, nachdem ich dich das Abendmahl im Hause Simon des Aussätzigen sehen ließ, hast du und dein geistlicher Führer danach verlangt, mehr über Maria Magdalena und das, was ich zu ihr gesagt habe, zu erfahren. Nach sieben Monaten will ich euch heute die Seiten der Vergangenheit aufschlagen, um euch zufriedenzustellen; um allen, die sich über solche Aussätzige der Seele zu beugen haben, eine Richtschnur zu geben und die Unglücklichen, die in ihrem Grabe des Lasters ersticken, herauszurufen.

Gott ist gut. Mit allen ist er gut. Er mißt nicht mit menschlichem Maße. Er macht keinen Unterschied zwischen Sünde und Todsünde. Die Sünde schmerzt ihn, um welche es sich auch immer handelt. Die Reue erfreut ihn; er ist bereit zu verzeihen. Der Widerstand gegen die Gnade macht ihn unerbittlich streng; denn die Gerechtigkeit kann dem Unbußfertigen nicht verzeihen; so stirbt er als solcher trotz aller Hilfe, die er empfangen hat, um sich zu bekehren. Aber die verfehlten Bekehrungen sind, wenn nicht zur Hälfte, so doch zu vier Zehntel, auf die versäumten Bekehrungsversuche der dafür Bestellten, auf mangelndes Verständnis und verlogenen Eifer, verbunden mit wirklichem Egoismus und Hochmut, zurückzuführen; man zieht es vor, ruhig in seinen vier Wänden zu bleiben, anstatt durch den Schlamm zu waten, um ein Herz zu retten. ''Ich bin rein. Ich bin der Achtung würdig. Ich gehe nicht dorthin, wo Schmutz ist, wo man mir die Achtung verweigert. '' Aber wer so spricht, hat das Evangelium nicht gelesen, wo geschrieben steht, daß der Sohn Gottes hinging, Zöllner und Dirnen zu bekehren, und nicht nur Rechtschaffene, die nach dem alten Gesetz lebten. Aber denkt ein solcher nicht daran, daß der Hochmut geistige Unreinheit ist, daß die Lieblosigkeit Unreinheit des Herzens ist? Wirst du beleidigt? Ich wurde es vor dir und mehr als du, und ich war der Sohn Gottes. Wird dein Gewand in den Schmutz geraten? Habe ich nicht mit meinen Händen diesen Schmutz berührt, ihm auf die Füße geholfen und gesagt:''Wandle auf diesem neuen Weg?'' Erinnert ihr euch nicht, was ich euren ersten Vorgängern sagte? ''In welche Stadt, in welches Dorf ihr auch immer kommt, erkundigt euch, ob dort jemand ist, der es verdient, und dann wohnt bei ihm. " Damit die Welt nicht murrt. Die Welt ist stets geneigt, in allen Dingen das Schlechte zu sehen. Doch ich habe hinzugefügt:''Wenn ihr in die Häuser eintretet - Häuser habe ich gesagt, nicht Haus-, dann grüßt mit den Worten:'Der Friede sei mit diesem Haus. ' Wenn das Haus dessen würdig ist, dann wird der Friede über dasselbe kommen; wenn es nicht würdig ist, kommt er auf euch zurück. '' Ich möchte damit sagen:bis ihr nicht ganz sicher über die Unbußfertigkeit seid, müßt ihr für alle die gleiche Liebe haben.

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Und ich habe diese Unterweisung vervollständigt mit den Worten:''Und wenn euch jemand nicht aufnimmt und eure Worte nicht anhört, dann schüttelt beim Verlassen dieser Häuser oder dieser Stadt den Staub, der an euren Sohlen haftet, ab. '' Für die Guten, aus denen die ständig geübte Güte gleichsam einen Block reinsten Kristalls macht, ist die Gefahr der Unzucht nur ein Staub, den man abschütteln oder fortblasen kann, ohne daß eine Narbe zurückbleibt. Seid wahrhaft gut, ein einziger Block mit der ewigen Güte in der Mitte, und keine Verderbnis wird euch erreichen und beschmutzen können, außer die Sohlen, die den Boden berühren. Die Seele ragt hoch darüber hinaus. Die Seele des Guten ist eins mit Gott. Die Seele ist im Himmel. Dorthin gelangt kein Staub und kein Schlamm, auch wenn er mit Hinterlist gegen den Geist des Apostels geschleudert wird. Er kann das Fleisch verletzen, euch materiell oder moralisch verwunden, euch verfolgen oder beleidigen; denn das Böse haßt das Gute. Bin ich vielleicht nicht beleidigt worden? Bin ich nicht getroffen worden? Aber haben die Schläge, die häßlichen Worte, meinen Geist getroffen? Haben sie ihn verwirrt? Nein! Wie Speichel auf einem Spiegel, wie ein gegen eine saftige Frucht geschleuderter Stein gleiten sie ab, ohne einzudringen; oder sie werden nur oberflächlich eindringen, ohne den im Kern verborgenen Keim zu verletzen, vielmehr das Aufkeimen fördern. Und wie das Korn stirbt, wenn es keimt, so geht es auch dem Apostel. Körperlich stirbt er wohl, tagtäglich stirbt er in metaphorischem Sinne; aber es wird nur das menschliche Ich zerbrochen. Das ist jedoch kein Tod:es ist Leben. Der Geist siegt über den Tod des Menschlichen. Sie, die Sünderin ist zu mir gekommen aus der Launenhaftigkeit der Untätigen, die im Müßiggang nichts mit ihrer Zeit anzufangen weiß. Ihre Ohren waren nur an die Lügen und die Schmeicheleien jener gewöhnt, die ihren Sinn einlullten, um sie zur Sklavin zu haben. Nun aber vernahm sie die klare, strenge Stimme der Wahrheit. Jener Wahrheit, die sich nicht davor fürchtet, verspottet und mißverstanden zu werden. Die nur spricht, indem sie auf Gott blickt. Und wie bei einem Festgeläute alle Töne ineinanderfließen, so vereinen sich alle Stimmen in seinem Wort. Es sind Stimmen, die im Himmel, im freien Blau der Lüfte, erklingen, und sich ausbreiten über Täler und Berge, Ebenen und Seen, um an die Herrlichkeit des Herrn und seine Feste zu erinnern. Erinnert ihr euch nicht an die doppelte Festfreude, die in Zeiten des Friedens den Tag des Herrn erfüllte? Die große Glocke gab mit ihrem tönenden Klöppel im Namen des göttlichen Gesetzes den ersten Ton an. Sie sagte:''Ich spreche im Namen Gottes, des Richters und Königs. '' Dann aber setzten die kleinen Glocken mit ihrem Harfenklang ein:''Denn er ist gut, barmherzig und geduldig'', bis die kleinste Glocke mit ihrer silberhellen Engelsstimme sprach:''Seine Liebe spornt euch an, Verzeihung und

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Mitleid zu üben, um euch zu lehren, daß die Verzeihung viel nützlicher ist als der Groll und die Barmherzigkeit besser als die Unerbittlichkeit. Kommt zu dem, der verzeiht. Habt Vertrauen auf den, der mit euch fühlt. '' Auch ich habe zuerst an das Gesetz erinnert, das von der Sünderin mit Füßen getreten worden war; dann aber habe ich die Hoffnung auf Vergebung singen lassen. Die Vergebung! Sie ist der Tau, der auf den Feuerbrand des Schuldigen fällt. Der Tau ist kein Hagel, der abprallt und verwundet, zerschmettert und zu Boden fällt, nicht eindringt, die Blume aber tötet. Der Tau steigt so sachte herab, daß auch die zarteste Blume nicht spürt, wenn er sich auf den Blütenblättern niederläßt. Dann aber trinkt sie die Erfrischung und erholt sich. Er läßt sich auch bei den Wurzeln auf die trockene Scholle nieder und dringt dann tiefer ein ... Er ist die Feuchtigkeit der Sterne, ein liebevolles Weinen der Amme auf die durstigen Kinder, und dringt als Erquickung zusammen mit der süßen und belebenden Milch ein. Oh, die Geheimnnisse der Elemente, die tätig sind, auch wenn der Mensch ruht oder sündigt! Die Vergebung ist wie dieser Tau. Er bringt nicht nur Reinheit mit sich, sondern auch Lebenssäfte, die nicht den Elementen entnommen sind, sondern aus göttlichen Quellen stammen. Und nach dem Versprechen der Vergebung spricht die Weisheit und sagt, was erlaubt und was nicht erlaubt ist, und ermahnt und rüttelt auf. Nicht mit Härte, sondern in mütterlicher Sorge, um zu retten. Wie oft werdet ihr in eurer Härte noch undurchdringlicher und abweisender gegen die Liebe, die sich über euch neigt! ... Wie oft verlacht ihr sie! Wie oft flieht ihr sie, während sie zu euch spricht! ... Wir oft haßt ihr sie! ... Wenn die Liebe euch so behandeln würde, wie ihr es mit ihr tut, dann wehe eurer Seele! Indessen, seht! Die Liebe ist die unermüdliche Wanderin, die auf der Suche nach euch ist. Sie sucht euch sogar auf, wenn ihr euch in dunklen und schmutzigen Höhlen versteckt. Warum wollte ich in jenes Haus gehen? Warum wirkte ich an ihr nicht ein Wunder? Um den Aposteln zu zeigen, wie sie handeln, wie sie der Voreingenommenheit und der Kritik trotzen müssen, um eine Pflicht zu erfüllen, die so erhaben ist, daß sie über allen weltlichen Kleinigkeiten steht. Warum habe ich Judas jene Worte gesagt? Die Apostel waren zu sehr Menschen. Alle Christen sind noch zu sehr Menschen; auch die Heiligen der Erde sind es, wenn auch in geringerem Maße. Auch in den Vollkommenen bleibt immer irgendetwas Menschliches zurück. Doch die Apostel waren noch nicht so weit. Ihre Gedanken waren noch von menschlichen Dingen erfüllt. Ich habe sie zu Höherem geführt. Aber das Gewicht ihres Menschseins hat sie immer wieder hinunter gezogen. Um sie stets weniger fallen zu lassen, mußte ich auf den Weg des Aufstiegs Dinge stellen, die geeignet waren, den Abstieg aufzuhalten. Sie sollten in der Betrachtung

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und in der Ruhe einen Halt finden, um dann wieder höher aufsteigen zu können, diesmal über die vorher erreichte Grenze hinaus. Es mußte sich um Dinge handeln, die sie davon überzeugten, daß ich Gott bin. Daher die Seelenschau, daher die Herrschaft über die Elemente, daher die Wunder, die Verklärung, die Auferstehung und die Allgegenwart. Ich war auf dem Wege nach Emmaus, während ich zugleich im Abendmahlsaal war. Und die von den Aposteln und Jüngern festgestellte Allgegenwart erschütterte sie, löste sie von ihren weltlichen Banden und führte sie auf den Weg Christi

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Letztes Update: Montag, 10. Dezember 2007, 16:55 15:52 14:51 14:34 14:20
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