| 221. JESUS SPRICHT AUF DEM WEG NACH MAGDALA ZU HIRTEN Petrus kommt erst am anderen Morgen zurück. Er ist ruhiger als vor der Abreise, da er in Kapharnaum, das Eli und Joachim inzwischen verlassen haben, überall nur gute Aufnahme gefunden hat. << Sie müssen die Hauptpersonen des Komplotts sein, denn ich habe Freunde gefragt, wann sie fortgegangen sind. Offensichtlich sind sie nicht mehr zurückgekommen, nachdem sie als Büßer den Täufer aufgesucht hatten. Ich nehme an, daß sie nicht so rasch wiederkommen werden, da sie, wie ich gesagt habe, bei der Gefangennahme zugegen waren... Es herrscht große Bestürzung wegen der Gefangennahme des Täufers, und ich werde dafür sorgen, daß es jeder Schwätzer erfährt... Das ist unsere 372 beste Waffe. Ich habe auch den Pharisäer Simon angetroffen und... wenn der Schein nicht trügt, will er uns wohl. Er hat mir gesagt: ''Rate dem Meister, dem Jordan nicht durch das westliche Tal zu folgen. Die andere Seite ist sicherer.'' Mit Nachdruck hat er es gesagt und noch hinzugefügt: ''Ich habe dich nicht gesehen. Ich habe nicht mit dir gesprochen, denk daran, und verhalte dich so, daß es meinem, deinem und dem Wohle aller dient. Sag dem Meister, daß ich ihm wohlgesinnt bin'', und er blickte dabei nach oben, als ob er in den Wind reden würde. Immer, auch wenn sie Gutes tun, sind sie falsch... nun, sagen wir eigenartig, damit du mich nicht tadelst. Trotzdem... bin ich also zum Zenturio gegangen, um ihm ganz vorsichtig einen Wink zu geben. Ich habe gefragt: ''Geht es deinem Diener gut?'' und nachdem er mir dies bestätigt hat, habe ich gesagt: ''Um so besser! Paß gut auf ihn auf, damit er gesund bleibt, denn man stellt dem Meister nach. Den Täufer hat man bereits gefangen genommen...'', und der Römer hat sofort verstanden. Schlau, dieser Mann! Er hat geantwortet: ''Sollten wir das geringste Anzeichen bemerken, stellen wir eine Wache für ihn auf und man würde die Israeliten daran erinnern, daß unter der Herrschaft Roms kein Komplott erlaubt ist und daß Todes oder Galeerenstrafe darauf steht.'' Es sind Heiden... aber ich hätte ihn umarmen können. Mir gefallen Leute, die verstehen, um was es geht und danach handeln. Jetzt können wir aufbrechen. >> << Laßt uns gehen. Doch dies alles wäre nicht nötig gewesen >>, sagt Jesus. << Nötig war es, und wie! >> Jesus verabschiedet sich von der gastfreundlichen Familie und auch vom neuen Jünger, dem er anscheinend Weisungen erteilt hat. Sie sind wieder allein, der Meister und die Apostel, und sie gehen über die frischen Felder auf einem Weg, den Jesus eingeschlagen hat zum Erstaunen des Petrus, der einen anderen nehmen wollte. << So entfernen wir uns vom See... >> << Wir werden immer noch rechtzeitig ankommen für das, was ich zu tun habe. >> Die Apostel sagen nichts mehr und gehen zu einem kleinen Dorf, einer über die Äcker verstreute Handvoll Häuser. Man hört das laute Gebimmel der Herden, die zu den Weiden auf den Hügeln ziehen. Als Jesus stehenbleibt, um eine zahlreiche Herde vorbeizulassen, machen sich die Hirten gegenseitig auf ihn aufmerksam und bilden eine Gruppe. Sie beraten miteinander, aber mehr getrauen sie sich nicht. Jesus macht schließlich dem Zögern und Zaudern ein Ende und geht durch die Herde, die schon im dichten Gras weidet. Er geht geradewegs zu einem Hirtenknaben mitten in der wolligen und blökenden Schafherde und fragt: << Gehören sie dir? >> Jesus weiß natürlich, daß sie nicht dem Knaben gehören, doch er will ihn dadurch zum Reden bringen. 373 << Nein, Herr. Ich gehöre zu diesen Hirten, aber die Herden sind das Eigentum vieler Herren. Wir haben uns wegen der Räuber zusammengetan. >> << Wie heißest du? >> << Zacharias, Sohn des Isaak. Doch mein Vater ist tot. Ich bin in Diensten, weil wir arm sind, und unsere Mutter hat außer mir noch drei jüngere Kinder. >> << Ist es schon lange her, daß dein Vater gestorben ist? >> << Drei Jahre, Herr... Ich habe seither nicht mehr gelacht, weil unsere Mutter immer weint, und niemand liebkost mich mehr. Ich bin der Erstgeborene und der Tod des Vaters hat mich schon als Kind zum Erwachsenen gemacht... Ich darf nicht weinen, ich muß verdienen. Doch es ist sehr schwer! >> Die Tränen kollern über das Gesichtlein, das für sein Alter zu ernst ist. Die Hirten haben sich genähert, und die Apostel ebenfalls. Eine Gruppe Menschen in einer friedlich bewegten Schafherde. << Du bist nicht ohne Vater, Zacharias. Du hast einen heiligen Vater im Himmel, und er liebt dich immer, wenn du gut bist; auch dein Vater hat nicht aufgehört dich zu lieben, denn er ist im Schoße Abrahams. Daran sollst du glauben, und dieser Glaube soll dich immer besser werden lassen. >> Jesus spricht liebevoll und liebkost den Knaben. Ein Hirte wagt zu fragen: << Du bist der Messias, nicht wahr? >> << Ja, ich bin es. Woher kennst du mich? >> << Ich weiß, daß du in Palästina umherziehst und daß du heilige Worte sprichst. Daran erkenne ich dich. >> << Geht ihr noch weit? >> << Auf die hohen Berge. Die Hitze kommt... Wirst du uns etwas sagen? Dort oben, wo wir hingehen, sprechen nur die Winde zu uns, und manchmal der Wolf und richtet ein Blutbad an, wie beim Vater von Zacharias. Den ganzen Winter haben wir uns gesehnt, dich zu sehen, sind dir jedoch nie begegnet. >> << Kommt in den Schatten des Wäldchens. Dort werde ich zu euch sprechen. >> Jesus geht ihnen voraus. Er hält den Hirtenjungen an der einen Hand und mit der anderen streichelt er die Lämmlein, die blökend ihren Kopf zu ihm erheben. Die Hirten sammeln ihre Herde unter den Bäumen des Wäldchens, und während sich die Schafe wiederkäuend auf den Boden niederlassen, grasen oder sich an den Stämmen reiben, beginnt Jesus zu sprechen. << Ihr habt gesagt: ''Dort oben, wo wir leben, sprechen nur die Winde und manchmal der Wolf und richtet ein Blutbad an.'' Was dort oben geschieht, geschieht auch in den Herzen durch das Wirken Gottes, des Menschen und Satans. Darum könnt ihr dort oben erleben, was euch überall widerfahren kann. 374 Wißt ihr genügend Bescheid über das Gesetz, um die Zehn Gebote zu kennen? Auch du, mein Kind? Dann genügt euer Wissen. Wenn ihr treu befolgt, was Gott euch als Gebot gegeben hat, dann werdet ihr Heilige werden. Beklagt euch nicht darüber, daß ihr weit weg von der Welt seid. Dies bewahrt euch vor ihrer Verderbtheit, und Gott ist euch in der Einsamkeit nicht fern, sondern näher. Seine Stimme vernehmt ihr dort, in seiner Schöpfung, im Brausen der Winde, in Gräsern und Wassern, aber nicht in der Menschenmenge. Diese Herde lehrt euch eine, ja viele große Tugenden. Sie ist sanftmütig und folgsam. Sie ist mit wenig zufrieden und dankbar für das, was sie hat. Sie versteht es, die zu lieben und zu würdigen, die ihr Liebe schenken und für sie sorgen. Macht es ebenso und sagt: ''Gott ist unser Hirte, und wir sind seine Schafe. Sein Auge ist über uns. Er behütet uns und gewährt uns nicht das, was uns zum Verderben gereicht, sondern was wir zum Leben brauchen.'' Haltet den Wolf von euren Herzen fern. Der Wolf, das sind die schlechten Menschen, die euch auf Befehl Satans vielleicht zu bösen Taten überreden und verleiten, und Satan selbst versucht euch zur Sünde, um euch zu zerreißen. Seid wachsam! Ihr Hirten kennt die Art des Wolfes. Wie die Schafe einfältig und arglos sind, so ist der Wolf hinterlistig. Er schleicht sich langsam heran, nachdem er von der Höhe die Gewohnheiten der Herde beobachtet hat. Durch das Gebüsch streichend, kommt er immer näher, und um keine Aufmerksamkeit zu erregen, bleibt er ab und zu plötzlich wie versteinert stehen. Gleicht er nicht einem großen Felsbrocken, der ins hohe Gras gerollt ist? Doch wenn er dann sicher ist, daß niemand auf ihn achtet, springt er auf und packt zu. Ebenso macht es Satan. Er beobachtet euch, um eure schwachen Stellen ausfindig zu machen, er schleicht um euch herum, scheint ungefährlich und zerstreut, die Gedanken anderswo, aber er behält euch im Auge und stürzt sich unversehens auf euch, um euch zur Sünde zu verleiten. Und manchmal gelingt es ihm. Doch bei euch ist der rettende Gott und ein erbarmungsvoller Engel. Habt ihr euch verletzt, seid ihr krank, dann entfernt euch nicht von ihnen, wie es der tollwütig gewordene Hund macht. Bittet sie vielmehr weinend um Hilfe. Gott verzeiht dem, der bereut, und euer Engel ist bereit, für und mit euch Gott anzuflehen. Liebet einander und liebt dieses Kind. Jeder muß sich ein wenig als Vater der Waisen fühlen. Die Anwesenheit eines Kindes unter euch soll jede eurer Handlungen mit dem heiligen Zügel des Respektes vor dem Knaben mäßigen, und eure Anwesenheit möge ihm ersetzen, was der Tod ihm genommen hat. Man muß seinen Nächsten lieben. Dieser Junge ist euer Nächster, den Gott euch in besondere Weise anvertraut. Erzieht ihn zum guten, gläubigen, rechtschaffenen Mann ohne Laster. Er ist viel mehr wert als eines dieser Schäflein. Wenn ihr auf die Tiere achtet, weil sie eurem Herrn gehören und dieser euch bestrafen würde, wenn ihr sie zu 375 grunde gehen lasset, um wieviel mehr müßt ihr euch um diese Seele kümmern, die Gott euch in seinem Namen und in dem des verstorbenen Vaters anvertraut. Sein Los als Waise ist traurig. Macht es nicht noch schwerer, indem ihr seine Schwäche und Hilflosigkeit ausnützt und ihn quält. Denkt daran, daß Gott die Werke und Tränen eines jeden sieht und sie ihm zur Belohnung oder Strafe gereichen. Du, Kind, denk daran, daß du nie allein bist. Gott sieht dich, und der Geist deines Vaters auch. Wenn dich etwas verwirrt und dich zum Bösen verleitet, dann sage: ''Nein, ich will nicht auf ewig Waise sein.'' Du würdest es sein, wenn du deine Seele durch die Sünde verdammst. Seid gute Menschen! Ich segne euch, damit alles Gute mit euch sei. Wenn wir denselben Weg hätten, würde ich noch lange zu euch sprechen. Doch nun steigt die Sonne höher und ihr müßt gehen, und ich auch. Ihr, um eure Schafe vor der Hitze in Sicherheit zu bringen, und ich, um die Herzen von einer anderen Glut, die weit schrecklicher ist, zu befreien. Betet, damit sie in mir den Göttlichen Hirten erkennen. Leb wohl, Zacharias, sei gut! Der Friede sei mit euch! >> Jesus küßt den Hirtenknaben und segnet; und während die Herde sich langsam entfernt, verfolgt er sie mit dem Blick. Dann nimmt er seinen Weg wieder auf. << Du hast gesagt, daß wir gehen, um die Herzen von einer anderen Glut zu befreien... Wohin gehen wir? >> fragt Iskariot. << Vorerst zu dem etwas schattigeren Platz dort am Bach. Dort wollen wir essen, und dann werdet ihr erfahren, wohin wir gehen. >> 222. JESUS IN MAGDALA. ZWEITE BEGEGNUNG MIT MAGDALENA Die Apostel sind nun vollzählig um Jesus geschart. Im Grase sitzend, im kühlen Schatten einiger Bäume am Ufer eines Baches, essen sie Brot und Käse und trinken dazu frisches, klares Wasser aus dem Bach. Ihre staubigen Sandalen deuten darauf hin, daß sie schon einen langen Weg hinter sich haben, und die Jünger hegen vielleicht nur den einen Wunsch, sich im frischen hohen Grase auszuruhen. Doch der unermüdliche Wanderer ist nicht dieser Ansicht. Sobald er glaubt, daß nun die größte Hitze des Tages vorüber ist, steht er auf, geht auf die Straße und hält Ausschau... Dann wendet er sich um und sagt einfach: << Laßt uns gehen! >> Als sie zu einer Wegkreuzung kommen, an der sich vier staubige Feldwege vereinigen, schlägt Jesus ganz entschieden den ein, der in nordöstliche Richtung führt. 376 << Kehren wir nach Kapharnaum zurück? >> will Petrus wissen. Jesus antwortet nur: << Nein! >> << Dann nach Tiberias? >> drängt Petrus, der es unbedingt wissen will. << Auch nicht. >> << Aber dieser Weg führt zum Galiläischen Meer... und dort liegen Tiberias und Kapharnaum. >> << Aber auch Magdala >>, sagt Jesus mit einem halbernsten Gesicht, um die Neugier des Petrus etwas zu befriedigen. << Magdala? Oh!... >> Petrus ist ziemlich entsetzt, und daraus schließe ich, daß diese Stadt keinen guten Ruf genießt. << Nach Magdala, ja, nach Magdala. Hältst du dich für zu anständig, um diesen Ort zu betreten? Petrus, Petrus!... Mir zuliebe wirst du nicht nur Städte des Vergnügens, sondern wahre Wolfshöhlen betreten... Christus ist nicht gekommen, um die Geretteten zu erretten, sondern um die Verlorenen zu erretten... und du... du wirst deshalb Petrus, der ''Fels'' oder Kephas sein, und nicht Simon. Hast du Angst, dich zu verunreinigen? Nein! Nicht einmal diesem hier wird es schaden, siehst du? (Und er deutet dabei auf den noch sehr jungen Johannes.) Nicht einmal diesem hier wird es schaden, denn er will es nicht... so, wie auch du es nicht willst, und deine Brüder und der Bruder des Johannes es nicht wollen... wie niemand von euch es jetzt will! Solange man es nicht will, nimmt man keinen Schaden. Aber es ist notwendig, mit Kraft und Beharrlichkeit nicht zu wollen. Kraft und Beharrlichkeit erlangt man vom Vater im aufrichtigen Gebet mit dem Vorsatz, die Sünde zu meiden. Nicht alle werdet ihr später so zu beten imstande sein. Was sagst du, Judas? Traue dir nicht zu viel zu. Ich, der ich Christus bin, bete immerfort, um Kraft gegen Satan. Bist du denn mehr als ich? Der Stolz ist die Ritze, durch die Satan eindringt. Sei wachsam und demütig, Judas! Matthäus, du kennst diesen Ort gut; sage mir, ist es besser auf diesem Weg hineinzugehen, oder gibt es einen anderen? >> << Es kommt ganz darauf an, Meister. Wenn du in das Magdala der Fischer und der Armen gehen willst, dann ist dies hier der richtige Weg, denn hier kommt man in die Vorstadt, wo das einfache Volk lebt. Wenn du aber dorthin gehen willst, wo die Reichen sind, - was ich zwar nicht annehme, aber ich sage es dir, um eine umfassende Antwort zu geben dann müssen wir nach einigen hundert Metern diese Straße verlassen und eine andere einschlagen, denn die Häuser der Reichen liegen auf halber Höhe und wir müßten zurückgehen... >> << Dann werden wir zurückgehen, denn ich will in Magdala das Wohnviertel der Reichen aufsuchen... Was hast du gesagt, Judas? >> << Nichts, Meister. Schon zum zweiten Male innerhalb kurzer Zeit fragst du mich, doch ich habe nicht gesprochen. >> << Mit den Lippen nicht, aber in deinem Herzen hast du gesprochen. Du hast in deinem Geist, in deiner Seele gemurrt. Man braucht nicht einen 377 andern Menschen als Gesprächspartner, um seine Meinung zu sagen. Vieles sagen wir zu uns selber... aber nicht einmal in seinem Inneren soll man murren oder verleumden. >> Die Gruppe geht schweigend weiter. Die Hauptstraße mit ihrem Pflaster aus viereckigen, handbreiten Steinen, beginnt nun städtischen Charakter anzunehmen, und auch die Häuser inmitten üppiger, blühender Gemüse- und Blumengärten werden immer reicher und schöner. Ich habe den Eindruck, daß das elegante Magdala für die Palästinenser eine Art Vergnügungsstätte ist, wie gewisse Städtchen an unseren lombardischen Seen, z.B. Stresa, Gardona, Pallanza oder Bellagio. Unter den reichen Palästinensern sind auch Römer, die sicher von anderen Orten wie Tiberias oder Caesarea kommen, wo sie beim Statthalter als Beamte in Stellung waren; außerdem sind dort Händler, um die besten Erzeugnisse aus der Provinz Palästina nach Rom auszuführen. Zielbewußt geht Jesus in den Ort, als ob er genau wüßte, wohin sein Weg führt. Er geht dem See entlang, an dessen Ufer die Villen mit ihren Gärten liegen. Ein Chor weinender Stimmen dringt aus einem vornehmen Hause. Es sind Frauen- und Kinderstimmen, und eine durchdringende Frauenstimme übertönt alle anderen mit ihren Rufen: << Sohn! Sohn! >> Jesus wendet sich um und sieht seine Apostel an. Judas tritt näher. << Nicht du, Judas >>, gebietet Jesus. << Du, Matthäus, geh und erkundige dich. >> Matthäus geht und kommt zurück: << Eine Rauferei, Meister. Ein Mann liegt im Sterben. Ein Jude. Der Angreifer ist geflohen, es war ein Römer. Seine Frau, die Mutter und die kleinen Kinder sind herbeigeeilt... aber er stirbt. >> << Laßt uns gehen. >> << Meister... Meister... der Vorfall hat sich im Hause einer Frau ereignet... die nicht seine Ehefrau ist. >> << Laßt uns gehen. >> Sie betreten durch die offenstehende Türe eine lange, geräumige Vorhalle, die zu einem schönen Garten führt. Es scheint, daß das Haus durch eine Art gedeckten Säulenhof aufgeteilt ist, in welchem viele Pflanzen in Gefäßen, Statuen und fein gearbeitete Möbel stehen. Eine Art Wintergarten. In einem Zimmer, dessen Tür zur Vorhalle offen steht, befinden sich weinende Frauen. Jesus geht ohne Zögern hinein, jedoch ohne seinen gewohnten Gruß zu entbieten. Unter den anwesenden Männern ist ein Händler, der Jesus kennen muß, denn kaum hat er ihn erblickt, sagt er: << Der Rabbi von Nazareth! >>, und grüßt ihn respektvoll. << Joseph, was ist vorgefallen? >> << Ein Dolchstoß ins Herz, Meister... Er stirbt. >> 378 << Weshalb? >> Eine graue und ungekämmte Frau, die neben dem Sterbenden kniet und seine schon leblose Hand hält, steht auf und kreischt mit den Augen einer Wahnsinnigen: << Ihretwegen, ihretwegen! Sie hat ihn verhext... Für ihn gab es keine Mutter, keine Frau und keine Kinder mehr! Die Hölle soll dich haben, du Teufelsweib! >> Jesus erhebt seine Augen, und sein Blick folgt der Hand, die zitternd anklagt. In der Ecke, gegen die tiefrote Wand gelehnt, erblickt er, schamlos gekleidet und anstößiger denn je, Maria von Magdala. Die Hälfte ihres Körpers ist sozusagen unbekleidet, denn ihr Oberkörper ist in eine Art feines Netz aus sechseckigen Maschen gehüllt, das mit etwas rundem, wahrscheinlich kleinen Perlen, besetzt ist. Da sie im Halbdunkel steht, sehe ich sie nicht gut. Jesus senkt die Augen. Maria, gereizt durch seine Gleichgültigkeit, richtet sich auf und nimmt Haltung an, während sie zuvor niedergeschlagen schien. << Frau >>, sagt Jesus zur Mutter, << verwünsche niemanden! Antworte mir! Warum war dein Sohn in diesem Hause? >> << Ich habe es dir schon gesagt. Weil sie ihn verrückt gemacht hat. Sie! >> << Schweig. Auch er war ein Sünder, denn er war ein Ehebrecher und diesen unschuldigen Kindern ein unwürdiger Vater. Er verdient also seine Strafe. In diesem und in jenem Leben gibt es keine Barmherzigkeit für den, der nicht bereut. Doch ich habe Erbarmen mit deinem Schmerz, Frau, und mit diesen unschuldigen Kindern. Ist dein Haus weit entfernt? >> << Etwa hundert Meter. >> << Hebt den Mann auf und bringt ihn dorthin. >> << Das ist nicht möglich, Meister >>, sagt der Händler Joseph. << Er liegt im Sterben. >> << Tue, was ich dir sage! >> Sie schieben ein Brett unter den Sterbenden, und der Zug geht langsam hinaus. Sie überqueren die Straße und betreten einen schattigen Garten. Die Frauen weinen immer noch laut. Kaum sind sie im Garten angelangt, wendet sich Jesus an die Mutter. << Kannst du verzeihen? Wenn du verzeihst, verzeiht Gott. Um einer Gnade würdig zu sein, muß man sich ein gutes Herz schaffen. Dieser Mann hat gesündigt und wird weiter sündigen. Für ihn wäre es besser zu sterben, denn wenn er zum Leben zurückkehrt, wird er erneut der Sünde verfallen, und er wird Gott, der ihn geheilt hat, auch Rechenschaft über seine Undankbarkeit ablegen müssen. Aber du und diese Unschuldigen (er zeigt auf die Frau und die Kinder), ihr würdet verzweifeln. Doch ich bin gekommen, um zu retten und nicht, um zu verderben. Mann, ich sage dir: steh auf und sei geheilt. >> Der Mann kehrt zum Leben zurück, öffnet die Augen, sieht die Mutter, die Kinder, seine Frau und senkt beschämt den Kopf. 379 << Sohn, Sohn >>, sagt die Mutter. << Du wärest gestorben, wenn er dich nicht gerettet hätte. Gehe in dich! Verliere dich nicht im Sinnen wegen einer... >> Jesus unterbricht die Alte: << Frau, schweige! Sei barmherzig, wie auch dir Barmherzigkeit widerfahren ist. Dein Haus ist durch das Wunder geheiligt, denn das Wunder ist immer ein Beweis der Gegenwart Gottes. Daher konnte ich es nicht dort wirken, wo die Sünde war. Bewahre wenigstens du dein Haus rein, wenn schon dieser hier dazu nicht fähig sein wird. Pflegt ihn nun. Es ist gerecht, daß er noch eine Zeitlang leiden muß. Sei gut, Frau! Auch du! Und ihr, Kinder, lebt wohl. >> Jesus hat den beiden Frauen die Hand auf den Kopf gelegt und auch den Kindern. Dann geht Jesus hinaus und an Magdalena vorbei, die dem Zug bis vor das Haus gefolgt und auf der angrenzenden Straße, an einen Baum gelehnt, stehengeblieben ist. Jesus geht langsamer, als warte er auf die Jünger, doch ich glaube, daß er Maria die Möglichkeit geben will, eine Geste zu machen. Aber sie tut es nicht. Die Jünger erreichen Jesus, und Petrus kann es sich nicht verkneifen, ein auf Maria gemünztes Schimpfwort in seinen Bart zu murmeln. Diese, um ihre Haltung nicht zu verlieren, bricht in ein Gelächter aus, das sich aber alles andere als triumphierend anhört. Doch Jesus hat die Bemerkung des Petrus gehört, wendet sich streng an ihn und sagt: << Petrus, ich beschimpfe nicht. Beschimpfe auch du nicht! Bete für die Sünder. Nichts anderes. >> Maria bricht ihr schallendes Gelächter ab, senkt den Kopf und entschwindet wie eine Gazelle in Richtung ihres Hauses. 223. ZU MAGDALA IM HAUSE DER MUTTER BENJAMINS Das Wunder muß erst vor kurzem geschehen sein, denn die Apostel reden darüber und die Bewohner des Ortes ebenfalls, sie deuten auf Jesus, der mit ernstem Gesicht geradeaus zum Stadtrand, ins Armenviertel, geht. Er bleibt vor einem Häuschen stehen, aus dem ein kleiner Junge gelaufen kommt, dem die Mutter folgt. << Frau, darf ich in deinen Garten kommen und dort ein wenig verweilen, bis die schlimmste Hitze vorüber ist? >> << Komm herein, Herr, auch in die Küche, wenn du willst. Ich werde dir Wasser und eine Erquickung bringen. >> << Bemühe dich nicht. Es genügt mir, ein wenig in diesem ruhigen Garten zu sein. >> Doch die Frau möchte Wasser anbieten, dem etwas, ich weiß nicht was, beigemischt wurde. Dann läuft sie ständig im Garten herum, als wolle 380 etwas sagen, hätte aber nicht den Mut dazu. Sie scheint sich mit dem Gemüse zu beschäftigen, doch in Wirklichkeit achtet sie auf den Meister; aber wegen des Kleinen, der nach einem Schmetterling oder sonst einem Insekt hascht und dabei ein lautes Geschrei vollführt, kann sie nicht verstehen, was Jesus sagt. Sie wird ungeduldig und gibt dem Kind einen leichten Klaps, worauf dieses nur noch lauter schreit. Jesus, der soeben dem Zeloten auf die Frage: << Glaubst du, daß der Vorfall Maria aufgerüttelt hat? >> antwortet: << Mehr als es euch scheint >>, wendet sich um und ruft das Kind zu sich, das sich auf seinen Knien beruhigt und aufhört zu weinen. Die Frau ruft den Kleinen zurück: << Benjamin, komm her! Du darfst nicht stören! >> Doch Jesus sagt: << Laß ihn nur, laß ihn. Er wird artig sein und dich in Ruhe lassen >>, und zum Kinde gewandt: << Weine nicht! Deine Mutter hat dir nicht weh getan, sie hat dir nur das Gehorchen beigebracht, oder besser: sie hat versucht, dir Gehorsam beizubringen. Warum hast du so geschrieen, wo sie doch Ruhe haben möchte? Vielleicht fühlt sie sich nicht wohl und dein Geschrei stört sie. >> Das Kind antwortet prompt und mit jener unübertrefflichen Aufrichtigkeit der Kinder, die Erwachsene zur Verzweiflung bringt: << Nein, sie fühlt sich nicht krank, sie wollte nur hören, was du sagst... Sie hat es mir nämlich gesagt. Aber ich, da ich zu dir kommen wollte, habe absichtlich Lärm gemacht, damit du mich beachtest. >> Alle lachen, und die Frau wird feuerrot. << Erröte nicht, Frau, komm zu mir. Du wolltest mich sprechen hören? Warum? >> << Weil du der Messias bist. Nur du kannst der Messias sein, da du solche Wunder wirkst... Ich hätte dir gerne zugehört... Ich gehe nie aus Magdala hinaus, weil ich... einen schwierigen Mann und fünf Kinder habe. Das kleinste ist vier Monate alt... und hierher kommst du nie. >> << Ich bin gekommen, und in dein Haus. Siehst du? >> << Darum wollte ich dir gerne zuhören. >> << Wo ist dein Mann? >> << Auf dem See, Herr. Wenn man nicht fischt, hat man nichts zu essen. Ich habe nur diesen kleinen Garten. Kann der genügen für sieben Personen? Trotzdem verlangt Zachäus, daß... >> << Sei geduldig, Frau. Alle haben ihre Last zu tragen. >> << O nein, die Schamlosen haben nur das Vergnügen. Hast du das Tun der Schamlosen gesehen? Sie genießen und verursachen andern Leid. Sie quälen sich nicht ab mit Kindergebären und Arbeit, bis sie der Rücken schmerzt. Sie bekommen keine Blasen von der Hacke und keine zerschundenen Hände vom vielen Waschen. Sie sind schön und frisch. Für sie gilt die über Eva verhängte Strafe nicht. Vielmehr werden wir durch sie be 381 straft, weil... die Männer... du verstehst mich schon. >> << Ich verstehe dich. Doch wisse, auch sie haben ihr schreckliches Kreuz, das schrecklichste, und ein Kreuz, das man nicht sieht. Es ist ihr Gewissen, das sie anklagt; es ist die Welt, die sie verspottet; die Familie, die sie verstößt; und es ist Gott, der sie verflucht. Sie sind nicht glücklich, glaube es mir. Sie quälen sich nicht ab mit Kindergebären und Arbeiten, keine Mühsal macht ihre Hände wund, und trotzdem sind sie zermürbt durch die Scham. Ihr Herz ist eine einzige Wunde. Beneide sie nicht um ihr Aussehen, ihre Frische, ihre vermeintliche Heiterkeit. Sie sind nur der Schleier über dem Ruin, der ihr Gewissen plagt und sie keinen Frieden finden läßt. Beneide nicht ihren Schlaf, du ehrbare Mutter, die du von deinen unschuldigen Kindern träumst... Auf ihren Kissen lastet der Alptraum, und in ihrer Sterbestunde oder in ihrem Alter werden sie einst von Gewissensbissen und Angst heimgesucht werden. >> << Das ist wahr... Verzeih... Darf ich hier bleiben? >> << Bleibe! Wir werden Benjamin ein schönes Gleichnis erzählen, und die, die keine Kinder mehr sind, werden es auf sich selbst und auf Maria von Magdala anwenden. Hört also! Ihr zweifelt an der Bekehrung Marias zum Guten und es gibt kein Anzeichen für eine Umkehr. Frech und schamlos, ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrer Macht bewußt, hat sie es gewagt, die Leute herauszufordern und bis vor das Haus zu kommen, wo man durch ihr Verschulden weint. Auf die Rüge des Petrus hat sie mit Gelächter geantwortet, auf meinen einladenden Blick mit stolzer Unnahbarkeit. Ihr hättet vielleicht gewünscht - die einen aus Liebe zu Lazarus, die anderen aus Liebe zu mir - daß ich direkt zu ihr hingehe, ein langes Gespräch mit ihr führe und sie durch meine Macht bezwinge, um ihr dadurch meine Gewalt als Messias und Erlöser zu beweisen. Nein! Das alles ist nicht nötig. Ich habe dies bereits wegen einer anderen Sünderin vor vielen Monaten gesagt. Die Seelen müssen selbst soweit kommen. Ich gehe vorüber und streue den Samen aus, und ganz im Verborgenen wirkt der Same. Die Seele soll in ihrem Wirken respektiert werden. Wenn der erste Same nicht Wurzel faßt, sät man noch einen... und noch einen, und erst dann gibt man auf, wenn man sichere Beweise für die Nutzlosigkeit des Säens hat. Dazu betet man, denn das Gebet ist wie der Tau aufs Erdreich: er erhält es feucht und dadurch nährstoffreich, und so kann der Same sprießen. Machst du es mit deinem Gemüse nicht ebenso, Frau? Nun hört das Gleichnis vom Wirken Gottes in den Herzen, um darin das Reich Gottes zu gründen. Jedes Herz ist ein kleines Reich Gottes auf Erden. Später, nach dem Tode, werden sich all diese kleinen Reiche zu einem einzigen vereinigen, zum unermeßlichen, heiligen, ewigen Himmel. Das Reich Gottes in den Herzen wird vom göttlichen Sämann gegründet. Er kommt auf sein Gut - der Mensch gehört Gott, darum ist am 382 Anfang jeder Mensch sein Eigentum - und streut seinen Samen. Danach geht er auf andere Güter, zu andern Herzen. Den Tagen folgen die Nächte und den Nächten die Tage. Die Tage bringen Sonne und Regen: hier die Strahlen der göttlichen Liebe und den Strom göttlicher Weisheit, die zur Seele spricht. Die Nächte lassen ihre Sterne leuchten und schenken erholsame Stille: in unserem Fall, göttliche Mahnungen und Stille für die Seelen, um sich zu sammeln und sich zu besinnen. In dieser ständigen Aufeinanderfolge unmerklicher und kraftvoller Vorsehungen schwillt der Same an, bricht auf, treibt Wurzeln, nistet sich ein, und das junge Pflänzchen beginnt zu sprießen, bringt die ersten Blättchen hervor und wächst heran. All dies geschieht ohne menschliche Hilfe. Spontan bringt die Erde die Pflanze aus dem Samen hervor, und die Pflanze wird kräftig und trägt die aus ihr entstehende Ähre, die immer mehr nach oben strebt, anschwillt, erstarkt, gelb und hart wird, und deren Körner dann die vollkommene Reife erlangen. Da die Zeit der Vollendung für diesen Samen gekommen ist, der sich nicht noch weiter entwickeln könnte, kehrt der Sämann zurück und setzt seine Sichel zur Ernte an. In den Herzen hat mein Wort dieselbe Wirkung. Ich spreche von den Herzen, die den Samen aufnehmen. Doch nur langsam geht die Entwicklung vor sich, und man muß darauf achten, nichts zur Unzeit zu tun, denn dann würde man alles zerstören. Wie mühsam ist es doch für das kleine Samenkorn, aufzubrechen und sich in der Erde zu verwurzeln. Auch für das harte, widerspenstige Herz bedeutet dies mühevolle Arbeit. Es muß sich erschließen, sich aufwühlen lassen, Neues aufnehmen und dies mühevoll hegen, und schließlich muß sich ein solcher Mensch von allem Prunk und der reizvollen, nutzlosen und übermäßig eleganten Bekleidung von früher lösen und sein Äußeres verändern: Er muß sich nunmehr begnügen, demütig zu arbeiten, ohne bewundert zu werden, um so ganz der Absicht Gottes zu entsprechen. Alle seine Fähigkeiten muß er nützen, um zu wachsen und Ähren hervorzubringen. In Liebe muß man erglühen, um zum Weizen zu werden. Hat man dann einmal die so sehr, sehr leidige Menschenfurcht überwunden, sich abgemüht, gelitten, und seine neue Wesensart sogar liebgewonnen, dann muß man sich in einem Entschluß von erbarmungsloser Härte auch davon lösen. Alles muß man geben, um alles zu besitzen. Von allem muß sich der Mensch entblößen, um einst im Himmel mit der Stola der Heiligen bekleidet zu werden. Das Leben des Sünders, der heilig wird, ist die längste, heldenhafteste und ruhmreichste Schlacht. Ich sage es euch! Ihr werdet nach dem, was ich euch gesagt habe, einsehen und verstehen, daß mein Verhalten Maria gegenüber richtig ist. Habe ich an dir etwa anders gehandelt, Matthäus? >> << Nein, mein Herr. >> 383 << Sage mir die Wahrheit: was hat dich mehr überzeugt, meine Geduld oder die bitteren Vorwürfe der Pharisäer? >> << Deine Geduld, so wahr ich hier stehe! Die Pharisäer mit ihrer Verachtung und ihren Verwünschungen lösten in mir wiederum nur Verachtung aus, und weil ich sie verachtete, wurde ich noch schlechter als zuvor. Es geschieht folgendes: lebt man in Sünde und wird man als Sünder behandelt, dann verhärtert man sich erst recht. Doch, erhält man statt einer Beleidigung ein Wort der Liebe, ist man darüber so sehr erstaunt, daß man nur noch weinen kann... und wenn man weinen kann, zerspringt der Panzer der Sünde, der das Herz umgab und fällt ab. Entblößt steht man dann vor der Güte Gottes und fleht ihn an um ein neues Kleid - ihn selbst. >> << Das hast du gut gesagt. Benjamin, gefällt dir die Geschichte? Ja? Gut so! Und wo ist denn deine Mutter? >> Jakobus des Alphäus antwortet: << Sie ist am Ende des Gleichnisses weggegangen und auf der Straße dort davongeeilt. >> << Sie wird zum See gehen um zu sehen, ob ihr Mann zurückgekommen ist >>, sagt Thomas. << Nein, sie ist zur alten Mutter gegangen, um die Geschwisterchen zu holen. Meine Mutter bringt sie immer dorthin, damit sie arbeiten kann >>, sagt das Kind, das sich vertrauensvoll an die Knie Jesu schmiegt. << Und du bist hier, kleiner Mann? Du mußt ein schöner Schlingel sein, wenn sie dich allein bei sich behält! >> bemerkt Bartholomäus. << Ich bin der älteste und helfe ihr... >> << Sich den Himmel zu verdienen, arme Frau! Wie alt bist du? >> fragt Petrus. << In drei Jahren werde ich ein Sohn des Gesetzes sein >>, sagt der Lausbub stolz. << Kannst du lesen? >> fragt Judas Thaddäus. << Ja, aber ich komme nur langsam vorwärts... denn der Lehrer stellt mich fast jeden Tag vor die Türe... >> << Ich habe es doch gesagt! >> sagt Bartholomäus. << Das kommt daher, daß der Lehrer alt und häßlich ist und immer dieselben Dinge sagt, die zum Einschlafen langweilig sind. Wenn er so wäre, wie er (er deutet auf Jesus), dann wäre ich aufmerksam. Schlägst du die, die schlafen oder spielen? >> << Ich schlage niemanden, aber ich sage meinen Schülern: ''Seid zu euerem eigenen Besten und aus Liebe zu mir aufmerksam.'' >>, antwortet Jesus. << Ja, so ist es richtig. Aus Liebe schon, aber nicht aus Angst. >> << Aber wenn du brav bist, dann hat dich der Lehrer gern. >> << Liebst du denn nur die Artigen? Gerade eben hast du doch gesagt, daß du geduldig mit diesem hier gewesen bist, der nicht gut war... >> Die kindliche Logik ist bezwingend. 384 << Ich bin mit allen gut. Aber wer zum braven Menschen wird, den liebe ich ganz besonders, und mit diesem bin ich sehr, sehr lieb. >> Das Kind denkt nach... dann hebt es den Kopf und fragt Matthäus: << Wie hast du es gemacht, gut zu werden? >> << Ich habe ihn gern gehabt. >> Das Kind denkt wieder nach, dann blickt es auf die Zwölf und sagt zu Jesus: << Sind die hier alle brav? >> << Gewiß, das sind sie. >> << Bist du sicher? Manchmal bin ich artig, aber nur, weil ich einen noch größeren Unfug anstellen will. >> Alle lachen laut. Auch der Knabe muß mitlachen. Selbst Jesus lacht, drückt den Jungen an sein Herz und küßt ihn. Das Kind, das nun bereits mit allen gut Freund ist, möchte spielen und sagt: << Nun will ich dir sagen, wer gut ist >>, und es beginnt mit seiner Auswahl. Es blickt alle nacheinander an und geht dann geradewegs auf Johannes und Andreas zu, die nebeneinander stehen, und sagt: << Du und du, kommt her. >> Dann wählt es die beiden Jakobus und stellt sie zu den ersten beiden, dann auch Judas Thaddäus. Vor dem Zeloten und Bartholomäus bleibt es lange nachdenklich stehen und sagt: << Ihr seid zwar alt, doch ihr seid gut >>, und gesellt sie zu den anderen. Dann betrachtet es Petrus, der die Prüfung über sich ergehen läßt, indem er ihm zum Spaß böse Blicke zuwirft. Auch er wird für gut befunden. Matthäus und Philippus bestehen die Prüfung ebenfalls. Zu Thomas sagt das Kind: << Du lachst zuviel. Mir ist es ernst. Weißt du nicht, daß mein Lehrer sagt, daß, wer immer lacht, bei der Prüfung dann Fehler macht. >> Trotzdem besteht Thomas die Prüfung, wenn auch nicht gerade mit einer guten Note. Dann geht das Kind zu Jesus zurück. << He, du Spitzbub! Ich bin auch noch da. Ich bin kein Baum. Ich bin jung und schön. Warum prüfst du mich nicht? >> fragt Judas Iskariot. << Weil du mir nicht gefällst. Meine Mutter sagt, was man nicht mag, das soll man nicht anfassen. Man läßt es auf dem Tisch, damit es die anderen nehmen können, die es vielleicht gut finden. Sie sagt auch, daß, wenn man etwas angeboten bekommt, das man nicht mag, dann soll man nicht sagen: ''Das schmeckt mir nicht'', sondern man sagt: ''Danke, ich habe keinen Hunger.'' Ich habe kein Verlangen nach dir. >> << Aber weshalb? Schau, wenn du sagst, daß ich gut bin, dann gebe ich dir diese Münze. >> << Was soll ich damit? Was kaufe ich mir mit einer Lüge? Die Mutter sagt, daß das Geld, das man durch Betrug gewinnt, zu Stroh wird. Einmal habe ich mir von der alten Mutter mit einer Lüge eine Didrachme erschwindelt, um mir Honigküchlein zu kaufen, und in der Nacht ist sie zu Stroh geworden. Ich hatte sie in das Loch unter der Türe gesteckt, um sie anderntags zu holen, und habe in der Frühe ein Häuflein Stroh vorgefunden. >> 385 << Aber warum hältst du mich nicht für gut? Was habe ich denn an mir? Einen Klumpfuß? Oder bin ich häßlich? >> << Nein... aber du machst mir Angst. >> << Aber warum denn? >> fragt Judas Iskariot näherkommend. << Ich weiß nicht, laß mich in Ruhe. Rühre mich nicht an, sonst kratze ich dich. >> << Was für ein Igel. Er ist verrückt >>, Judas hat ein böses Lachen. << Ich bin nicht verrückt, aber du bist böse >>, und das Kind flüchtet zu Jesus, der es stumm streichelt. Die Apostel scherzen über den Vorfall, der wenig schmeichelhaft für Judas Iskariot ist. Nun kommt die Frau mit einem Dutzend Leuten zurück, und nach und nach kommen noch mehr. Es sind im ganzen ungefähr fünfzig Personen, alles arme Leute. << Würdest du zu ihnen sprechen? Wenigstens kurz. Dies ist die Mutter meines Mannes, dies sind meine Kinder, und der Mann dort ist mein Gatte. Nur ein Wort, Herr >>, bettelt die Frau. << Um dir für deine Gastfreundschaft zu danken, werde ich es tun. >> Die Frau geht ins Haus, wo der Säugling nach ihr schreit. Dann setzt sie sich auf die Schwelle und reicht ihm die Brust. << Hört, hier auf meinen Knien habe ich ein Kind, das sehr weise gesprochen hat. Es hat gesagt, daß alles, was man durch Betrug erworben hat, zu Stroh wird. Seine Mutter hat es diese Wahrheit gelehrt. Es ist kein Märchen, sondern ewige Wahrheit. Niemals kann etwas gut gelingen, das ohne Ehrlichkeit getan wird, denn die Lüge im Sprechen, Handeln, in der Religion, ist stets ein Zeichen des Bündnisses mit Satan, dem Meister der Lüge. Glaubt nicht, daß die Werke, durch die man das Himmelreich erwirbt, Werke von überwältigender Auffälligkeit seien. Es sind alltägliche Werke, die beständig und im Geist übernatürlicher Liebe vollbracht werden. Die Liebe ist der Same der Pflanze, die in euch keimt und zum Himmel wächst, und in deren Schatten alle übrigen Tugenden gedeihen. Ich vergleiche die Liebe mit einem winzigkleinen Senfkorn. Wie gering ist es! Eines der kleinsten Samenkörner, die der Mensch aussät. Und doch, seht, wie stark die Pflanze ist, wenn sie ihre volle Größe erreicht hat, wie dicht belaubt und fruchtbar. Nicht hundert für hundert, sondern hundert für eine Frucht gibt sie. Es ist das kleinste unter den Samenkörnern, aber das fleißigste bei seiner Arbeit. Und wieviel Nutzen bringt es! So ist die Liebe. Wenn ihr in eurer Brust einen kleinen Samen der Liebe für euren heiligsten Gott und euren Nächsten bergt und unter der Führung der Liebe eure Werke vollbringt, dann werdet ihr gegen keine Vorschrift der Zehn Gebote verstoßen. Ihr werdet Gott nicht mit einer falschen Religion, die sich in leeren Andachtsübungen erschöpft, belügen. Ihr werdet nicht als Kinder eure Eltern durch Undank kränken und nicht als ehebrecherische oder auch nur zu anspruchsvolle Gatten euren Partner um die 386 Liebe betrügen. Ihr werdet in Geschäften euren Nächsten nicht hintergehen, ihn im täglichen Leben nicht belügen und gegen euren Feind nicht gewaltsam vorgehen. Schaut, wie viele Vögelchen sich zu dieser warmen Mittagszeit ins Gebüsch dieses Gartens flüchten. Bald wird das kleine Senfpflänzchen dort eine wahre Zuflucht für die Spatzen sein. All diese Vögel werden Schutz und Schatten in den dichtbelaubten schönen Bäumen finden, und die Jungen werden darin fliegen lernen und dabei die Äste und Zweige als Leiter und Auffangnetz gebrauchen, um beim Fliegen nicht zu fallen. So verhält es sich mit der Liebe als Grundlage des Reiches Gottes. Liebt, und ihr werdet geliebt werden. Liebt, und ihr werdet nachsichtig miteinander sein. Liebt, und ihr werdet nicht grausam gegen eure Untergebenen sein und nicht mehr als erlaubt von ihnen verlangen. Liebt und seid ehrlich, um den Frieden und die Seligkeit des Himmels zu verdienen. Sonst wird sich, wie es Benjamin gesagt hat, jedes eurer Werke, das gegen die Liebe und die Wahrheit verstößt, in Stroh für euer höllisches Lager verwandelt werden. Ich füge nichts anderes hinzu. Ich sage nur: Haltet euch das große Gebot der Liebe vor Augen und seid treu dem Gott der Wahrheit und der Wahrheit in jedem Wort, in jedem Werk und in eurer ganzen Gesinnung, denn die Wahrheit ist die Tochter Gottes. Sie ist ein fortwährendes Werk der Vervollkommnung für euch, so wie das Samenkorn zu seiner Vollendung heranwächst; es ist ein Wirken in der Stille, in Demut und Geduld. Seid versichert, daß Gott euer Ringen sieht und daß eine besiegte Selbstsucht, ein unterdrücktes und nicht ausgesprochenes grobes Wort, ein nicht geltend gemachter Anspruch von ihm eine größere Belohnung einbringt als die Vernichtung eines Feindes durch Waffen in der Schlacht. Das Himmelreich, das ihr einst besitzen werdet, wenn ihr als Gerechte lebt, baut man mit den kleinen täglichen Dingen: Mit Güte, Sittsamkeit, Geduld, mit Sichbegnügen mit dem, was man hat, mit gegenseitigem Verständnis und mit Liebe, Liebe, Liebe. Seid gut und lebt in Frieden miteinander. Murrt nicht und richtet nicht. Dann wird Gott mit euch sein. Ich gebe euch meinen Frieden als Segen und zum Dank für den Glauben, den ihr mir bezeugt. >> Dann wendet sich Jesus an die Frau und sagt: << Gott segne dich ganz besonders, denn du bist eine gerechte Frau und eine gerechte Mutter. Harre aus in der Tugend. Leb wohl, Benjamin! Liebe die Wahrheit immer mehr und gehorche deiner Mutter. Ich segne dich, deine Geschwisterchen und deine Mutter. >> Ein Mann kommt nach vorne. Ganz verlegen stottert er: << Ich bin ganz gerührt über das, was du von meiner Frau sagst... Ich wußte nicht... >> << Hast du denn keine Augen und keinen Verstand? >> << Doch, die habe ich. >> 387 << Warum gebrauchst du sie nicht? Soll ich sie dir von den Nebeln befreien? >> << Du hast es bereits getan, Herr. Aber ich liebe sie, weißt du? Es ist nur, weil... weil man sich daran gewöhnt... und... und... >> << So glaubt man sich im Recht und mutet dem anderen zu viel zu, weil dieser gütiger ist als wir... Tue es nicht mehr! Du bist bei deiner Arbeit ständig in Gefahr. Fürchte die Gewitter nicht, wenn Gott mit dir ist; aber wenn Ungerechtigkeit in dir ist, dann hast du Grund zur Angst. Hast du verstanden? >> << Mehr als du denkst. Aber ich will versuchen, dir zu gehorchen... Ich wußte nicht... >>, und er blickt seine Frau an, als sähe er sie zum erstenmal. Jesus segnet und geht auf das Sträßlein; dann nimmt er den Weg wieder auf, der in Richtung der Felder führt. 224. JESUS GEBIETET DEM STURM AUF DEM SEE Welch innige Freude für mich war das heute! Ich häkelte eben an der Spitze, die sie kennen und hörte Musik in Gesellschaft der Familienangehörigen. Ich war durch gewöhnliche Dinge abgelenkt, als mich plötzlich eine Schauung überkam. Dadurch veränderte sich mein Ausdruck, was zum Glück nur Paula bemerkte. Diese Freude blieb den ganzen Nachmittag bis zum Augenblick des gewohnten Kräftezusammenbruchs, der früher als sonst eintraf; denn wenn ich so "sehe", dann habe ich einen größeren körperlichen Kräfteverbrauch, und besonders mein Herz wird dadurch stark beansprucht, was mich aber nicht bedrückt, denn es wird durch sehr viel seelische Freude ausgeglichen. Nun, da alle schlafen, will ich über meine Freude berichten. lch habe das Evangelium des heutigen Tages gesehen. Gerade heute morgen beim Lesen desselben habe ich mir gesagt: << Das ist nun eine biblische Begebenheit, die ich nie zu sehen bekommen werde, da sie sich für eine Vision wenig eignet. >> Doch als ich am wenigsten daran dachte, ist sie über mich gekommen, um mich mit Freude zu erfüllen. Hier folgt, was ich geschaut habe. Ein Segelboot, nicht besonders groß, aber auch nicht gerade klein, ein Fischerboot, auf dem sich gut fünf bis sechs Personen bewegen können, durchfurcht die tiefblauen Wasser des Sees von Genesareth. Jesus schläft im Heck. Er ist wie üblich weiß gekleidet und hat das Haupt auf den linken Arm gelegt, der auf seinem blaugrauen, mehrfach zusammengefalteten Mantel ruht. Er liegt nicht, vielmehr sitzt er im hinteren Teil des Schiffes und lehnt sich an das Brett am äußersten Bootsende. Ich weiß nicht, wie die Schiffsleute es nennen. Er schläft still und friedlich, denn er ist müde. Petrus ist am Steuer. Andreas kümmert sich um die Segel. Johannes und zwei andere - ich weiß nicht, wer sie sind - bringen die Netze und Taue im hinteren Teil des Schiffes in Ordnung, als wollten sie sich auf den 388 Fischfang vorbereiten, der vielleicht bei Einbruch der Nacht beginnt. Ich würde sagen, daß der Tag sich neigt, denn die Sonne steht schon im Westen. Die Jünger haben ihre Mäntel abgelegt und alle ihre Kleider geschürzt und mit den Gürteln festgebunden, damit sie freier in ihren Bewegungen sind beim Hin- und Hergehen im Boot und beim Hantieren nicht durch Ruder, Bänke, Körbe und Netze behindert werden. Ich sehe, daß der Himmel sich verdunkelt und die Sonne sich hinter plötzlich aufgezogenen Gewitterwolken verbirgt, die vom Gebirge her kommen. Der Wind, der im Augenblick noch nur in der Höhe weht, treibt die Wolken rasch dem See zu. Der See ist noch ruhig, wird jedoch dunkler und beginnt, sich an der Oberfläche zu kräuseln. Es sind noch keine Wellen, aber schon kleine Wellenbewegungen. Petrus und Andreas beobachten Himmel und See und treffen alle Vorkehrungen, um an Land zu gehen. Doch der Wind bricht nun mit Macht über den See, und in wenigen Minuten wallt und schäumt alles; die Brecher überschlagen sich gegenseitig, krachen gegen das Boot, heben es hoch und senken es, so daß es sich nach allen Seiten neigt und weder Ruder noch Segel mehr gebraucht werden können. Wegen des Sturmes wird das Segel eingezogen. Jesus schläft. Weder die schweren Schritte noch die aufgeregten Stimmen der Jünger, noch das Heulen des Windes, noch die Schläge der Wellen gegen die Bootsplanken wecken ihn. Seine Haare flattern im Winde, und manchmal trifft ihn auch ein Wasserspritzer, doch er schläft. Johannes eilt vom Bug zum Heck und deckt ihn mit seinem Mantel zu, den er aus einem Holzverschlag hervorgezogen hat. Der Sturm wird immer heftiger. Der See ist nun schwarz, als sei Tinte hineingeschüttet worden, und der Schaum der Wellen zieht Streifen darüber. Wasser ergießt sich ins Boot, das der Wind immer weiter vom Ufer abtreibt. Die Jünger schwitzen vor Anstrengung, das Boot in die richtige Fahrtrichtung zu lenken und das eingedrungene Wasser auszuschöpfen. Doch alles ist vergebens. Sie waten fast bis zu den Knien im Wasser, und das Boot wird immer schwerer. Petrus verliert die Ruhe und die Geduld. Er übergibt seinem Bruder das Ruder, geht schwankend zu Jesus hin und schüttelt ihn heftig. Jesus erwacht und hebt das Haupt. << Rette uns, Meister, wir gehen zugrunde! >> schreit Petrus. (Er muß schreien, damit man ihn hört.) Jesus schaut seinen Jünger fest an, dann blickt er auf die anderen und auf das Wasser. << Glaubst du, daß ich euch retten kann? >> << Schnell, Meister >>, schreit Petrus, während sich eine riesengroße Woge von der Mitte des Sees her rasch auf die armselige Barke zu bewegt. Es scheint eine Wasserhose zu sein, so hoch und schreckenerregend ist sie. Als die Jünger diesen Wasserberg herankommen sehen, knien sie nieder 389 und klammern sich fest, wo und wie sie nur können; sie sind überzeugt, daß dies das Ende ist. Jesus erhebt sich und steigt auf den Holzverschlag: eine weiße Gestalt vor dem Hintergrund des Unwetters. Er breitet die Arme gegen die Sturzwelle aus und gebietet dem Wind: << Halt ein und schweige >>, und dem Wasser: << Beruhige dich. Ich will es! >> Die Sturzwelle fällt in sich zusammen, löst sich in Schaum auf und zerfließt ohne zu schaden, während der Wind mit einem letzten Pfeifen in einem Seufzer verstummt. Über dem beruhigten See wird der Himmel wieder heiter und in die Herzen der Jünger kehrt die Zuversicht zurück. Die Majestät, die Jesus ausstrahlt, kann ich nicht beschreiben. Man muß sie gesehen haben, um sie begreifen zu können. Ich koste sie innerlich aus, denn sie ist mir immer noch gegenwärtig, und ich denke darüber nach, wie friedvoll doch der Schlaf Jesu und wie gewaltig seine Macht über Wind und Wellen war. 225. << HEIMSUCHUNGEN DIENEN DAZU, DASS IHR EUCH EURES EIGENEN NICHTS BEWUSST WERDET >> Jesus sagt dann: << Ich erkläre dir das Evangelium nicht in dem Sinne, wie alle es auslegen. Ich erläutere dir die Vorgeschichte eines jeweiligen Abschnittes im Evangelium. Warum schlief ich? Wußte ich vielleicht nicht, daß das Unwetter hereinbrechen würde? Doch, ich wußte es. Ich allein wußte es. Warum also schlief ich? Die Apostel waren Menschen, Maria. Von gutem Willen beseelt, aber doch noch zu sehr Menschen. Der Mensch glaubt immer, alles zu können, und ist er einmal in etwas wirklich tüchtig, dann wird er selbstgefällig und brüstet sich mit seiner ''Tüchtigkeit.'' Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes waren gute Fischer und glaubten sich unübertroffen im Umgang mit Booten. Ich war für sie ein großer Rabbi, aber als Seemann eine Null. Deshalb hielten sie mich für unfähig, ihnen zu helfen; und als wir ins Boot stiegen, um das Galiläische Meer zu überqueren, baten sie mich, sitzen zu bleiben, weil ich zu nichts anderem zu gebrauchen war. Ein weiterer Grund war aber auch ihre Zuneigung, denn sie wollten mir keine körperlichen Anstrengungen zumuten. Doch die Überzeugung von ihrer Tüchtigkeit übertraf sogar die Zuneigung. Maria, ich dränge mich nur in außergewöhnlichen Fällen auf. Im allgemeinen lasse ich euch die Freiheit und warte. An jenem Tage setzte ich mich zum Schlafen hin, da ich müde war und sie mich aufgefordert hatten, 390 mich auszuruhen und sie allein machen zu lassen, da sie ja so erfahren waren. In meinem Schlaf mischte sich auch die Feststellung, wie sehr der Mensch doch Mensch ist und eigenständig handeln will, ohne darauf zu achten, daß Gott nichts anderes möchte als helfen. Ich sah in diesen ''geistig Tauben'', in diesen ''geistig Blinden'', alle Tauben und Blinden im Geiste, die sich im Laufe der Jahrhunderte zugrunde richten werden, weil sie ''selber tun wollen'', während ich mich über ihre Erbärmlichkeit neige und nur darauf warte, zu Hilfe gerufen zu werden. Als Petrus rief: ''Rette uns! '' fiel meine Bitterkeit von mir wie ein Stein, den man fallen läßt. Ich bin nicht ''Mensch'', ich bin der Gott-Mensch. Ich handle nicht, wie ihr handelt. Wenn jemand euren Rat und eure Hilfe ausgeschlagen hat und ihr diesen Menschen in Schwierigkeiten seht, selbst wenn ihr nicht so schlecht seid, Schadenfreude zu empfinden, so steht ihr doch mit stolzer Ablehnung und Gleichgültigkeit seinem Hilferuf gegenüber. Mit eurem Verhalten gebt ihr ihm zu verstehen: ''Als ich dir helfen wollte, hast du mich abgelehnt. Nun hilf dir selbst.'' Aber ich bin Jesus. Ich bin der Retter, und ich rette, Maria, immer rette ich, sobald man mich ruft. Die armen Menschen könnten einwenden: ''Warum erlaubst du dann so vielen einzelnen und vereinten Stürmen, sich zu bilden?'' Wenn ich mit meiner Macht das Böse - was es auch sein mag - zerstören würde, dann würdet ihr euch schließlich für die Urheber des Guten halten, das in Wirklichkeit mein Geschenk ist, und ihr würdet euch nicht mehr meiner erinnern. Überhaupt nicht mehr! Ihr armen Kinder habt das Leid nötig, um euch zu erinnern, daß ihr einen Vater habt, so wie der verlorene Sohn sich seines Vaters erinnerte, als er Hunger litt. Heimsuchungen dienen dazu, euch von eurer Nichtigkeit, eurer Torheit als Ursache so vieler Irrtümer zu überzeugen, von eurer Bosheit als Ursache von so viel Leid und Schmerz, von euren Sünden als Ursache von Strafen, die ihr selber heraufbeschwört, und schließlich von meiner Existenz, meiner Macht und meiner Güte. Das ist es, was das heutige Evangelium euch sagen will, ''euer'' Evangelium für die gegenwärtige Stunde, ihr armen Kinder. Ruft mich an. Jesus schläft nur, wenn er betrübt sehen muß, daß er von euch nicht geliebt wird. Ruft mich, und ich werde kommen. >> 391 226. DIE BESESSENEN GERASENER Jesus bittet Petrus, bei Hippo anzulegen, nachdem sie den See, von Nordwesten kommend, überquert haben. Petrus gehorcht ohne Widerrede und lenkt das Boot bis zur Mündung eines kleinen Baches, den der Frühjahrsregen und das kürzliche Gewitter haben anschwellen lassen und der in einer felsigen Bucht in den See mündet. Übrigens ist die ganze Küste auf dieser Seite felsig. Die Schiffsjungen befestigen die Boote - in jedem Boot ist ein Junge - und erhalten Anweisung, für die Rückkehr nach Kapharnaum bis zum Abend zu warten. << Wenn euch jemand fragt, so seid ihr hier zum Fischen >>, rät Petrus. << Wenn sich jemand erkundigt, wo der Meister ist, dann antwortet bestimmt: ''Ich weiß es nicht," und wenn jemand wissen will, in welche Richtung er gegangen ist, dann gebt dieselbe Antwort. Es entspricht ja auch der Wahrheit, denn ihr wißt es nicht. >> Sie trennen sich, und Jesus schlägt einen steilen Bergpfad ein, der am Felsenriff emporsteigt. Die Jünger folgen ihm auf diesem beschwerlichen Wege bis zum höchsten Punkt der Klippe, wo diese in eine Hochebene mit vielen Eichen ausläuft, unter denen zahlreiche Schweine weiden. << Stinktiere! >> ruft Bartholomäus aus. << Sie hindern uns am Weitergehen... >> << Nein, sie hindern uns nicht. Es hat Platz für alle >>, antwortet Jesus ruhig. Im übrigen bemühen sich die Schweinehirten, als sie die Israeliten sehen, die Tiere unter die Eichen zusammenzutreiben, so daß der Pfad frei wird. Die Apostel gehen, Grimassen schneidend und dem Kot der Tiere ausweichend, an den wühlenden Schweinen vorbei, die schon fett sind und noch fetter werden wollen. Jesus ist, ohne große Anstalten zu machen, weitergegangen und sagt den Schweinehirten: << Gott vergelte euch eure Freundlichkeit. >> Die Hüter, arme Leute, nicht viel weniger schmutzig als die Schweine, dafür aber unendlich magerer, sehen ihn erstaunt an und tuscheln dann miteinander. Einer sagt: << Aber ist er nicht ein Israelit? >> Worauf die anderen antworten: << Siehst du nicht, daß er Fransen am Gewand hat? >> Die Apostel vereinigen sich wieder zu einer Gruppe, da sie nun zusammen auf einem breiteren Weg gehen können. Der Ausblick ist wunderschön. Da sie sich hoch über dem See befinden, können sie den ganzen Wasserspiegel mit den an den Ufern liegenden Ortschaften überblicken. Tiberias mit seinen schönen Bauten liegt genau gegenüber der Stelle, an der sich die Apostel befinden. Gleich unter ihnen, am Fuße des Basaltriffs, gleicht der schmale Strand einem grünen Kissen, während sich am anderen Ufer, zwischen Tiberias und der Mündung des Jordans, eine ziemlich weite, moorige Ebene erstreckt. Sie ist 392 sehr dicht bewachsen mit Kräutern und Büschen, wie man sie an Sümpfen finden kann, und belebt von Scharen von in allen Farben glitzernden, wie mit Edelsteinen geschmückten Wasservögeln, was dem Ort das Aussehen eines Gartens verleiht. Die Vögel erheben sich aus dem dichten Gras und Schilf, fliegen über den See, stürzen in die Tiefe, um im Wasser einen Fisch zu schnappen, dann schwingen sie sich wieder empor, mit von der Nässe noch farbenprächtigerem Gefieder, und kehren zur blühenden Ebene zurück, auf der der Wind die Farben scherzhaft durcheinanderweht... Hier hingegen sind Wälder mit sehr hohen Eichen, und weichem, smaragdgrünem Gras darunter. Jenseits dieses Waldes steigt der Berg wieder an und bildet einen felsigen, steil abfallenden Gipfel, auf dessen Vorsprüngen man Häuser erbaut hat. Mir scheint, daß der Berg mit dem Mauerwerk ein Ganzes bildet, und seine Höhlen als Wohnstätten dienen, so daß der Ort ein Mittelding zwischen einer Siedlung von Höhlenbewohnern und einem gewöhnlichen Dorf darstellt. Charakteristisch ist der terrassenförmige Anstieg, bei dem die Hausdächer der unteren Terrassen das Niveau des ebenerdigen Eingangs zu den darüberliegenden Häusern bilden. Seitlich, wo der Berg zu steil ist für irgendwelche Bauten, befinden sich tiefe Höhlen und Spalten und in den Felsen gehauene Treppen. Bei starken Regenfällen müssen diese Spalten und Treppen zu reißenden Bächen werden. Gestein jeglicher Art, das die niederstürzenden Fluten zu Tal gerissen haben, bildet den ungeordneten Unterbau dieses zerklüfteten, wilden, kleinen Berges, der bucklig und aufdringlich wie ein Krautjunker um jeden Preis beachtet werden will. << Ist das dort nicht Gamala? >> fragt der Zelote. << Ja, es ist Gamala. Kennst du es? >> fragt Jesus. << Ich flüchtete einmal hierher in einer Nacht, die nun schon lange zurückliegt. Hier brach der Aussatz aus, und ich verließ den Ort der Absonderung nicht mehr. >> << Bis hierher wurdest du verfolgt? >> fragt Petrus. << Ich kam von Syrien, wohin ich schutzsuchend geflohen war. Doch man entdeckte mich dort, und nur die Flucht in diese Gegend bewahrte mich vor der Festnahme. Danach drang ich immer weiter in den Süden vor, bis zur Wüste von Tekua, und von dort - aussätzig - bis zum Tal der Toten. Der Aussatz rettete mich vor den Feinden... >> << In diesem Tal waren wohl alle Heiden? >> fragt Judas Iskariot. << Fast alle. Es gibt wenige Juden, die Handel treiben, und sonst ein Gemisch von religiösen Bekenntnissen und Ungläubigen. Sie waren jedoch mit mir, dem Flüchtling, nicht ungut. >> << Ein Platz für Banditen! Mit all diesen Schluchten! >> rufen mehrere gleichzeitig aus. << Ja, aber glaubt mir, Banditen gibt es mehr auf der anderen Seite >>, 393 sagt Johannes, der immer noch beeindruckt ist von der Gefangennahme des Täufers. << Andererseits gibt es auch Räuber unter denen, die als Gerechte gelten >>, fügt sein Bruder hinzu. Jesus ergreift das Wort: << Trotzdem werden wir ohne Abscheu an sie herantreten, auch wenn ihr eure Gesichter verzogen habt, als ihr an den Tieren vorbeigehen mußtet. >> << Sie sind unrein... >> << Der Sünder ist es weit mehr. Diese Tiere sind so erschaffen worden; und es ist nicht ihre Schuld, daß sie sind, wie sie sind. Der Mensch hingegen ist dafür verantwortlich, wenn er durch die Sünde unrein ist. >> << Aber warum hat man sie uns dann als unrein bezeichnet? >> fragt Philippus. << Ich habe es schon einmal angedeutet. Diese Anordnung hat einen übernatürlichen und einen natürlichen Grund. Der erste ist dieser: das auserwählte Volk zu lehren, sich seine Auserwählung und seine menschliche Würde vor Augen zu halten, sogar bei einer so gewöhnlichen Beschäftigung wie dem Essen. Der Wilde ernährt sich von allem, wenn er nur seinen Bauch füllen kann. Auch der heidnische Mensch, selbst wenn er kein Wilder ist, ißt alles und überlegt nicht, daß allzu vieles Essen im Menschen erniedrigende Laster und Neigungen entfacht. Die Heiden ergeben sich sogar der Völlerei und machen daraus beinahe eine Religion. Die Gebildeteren unter euch haben von jenen obszönen Festen zu Ehren ihrer Götter gehört, die zu Orgien der Sinnenlust ausarten. Ein Kind des Volkes Gottes muß sich zu enthalten wissen, und sich im Gehorsam und in der Weisheit vervollkommnen, indem es seinen Ursprung und sein Ziel vor Augen behält, nämlich Gott und den Himmel. Der natürliche Grund läßt uns die Speisen meiden, die im Menschen entwürdigende Leidenschaften entfachen. Die Liebe, auch die fleischliche, ist ihm nicht verwehrt, doch muß sie stets mit der Frische der zum Himmel strebenden Seele gemäßigt werden. Liebe soll also nicht Sinnenlust, sondern ein Gefühl von Zuneigung sein, die den Mann an seine Gefährtin bindet, in der er den Menschen seinesgleichen sieht und nicht das Weib. Die armen Tiere aber haben keine Schuld, weder daran, daß sie Schweine sind, noch daran, daß ihr Fleisch auf die Dauer gewisse Auswirkungen im Blut hervorrufen kann. Und noch weniger schuldig sind die Hüter dieser Tiere. Wenn sie ehrlich sind, was ist dann im anderen Leben für ein Unterschied zwischen ihnen und einem Schriftgelehrten, der sich über Bücher neigt und aus ihnen leider das Gutsein nicht lernt? In Wahrheit sage ich euch, wir werden einst Schweinehirten unter den Gerechten und Schriftgelehrte unter den Ungerechten finden. Aber was ist das für ein Getöse? >> Sie drücken sich alle an die Felswand, denn Steine und Erdschollen kommen von oben angerollt. Erstaunt schauen sie sich an. 394 << Schaut! Schaut! Schaut dort! Zwei... ganz Nackte... kommen gestikulierend auf uns zu. Verrückte... >> << Oder Besessene >>, entgegnet Jesus Judas Iskariot, der als erster die beiden Besessenen auf Jesus zukommen sah. Sie leben wohl in einer Höhle des Berges. Sie schreien, und der eine, der rascher läuft, eilt auf Jesus zu. Er gleicht einem eigenartigen Vogel, dem die Federn ausgerupft worden sind, wie er so schnell daherkommt und seine Arme bewegt, als wären es Flügel. Er wirft sich schreiend vor Jesus nieder: << Bist du da, Herr der Welt? Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, Sohn des Allerhöchsten? Ist denn die Stunde unserer Strafe schon gekommen? Warum bist du gekommen, uns vor der Zeit zu quälen? >> Der andere Besessene, sei es, daß ihm die Zunge gebunden ist, sei es, daß der Dämon in ihm eine gewisse Stumpfsi |
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